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Der Staatsschatz aus dem Alten Bern hätte Urs Gasche die Arbeit leichter gemacht

BERNER FinanzenLocker palaverten Alt-Finanzdirektor

Klar wäre er gerne «Säckelmeister» gewesen vor 250 Jahren, in der schuldenfreien Stadtrepublik Bern mit ihrem legendären Staatsschatz. Das bekannte der frühere Regierungsrat und Finanzdirektor Urs Gasche gut gelaunt vor dem Historischen Verein des Kantons Bern (HVBE). Als Untertan, relativierte Gasche aber, hätte er um 1750 wohl keine Mitspracherechte und Freiheiten gehabt. Weshalb er am liebsten im Staat von damals mit den Rechten von heute leben würde. Reichtum ohne Demokratie Gasche sass vorgestern Abend auf Einladung des HVEB im Vortragssaal der Berner Universitätsbibliothek Stefan Altorfer-Ong gegenüber. Der 35-jährige Berner Wirtschaftshistoriker, der heute in einem reichen Stadtstaat der Gegenwart lebt und arbeitet, nämlich in Singapur, hat seine aufregende Dissertation über die Berner Staatsfinanzen im 18. Jahrhundert geschrieben. Diese müssen einem früheren Berner Schuldenverwalter wie Gasche schlicht paradiesisch vorkommen: Das patrizische Bern war laut Altorfers Beschreibung dank einem stetig wachsenden Staatsschatz und Gewinnen aus Finanzgeschäften im Ausland ein schlanker Staat mit tiefen Steuern und Budgetüberschüssen, die in die Infrastruktur reinvestiert wurden. Kein Wunder, war das alte Bern der grösste und potenteste Teil der alten Eidgenossenschaft. Und so ziemlich ein Gegenteil des heutigen Kantons Bern. Dieser gebe heute viel aus für Bildung, Fürsorge und Gesundheit, sagte Gasche seufzend. Früher habe der Staat diese Posten an die Gemeinden oder die Kirche delegiert. Und damals sei keine demokratische Konsensfindung nötig gewesen, weil eine schmale Patrizierelite allein bestimmt habe, wofür der Staat Geld ausgebe, meinte Gasche fast etwas nostalgisch. Um aber gleich anzufügen, man könne nicht hinter den heutigen Zustand zurückfallen. Er persönlich sehe allerdings durchaus Sparmöglichkeiten. Diese liessen sich aber politisch nur schwer durchsetzen. Sparsam und weitsichtig Gesprächsleiter Stefan von Below vom HVEB fragte, ob die heutigen Finanzpolitiker Inspiration bei ihren Vorgängern beziehen könnten. Da die Patrizier den Staat als Familienangelegenheit gesehen hätten, erklärte Historiker Altorfer, hätten sie nachhaltiger, zurückhaltender und weitsichtiger gewirtschaftet als die ausgabefreudigen Politiker von heute, die in kurzen Vierjahreswahlperioden dächten. Gasche fügte an, die Ausgaben seien gar nicht Berns Hauptproblem. Das ortet er im Umstand, dass Berns Wirtschaft zu ertragsschwach sei. Das auf Landwirtschaft ausgerichtete alte Bern habe irgendwann «den Moment verpasst, eine Rentabilitäts- und Handelswirtschaft zu werden». Jammern helfe aber nichts, sagte Gasche. «Wir müssen uns selber an der Nase nehmen und nicht nur unsere Landschaft erhalten, sondern unsere Betriebsamkeit erhöhen.» Die Veranstalter hatten übrigens zuerst die amtierende Finanzdirektorin Beatrice Simon angefragt. Weil die mit den real existierenden Ausgaben und Schulden des Kantons genug zu tun hat, liess sie ihrem Vorgänger gerne den Vortritt. Dieser, von Last und Verantwortung befreit, nutzte die Gelegenheit, dem Kanton angesichts «relativ düsterer Aussichten» ein wenig die Leviten zu lesen: Weil sie diverse «nachhaltige Mehrausgaben getätigt» hätten, müssten die Kantonsbehörden jetzt «ihre Hausaufgaben erledigen», um nicht jeweils «zwei Schritte vorwärts und einen rückwärts» zu machen. Stefan von BergenDas Buch: Stefan Altorfer-Ong: «Staatsbildung ohne Steuern – Politische Ökonomie und Staatsfinanzen im Bern des 18.Jahrhunderts», Hier+Jetzt-Verlag, Fr.49.90.>

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