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Gute Nacht, Bern!

Kommt nach dem Rauchverbot irgendwann das Lachverbot? Ein stammtischgeschulter Aschenbecher hängt in zwangsweiser Untätigkeit düsteren Gedanken nach.

Ich habe mich schon einmal zu Wort gemeldet, aber das war vor der Zeitenwende. Vor dem Rauchverbot in Bern. Mittlerweile stehe ich irgendwo in der Altstadt in einem dunklen Keller mit ein paar Artgenossen zu einem Stapel vereint. Wahrlich, wir sind ein trauriger Anblick, den niemand mehr zu Gesicht bekommen wird. Als Aschenbecher haben wir ausgedient in dieser Stadt. Die Arbeitslosigkeit in unserer Branche liegt mittlerweile bei 90 Prozent, Tendenz steigend. Entschuldigen Sie mich, aber über eure Quote kann ich da nur lachen. Aber was interessiert Sie schon die Meinung eines alten, stinkenden Aschenbechers? Ich bin abgeschrieben, es ist ausgeäschert, der Laden wurde ordentlich gelüftet, die vergilbten Vorhänge abhängt, der Raum parfümiert. Die Bevormundung des Volkes durch den Staat hat einen weiteren Sieg errungen, und das Volk hat es stillschweigend geschluckt. Bern besitzt das revolutionäre Potenzial eines verwaschenen Che-Guevara-T-Shirts. Aber klar, solange es euch noch immer zu gut geht, lohnt es sich auch nicht, sich aus dem Sofa, dem Sessel oder dem Stuhl zu erheben. Klagen auf hohem Niveau ist des Schweizers liebste Freizeitbeschäftigung. Und früher war sowieso immer alles besser. Und man hat es immer schon gewusst, und wenn man selbst am Hebel sitzen würde, dann würde man alles anders, vor allem besser machen. Aber Verantwortung übernehmen? Nein, danke. Ja, wie Sie hören, ich bin ein stammtischgeschulter, um nicht zu sagen geschädigter, Aschenbecher. Aber ich frage mich schon, was als nächstes kommen wird: Der Kampf gegen die Fettleibigkeit? Läuft schon. Der Kampf gegen den Alkoholkonsum? Läuft schon. Ich sage es Ihnen: Als Nächstes wird dem Lachen der Kampf erklärt. Wissen Sie eigentlich, wie viel Zeit mit Lachen verbracht wird? Diese sinnlos genutzte Zeit, in der gearbeitet, konzentrierter gearbeitet werden könnte, die Steigerung des Bruttosozialproduktes voranzutreiben. Was lachen Sie jetzt? Sie schaden damit der Volkswirtschaft! Jedes Mal, wenn Sie lachen und deswegen also nicht oder nur unkonzentriert arbeiten können, schaden Sie dem Staat. Der Volkswirtschaft. Jedes Mal, wenn Sie lachen, protestieren Sie so gegen die Maximierung des Gewinnes. Ich würde jetzt nicht so weit gehen dies als Akt des Terrorismus zu bezeichnen, aber Lachen ist eindeutig eine Vorstufe davon. Stellen Sie sich nur vor, die Menschen würden die ganze Zeit lachen. Dieses Land ginge vor die Hunde. Ein Lob also auf all die griesgrämigen Bus- und Tramchauffeure, ein Lob also auf die griesgrämigen Pendler morgens, ein Lob also auf all die griesgrämigen Serviceangestellten, ein Lob also auf das griesgrämige Verkaufspersonal. Denken Sie das nächste Mal daran, wenn sie lächelnd bedient werden, hinter diesem vermeintlichen Zeichen von Freundlichkeit verbirgt sich ein stiller Protest gegen den freien Markt, der sich plötzlich in ein gefährliches, lautest Lachen entladen könnte. Fertig lustig also, ausgelacht und ausgeraucht. Fertig mit Fleischfressen! Nutztiere in den Keller! Fertig mit Alkohol! Gehört in die Aare geschüttet! Fertig mit Kultur! Sprengt das Stadttheater, die Dampfzentrale, das Kasino, die Reitschule! Fertig mit Vergnügen! Nachtruhe ab 23 Uhr. Das Einzige, was noch zählen soll: Gesundheit durch Arbeit! Mehr Arbeit durch mehr Gesundheit! Ja! Fertig lustig! Gute Nacht, Bern. Jürg Halter (29), Dichter aus Bern. Auch bekannt als Musiker Kutti MC, von dem soeben sein neues Album «Sunne» erschienen ist: www.myspace.com/kuttimc >

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