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Burger schliessen den Bund fürs (Über-)Leben

Spiezwiler und EinigenDie beiden Burgerbäuerten

Die Heirat gilt gemeinhin als der Bund fürs Leben. Diese Ehe aber ist der Bund fürs Überleben. Die Braut und der Bräutigam schliessen ihn offiziell per 1.Januar 2012, doch das Eheversprechen ist längst abgelegt – und auch schon besiegelt. Unlängst teilte der Kanton mit: «Die Justizkommission des Grossen Rates hat auf Antrag des Regierungsrates beschlossen: Dem von den Burgerbäuerten Spiezwiler und Einigen beantragten Zusammenschluss zur Burgerbäuert Spiezwiler/Einigen wird zugestimmt, und der Fusionsvertrag vom 8. respektive 12.April 2011 wird genehmigt.» Im Frühling hatten sich zuerst die Burger von Spiezwiler und vier Tage später jene aus Einigen für die gemeinsame Zukunft ausgesprochen. Dies taten sie aus erwähntem Grund: «Die Burgerbäuert Einigen konnte mit nur noch neun Burgern den gesetzlichen Pflichten, der Bestellung des Burgerrates, nicht mehr zur Genüge Folge leisten», begründet Paul Müller. Zudem seien die meisten Einiger Burger bereits in fortgeschrittenem Alter, ergänzt der fitte Rentner. «Die Nachwuchsleute fehlen.» «Einigen nicht geschluckt» In seiner Burgerbäuert in Spiezwiler gibt es heute 46 Burger. In den letzten Jahren konnten einige Familien eingeburgert werden. Noch bis Ende Jahr steht Müller der Korporation aus Spiezwiler vor – 27 Jahre ist er deren Präsident, 18 Jahre war er zuvor deren Sekretär. Bis Ende Jahr hat in Einigen Heinz Berger das Sagen. Ab 2012 präsidiert der 71-jährige Paul Müller die fusionierte Burgerbäuert Spiezwiler/Einigen – und Berger ist Burgerrat. «Die Einiger werden nicht geschluckt, sondern sind gleichberechtigte Partner», betont Paul Müller. Um seine Aussage zu untermauern, erklärt er, dass fortan beide Wappen zusammen verwendet würden. Etwa auf dem Briefpapier. Müller, der sich auch in der Einwohnergemeinde Spiez engagiert – er sitzt für die SVP im Parlament, das er 2010 präsidierte – sah das drohende Unheil auf die Einiger zukommen. «Sie wären ausgestorben», spricht er Tacheles. Obwohl Spiezwiler anders als etwa die Burgerbäuert Spiez geografisch keine Berührungspunkte mit Einigen hat, erfolgten im April 2010 erste Kontakte. Und dann viel, viel Arbeit für Müller, der 40 Jahre sein Geld als Schreiber verdiente. Er habe die Fusion beinahe im Alleingang aufgegleist, sagt er nicht ohne Stolz, beziffert den Arbeitsaufwand mit «etwa 80 Stunden». Er passte und glich die verschiedenen Reglemente an, wurde dann vom Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) aufgefordert, einen Fusionsvertrag auszuarbeiten. Ein Muster gab es für Gemeinden, nicht aber für Burgerbäuerten. Entsprechend war der Aufwand, ehe die erste Ehe im Berner Burgerwesen Tatsache war. Premiere im Kanton Bern «Seit wir die Veränderungen der öffentlich-rechtlichen Körperschaften aufzeichnen, hat es keine Fusion von Burgergemeinden gegeben», bestätigt Rahel Fricker von der Abteilung Gemeinden beim AGR. Und ihre Arbeitskollegin Stefanie Feller, Juristin im Gemeinderecht, sagt: «Wir haben versucht, Paul Müller nach Möglichkeiten zu helfen.» Sie lobt, die Fusion von burgerlichen Korporationen oder Gemeinden sei eine «super Alternative» zum oft gewählten Vorgehen: Viele wandeln sich in private Körperschaften um. Sie tun dies, um nicht mehr dem (strengen) Gemeindegesetz zu unterstehen. Denn laut Stefanie Feller ergeben sich immer mehr Probleme in der Organisation der burgerlichen Körperschaften, da sie ihre Aufgaben kaum noch bewältigen könnten. Die Kleinen, insbesondere die Korporationen, haben teils grosse Mühe, die Vorschriften einzuhalten. Sie sind – wie die Einiger – kaum noch in der Lage, die Organe zu besetzen. Das wirkt sich aus – in Zahlen: Vor zwei Jahren wurden im Kanton noch 285 Burgergemeinden und burgerliche Korporationen gezählt. Aktuell sind es laut Rahel Fricker noch 275 (siehe Kasten). «Das Burgerwesen ist heute nicht mehr von gleich grosser Bedeutung wie früher», glaubt derweil Stefanie Feller. Anders als einst wohnten viele Burger nicht mehr in den Gemeinden und hätten daher keinen Burgernutzen mehr. Jener in Spiezwiler umfasst beispielsweise günstigeres Holz, ein Weihnachtsgeschenk («beispielsweise ein Stück Hobelkäse», so Müller), Anlässe im burgereigenen Lokal im Schluckhals sowie – wer beim Waldputz mit anpackt – eine Hunderternote. «300 Franken pro Jahr wären das zulässige Maximum, das wir pro Person entrichten dürften», sagt Präsident Müller. In der neuen Korporation werden bereits 18-Jährige als Burger aufgenommen werden können. Früher musste man hierfür «eigenes Feuer und Licht» haben – sprich einen eigenen Haushalt führen. Neu 75 Hektaren Fläche Mit der Fusion werden die Vermögenswerte beider Burgerbäuerten per 1.Januar 2012 zusammengelegt. Es sind mehrheitlich Wald und einige Grundstücke – neu 75 Hektaren (Spiezwiler 52, Einigen 23). In Spiezwiler gibt es einen Pachtvertrag mit dem Rebbau Spiez und einen Baurechtsvertrag mit der Oberland Energie AG, die auf dem Burgerbäuertland im Schluckhals unlängst ihr Biomassezentrum eröffnet hat. Für Paul Müller ist indes der Wald der wahre Burgerstolz. «Getreu dem Motto ‹Wir lieben den Wald noch› führen wir fast alle Arbeiten in diesem selbst aus und tragen auch sämtliche Kosten.» Dies zum Wohle aller Nutzer, der Allgemeinheit, wie er ergänzt. Übrigens: Der Neopräsident der erfolgreich vermählten Burgerbäuerten wohnte in Bern der einstimmig beschlossenen Fusion durch die Justizkommission bei. Das tat auch Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektor Christoph Neuhaus. «Er sprach von einer historischen Angelegenheit, die er nicht verpassen wolle», erinnert sich Paul Müller. Als erste Amtshandlung wird der neue Burgerrat der frischvermählten Burgerbäuert Spiezwiler/Einigen im Januar das Budget zu erstellen haben. Über Vermögenszahlen mag Müller nicht im Detail Auskunft geben. Das schüre Vorurteile. Welcher Bräutigam spricht schon über die Aussteuer der Braut. Jürg Spielmann>

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