Lina Bögli ist zurück in ihrer Heimat

Schlachthaus Christoph Marthalers Produktion über die weltreisende Oberaargauerin Lina Bögli wurde 1996

uraufgeführt – und eroberte danach die Bühnen Europas. Nun ist das berühmte Stück in Originalbesetzung erstmals in Bern zu sehen – mit Chansonnier Michael von der Heide.

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Seltsam, dass «Lina Böglis Reise» erst fünfzehn Jahre nach der Basler Uraufführung in Bern gezeigt wird. Das meint auch der Chansonnier Michael von der Heide, der zu den prominenten Mitgliedern im Ensemble gehört: «Es wurde langsam Zeit, dass Lina Bögli den Weg in ihre Heimat findet.» Tatsächlich passt das Stück wunderbar zur Klischeevorstellung der gemächlichen Bundesstadt: Die Langsamkeit und Unaufgeregtheit, die Wiederholungen und Déja-vus sind sowohl auf der Bühne wie auch auf Berns Gassen auszumachen. Ausserdem ist die Berner Heimat eines der zentralen Sehnsuchtsmotive in der berühmten Inszenierung des Zürcher Regisseurs Christoph Marthaler: 1858 in Oschwand geboren, ging Lina Bögli als erste Schweizerin überhaupt mutterseelenallein und mittellos auf Weltreise. In Briefen an eine fiktive Freundin berichtete sie von ihren Reiseerlebnissen und Eindrücken, aber auch von ihrem Heimweh. Marthaler nahm die Reiseberichte als Vorlage und kreierte daraus einen Theater- und Liederabend in seiner ganz eigenen Manier.

Überall erfolgreich

Seit der Uraufführung wurde das Stück unter anderem ans Berliner Theatertreffen eingeladen und gastierte unter anderem in Zürich, Lyon, Budapest und Krakau. «Speziell ist, dass Lina Bögli überall Erfolg hatte», erinnert sich Michael von der Heide. Und selbst nach fünfzehn Jahren wird die Inszenierung dem Sänger nicht langweilig: «Das Stück ist sehr poetisch, lustig, nachdenklich und berührend; gespickt mit vielen wunderbaren Liedern – da kommt keine Langeweile auf.»

Auch habe sich das Bühnengeschehen in all den Jahren nicht verändert: «Das Wichtigste an dieser Inszenierung ist, dass wir Darsteller, Schauspieler und Sänger uns ganz akribisch an die Regieanweisung halten. Nur so bleibt das Stück frisch und fein. Geändert hat sich, dass wir alle etwas älter geworden sind», so Michael von der Heide, der den Abend mit Chansons wie «Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück, und ich träum’ davon in jedem Augenblick» unglaublich versüsst.

Die Poesie des «Nichtstuns»

Neben ihm auf der Bühne spielt Catriona Guggenbühl berührend und mit grosser Ehrlichkeit die adrette Lina Bögli. Der Pianist Clemens Sienknecht wechselt zwischen Harmonium, Klavier und Flügel und bedient die Klaviatur auch gerne mal mit der Nase. Ueli Jäggi sorgt als wunderbar unterspannter Radiomoderator genauso für Lacher wie Graham F.Valentine mit seinen «Very British»-Vorträgen. Die Dramaturgie des Abends ist nicht unbedingt auf einen sinngebenden Spannungsbogen hin aufgebaut, sondern rhythmuswechselnd wie Musik. Es ist ein Marthaler-Phänomen: Geschätzte Dreiviertel des Stücks passiert auf der Bühne «nichts». Doch das Publikum im ausverkauften Schlachthaus-Theater lässt sich vom grossartigen Ensemble und seinem «Nichtstun» gerne unterhalten und berühren.

Magdalena Nadolska«Lina Böglis Reise»: Die Vorstellung heute Abend ist ausverkauft. Weitere Produktion im Rahmen der «Heimat»-Reihe: «Crazy Horn», Walliser Bergsteigersatire: Sa, 20.30 Uhr und So, 19 Uhr, im Schlachthaus-Theater.

Tickets: www.schlachthaus.ch.

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Erstellt: 21.01.2011, 00:32 Uhr

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