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Annemarie SchwarzenbachRebellin im 5-Stern-Hotel

Sie war Schriftstellerin, Reporterin, Antifaschistin, lesbisch – und Fotografin. Das Zentrum Paul Klee zeigt Annemarie Schwarzenbachs Fotografien.

Annemarie Schwarzenbach mit ihrer Kamera. Wer sie fotografiert hat, ist unbekannt.
Annemarie Schwarzenbach mit ihrer Kamera. Wer sie fotografiert hat, ist unbekannt.
PD / Zentrum Paul Klee

Es ist März im Jahr 1942. Annemarie Schwarzenbach sitzt an Bord der SS Quanza, irgendwo auf dem Meer zwischen Marokko und Portugal, als sie ihrer Freundin Ella Maillart schreibt:

«Ich will die tieferen Wurzeln unserer europäischen Krise verstehen, und will die Quelle der wahren Kraft suchen, die wir benötigen, während und nach diesem schrecklichen Krieg, um in jeder Seele den Widerstand aufzubauen – nicht nur gegen den Faschismus – sondern gegen jegliches Übel und das «falsche Leben», das er über uns brachte.»

Verstehen wollen – nicht nur «die europäische Krise», sondern auch die Wirtschaftskrise in Amerika hatte sie zu verstehen versucht, die von brutaler Armut und Rassismus geprägte Bevölkerung der Südstaaten oder aber die Spannung zwischen technischem Fortschritt und Zerstörung der Natur. Nun sind Schwarzenbachs Fotografien in der Ausstellung «Aufbruch ohne Ziel – Annemarie Schwarzenbach als Fotografin» im Zentrum Paul Klee (ZPK) zu sehen.

Der Blick in die Ausstellung zeigt: Das Verstehenwollen ist geradezu greifbar in Schwarzenbachs Bildern und Texten. Da ist zum Beispiel das Foto einer jungen Frau – auf einem Felsen sitzend, schneidet sie einen Apfel. Das Mädchen heisse Mary, schreibt Schwarzenbach dazu, und müsse vor Gericht. Sie sei angeklagt, einen Polizisten mit einem Rasiermesser verletzt zu haben. Marys Freundin werde vor Gericht gegen gekaufte Zeugen aussagen müssen. Das Bild ist mehr als das eines arglosen Mädchens – es zeigt ein persönliches Schicksal und gewährt einen kritischen Einblick in die amerikanische Justiz.

Zu Besuch in der Highlander Folk School, Monteagle, Tennessee, USA, 1937.
Zu Besuch in der Highlander Folk School, Monteagle, Tennessee, USA, 1937.
Foto: PD / Zentrum Paul Klee

Die 1908 geborene Annemarie Schwarzenbach ist wohl eine der schillerndsten und zugleich widersprüchlichsten Figuren der Schweizer Geschichte. Ihr Lebensstil wirkt dermassen aus der Zeit gefallen, dass es schon fast surreal ist: eine junge Journalistin, die in den 1930er-Jahren die Welt bereist, in Luxusresidenzen logiert, ihre Homosexualität offen lebt, mit einem Ford über Land in den Nahen Osten fährt. In ihrem Text «Plaza Hotel» beschreibt sie mit einer Weltläufigkeit die anonyme, überall gleiche Kühle der Luxushotels. Es ist schwer zu glauben ist, dass der Text fast 80 Jahre alt ist.

Schwarzenbach reiste mit ihrem Ford V8 durch den Nahen Osten.  Hier: Die Überquerung des az-Zab al-Kabir (grosser Zab), Irak, 1935.
Schwarzenbach reiste mit ihrem Ford V8 durch den Nahen Osten. Hier: Die Überquerung des az-Zab al-Kabir (grosser Zab), Irak, 1935.
PD / Zentrum Paul Klee

Schwarzenbachs Leben wirkt dicht, sie scheint mehr erlebt zu haben, als es in 34 Jahren möglich ist: Zu ihren Lebzeiten werden 300 ihrer Texte veröffentlicht, neben ihrer Doktorarbeit schreibt sie einen ersten Roman. Trotz ihrer Schaffenskraft kämpft sie während ihres ganzen Lebens mit einer Drogensucht. Im Herbst 1942 stirbt Schwarzenbach nach einem Fahrradunfall und mehreren Behandlungsfehlern. Die genaue Todesursache ist bis heute unbekannt.

Ihre bewegte Biografie ist es auch, für die Schwarzenbach bekannt ist. Martin Waldmeier, Kurator der Ausstellung im ZPK, sagt dazu: «Annemarie Schwarzenbach war eine aussergewöhnliche Persönlichkeit, die von ihrem Umfeld immer wieder als äusserst charismatisch und gewinnend beschrieben wurde.» Schwarzenbachs Persönlichkeit übe eine grosse Faszination aus, die ihr Werk heute teilweise sogar überschatte. «Wir wollen in unserer Ausstellung vor allem die professionelle Seite Annemarie Schwarzenbachs zeigen und ihren künstlerischen Beitrag hervorheben.»

Schwarzenbach verstand sich selbst zwar als Schriftstellerin, war in der Schweiz jedoch auch eine Pionierin der Reportagenfotografie. Ihr fotografisches Werk umfasst rund 4000 Bilder. Manche davon erschienen gemeinsam mit ihren journalistischen Texten, ein Grossteil blieb jedoch zu ihren Lebzeiten unveröffentlicht. Auf ihren USA-Reisen lernte Schwarzenbach die politisch engagierte Fotografie kennen. Selbst Antifaschistin und Antinationalistin, dokumentierte Schwarzenbach fortan die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in den Staaten.

Cincinnati, Ohio, USA, 1936.
Cincinnati, Ohio, USA, 1936.
PD / Zentrum Paul Klee

Ganz voneinander trennen lassen sich Werk und Person natürlich dennoch nicht. Gerade Schwarzenbachs Rastlosigkeit und ihre Zerrissenheit sind in ihrer Biografie wie auch in ihrem Schaffen allgegenwärtig. So war Schwarzenbach so privilegiert, wie das im Europa des frühen 20. Jahrhunderts nur möglich war. Als Tochter schwerreicher Seidenfabrikanten wuchs sie auf einem Landgut oberhalb des Zürichsees auf, studierte Geschichte und promovierte mit 23 Jahren. Ein grosser Teil der Familie Schwarzenbach, auch Annemaries Eltern, sympathisierte mit den Nazis. Die antifaschistische Einstellung der Tochter sorgte zwar für Streit, trotzdem brach sie nie ganz mit ihren Eltern. Annemarie Schwarzenbachs Herkunft war massgeblich daran beteiligt, dass sie sich ihren extravaganten Lebensstil leisten und ihre sozialdokumentarische Tätigkeit ausüben konnte.

Auch in ihren Bildern ist die Zerrissenheit sichtbar: Während die Nazis an Macht gewinnen, fotografiert Schwarzenbach in Europa eine scheinbar heile Welt: idyllische Landschaften, glückliche Menschen, verträumte Landhäuser – Sehnsuchtsorte.

Krankenschwestern am See bei Schloss Gripsholm, Mariefred, Schweden, 1937.
Krankenschwestern am See bei Schloss Gripsholm, Mariefred, Schweden, 1937.
PD / Zentrum Paul Klee

Die Ausstellung im ZPK rückt Schwarzenbachs Talent, Bild und Text zu verknüpfen, in den Fokus: Viele der Fotografien sind mit Textauszügen ergänzt. Und an Hörstationen können ganze Reportagen gehört werden, dazu wird ein Bild von der jeweiligen Reise gezeigt. Immer wieder deutlich wird Schwarzenbachs Verlangen, Geschichten, aber auch Weltgeschichte zu erzählen und, wie sie Ella Maillart einst schrieb, «zu verstehen».

Ausstellung: «Aufbruch ohne Ziel – Annemarie Schwarzenbach als Fotografin.» 18. September 2020 bis 3. Januar 2021 im Zentrum Paul Klee, Bern