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Interview zu Bungee-SprüngenWarum springt jemand freiwillig aus hundert Metern in die Tiefe?

Er weiss, was im Körper von Bungee-Springern passiert: Neurowissenschaftler Surjo Soekadar hat den Extremsport untersucht – und erklärt, warum er selber nicht gesprungen ist.

Je nach Persönlichkeit überwiegt entweder die Angst oder die Neugier: Eine Bungee-Jumperin springt aus einer Kabine der Stockhornbahn über dem Hinterstockensee.
Je nach Persönlichkeit überwiegt entweder die Angst oder die Neugier: Eine Bungee-Jumperin springt aus einer Kabine der Stockhornbahn über dem Hinterstockensee.
Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Von Natur aus ist der Homo sapiens eigentlich eher ängstlich, zumindest was Höhen betrifft. Dennoch stellen sich einige insbesondere im Sommer einfach, ohne mit der Wimper zu zucken, an die Kante des 10-Meter-Turms in der Badi, und andere wagen sogar einen verrückten Bungee-Sprung von der Staumauer Verzasca (220 Meter), der Eisenbahnbrücke in Intragna (70 Meter) oder aus der Stockhorn-Gondelbahn (134 Meter). Kurz vor der Mutprobe wird nochmals alles genau geprüft und abgewägt. Wie Forscher der Berliner Charité zeigten, wird erst in den letzten 0,2 Millisekunden vor dem Sprung die endgültige Entscheidung gefällt, und es gibt dann kein Zurück mehr.

Herr Soekadar, warum springt jemand freiwillig aus zwanzig, vierzig, hundert oder zweihundert Metern in die Tiefe?

Es ist der Rausch nach dem freien Fall. Durch die Angst vor dem Sprung wird der Körper zuerst mit Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol überflutet. Puls und Blutdruck gehen hoch, der Magen krampft, die Verdauung setzt aus, die Atmung wird schneller, die Muskeln sind angespannt, die Hände kalt. Durch diese extreme Gefahrensituation fühlt man sich wie in einer Schlacht, bei der es um das Ganze geht, um Leben und Tod. Doch nach dem Sprung erzeugen verschiedene Neurotransmitter wie Adrenalin, Dopamin und Serotonin sowie auch körpereigene Hormone sofort ein unvergessliches Gefühl von Glück und Freiheit.

Hat man von Natur aus nicht Panik, aus solchen Höhen zu springen?

Der Mensch hat einen Instinkt, eine Art Selbstschutzmechanismus, allzu grosse Höhen zu meiden. Ohne diesen Respekt vor Höhen hätten wir wohl auf diesem Planeten nicht lange überlebt. Während der Höhenangst ist im Gehirn vor allem die sogenannte Amygdala aktiviert, die eine Schlüsselrolle bei der Emotionsverarbeitung spielt. Deren Aktivität wird über das Frontalhirn reguliert, wo wir den Sitz der Vernunft vermuten. Von dort kommt die Einsicht, dass schon alles irgendwie klappen wird, weil ja andere auch schon einen solch waghalsigen Sprung gemacht und überlebt haben. Je nach Persönlichkeit überwiegt entweder die Angst oder die Neugier. Ein Bungee-Sprung ist vor allem aber auch eine grosse Vertrauenssache, da man sein Schicksal in andere Hände legt und sich darauf einlässt, keine Kontrolle mehr zu haben. Um die Angst zu überwinden, zählen einige vor dem Sprung wie bei einem Countdown herunter oder lassen andere zählen. Doch jeder verhält sich anders. Einige würden so etwas nie machen.

Vor zwei Jahren haben Sie eine Studie über Bungee-Sprünge von der 192 Meter hohen Europabrücke bei Innsbruck veröffentlicht, der zweithöchsten Bungee-Plattform Europas. Sind Sie damals auch selbst gesprungen?

Das hatte ich gegen Ende der Untersuchung eigentlich vor. Doch die Zeit reichte nicht mehr. Es wurde langsam dunkel, und wir mussten wieder zurück nach Deutschland fahren. Die zwei an der Studie beteiligten Bungee-Jumper, die auch halb professionelle Klippenspringer sind, hatten sich über zwei Tage insgesamt dreissigmal aus dieser enormen Höhe in die Tiefe fallen lassen. Sie hatten ein Seil am Bein und trugen eine kabellose Elektrodenkappe, um ihre Hirnaktivität vor und während des Sprungs aufzuzeichnen.

Was stellten Sie danach fest?

Jeweils eineinhalb bis zwei Sekunden vor dem Absprung konnten wir eine Änderung der elektrischen Spannung in der Grosshirnrinde messen, also noch bevor die Springer bewusst entschieden hatten zu springen. Interessant ist, dass es dabei keine Rolle spielte, ob sie von einer Brücke in die Tiefe sprangen oder von einem niedrigen Kasten hopsten. Dieses sogenannte Bereitschaftspotenzial konnten wir damals erstmals ausserhalb des Labors unter solchen Extrembedingungen messen. Die Ergebnisse sind unter anderem für die Weiterentwicklung sogenannter Gehirn-Computer-Schnittstellen wichtig, zum Beispiel um Bewegungsabsichten direkt aus dem Gehirn auszulesen. Die Hoffnung ist, dass durch solche Systeme Querschnittsgelähmte und Schlaganfallpatienten in Zukunft Maschinen mit ihren Hirnsignalen steuern können.

«Der Springer verliert oft sein Zeitgefühl, weil auf einmal viel mehr sensorische Informationen pro Zeiteinheit ins Bewusstsein strömen.»

Zurück zum Sprung. Kann man dabei noch an irgendetwas denken?

Nein, in dem entscheidenden Moment wird alles Denken auf das Hier und Jetzt fokussiert. Der Thalamus, der die Reize aus der Umwelt filtert, flutet das Gehirn mit sensorischen Informationen. Dabei verliert der Springer oft auch sein Zeitgefühl, weil auf einmal viel mehr sensorische Informationen pro Zeiteinheit ins Bewusstsein strömen. Die Zeit wird dadurch oft als länger wahrgenommen. Ein ähnlicher Zustand wird auch im sogenannten Flow oder bei bestimmten Meditationsformen beschrieben. Ursprünglich kommt das Bungee-Jumping von der pazifischen Insel Vanuatu, wo junge Männer den Sprung von einem hohen, aus Bambus gebauten Turm als Ritual durchführten. Sie sind aber nicht wie bei uns in Europa mit einem elastischen Seil gesichert, sondern nur mit zwei Lianen.