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Geister-Meister YBPokal und Torrekord – nur die Pointe fehlt

Die Young Boys schlagen St. Gallen 3:1 und beenden die Saison mit 8 Punkten Vorsprung auf die Ostschweizer. Marco Wölfli wird verabschiedet.

Da ist er: der begehrte Meisterpokal vor dem Spiel.
Da ist er: der begehrte Meisterpokal vor dem Spiel.
Foto: Raphael Moser
Nach über 20 Jahren in Geld-Schwarz: Marco Wölfli wurde vor dem Spiel für seine denkwürdige Karriere geehrt.
Nach über 20 Jahren in Geld-Schwarz: Marco Wölfli wurde vor dem Spiel für seine denkwürdige Karriere geehrt.
Foto: Christian Pfander
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Einen kurzen Blick können die St. Galler darauf werfen. Wenn sie denn mögen. Am Spielfeldrand steht der Meisterpokal, gelb-schwarz verziert, als kleine Erinnerung, um was es in dieser Partie hätte gehen können.

Bis am Freitagabend und dem 1:0 von YB beim FC Sion schien die Finalissima möglich, die erste im Schweizer Fussball seit 2010, als YB dem FC Basel im Stade de Suisse unterlag. Es war eine jener grossen Niederlagen, welche die Wortschöpfung «veryoungboysen» prägten.

Gestern prangt im fast leeren Stadion, das seit Juli Wankdorf heisst, ein grosses Plakat, «geyoungboyst» steht darauf, sowie die Auflistung aller 14 Titeln in der Vereinsgeschichte mit Jahreszahlen. Jene von 2018 bis 2020 in grosser Schrift. Die Zeiten haben sich geändert.

Abend der Abschiede

Statt einer Finalissima wird es ein Spiel der Adieus. Gut eine Stunde vor Matchbeginn gaben die Young Boys die Abgänge von Jordan Lotomba (Nizza) und Frederik Sörensen (1. FC Köln) bekannt. Sie werden von Sportchef Christoph Spycher mit Blumenstrauss und eingerahmtem Trikot verabschiedet – Corona-tauglicher Faustgruss inklusive. Wie auch Goalie Marco Wölfli, den es zu keinem anderen Club zieht, natürlich nicht. Während seiner zwei Jahrzehnte umspannenden Karriere spielte er nur für eineinhalb Saisons nicht bei YB, als er an den FC Thun ausgeliehen war.

Noch vor einer Woche spekulierte der Goalie nach seinem Einsatz gegen den FC Luzern, als er den verletzten David von Ballmoos im Tor ersetzt hatte, dass es sein letzter Match der Karriere gewesen sein könnte. Jetzt erhält er noch einmal Auslauf, zum 462-Mal im YB-Trikot. Weil es um nichts mehr geht, ausser um Stolz, um Ehre und um schöne Geschichten.

Wölfli lächelt, als ihm Spycher das Trikot überreicht, die paar hundert Fans skandieren seinen Namen. Doch seinen Abschied hätte er sich bestimmt anders vorgestellt, beispielsweise mit 30’120 Zuschauern mehr. Die Young Boys vermeldeten vor der Partie noch einmal, dass Wölfli mit einem Abschiedsspiel gebührend geehrt werde. Dieses werde erst dann stattfinden, wenn wieder zahlreiche Zuschauer ins Stadion dürfen. Wann das sein wird? Das ist derzeit nicht absehbar.

Nsame hat es eilig

Eine andere Frage: Wie geht man so ein Spiel an?

Fabian Lustenberger sagte am Samstagmittag, gut 12 Stunden nach dem grossen Triumph in Sion, bei den Feierlichkeiten sei auch immer dieses Spiel am Montag gegen St. Gallen im Kopf gewesen. Der Captain erwartete ein heisses Spiel, seine Begründung: Die St. Galler werden dem Meister den Meister zeigen wollen. Und, ganz generell, sähe der Spielstil der Ostschweizer keine Verschnaufpausen für den Gegner vor.

Seoane begegnet der Aufgabe, indem er im Vergleich zum Spiel in Sitten sieben Wechsel vornimmt. Die Vielspieler von Ballmoos, Michel Aebischer und Christian Fassnacht stehen nicht im Aufgebot. Nicht geschont vor dem Cupviertelfinal am Donnerstag in Luzern werden hingegen Lustenberger und Jean-Pierre Nsame. Für den kamerunischen Stürmer geht es um nichts weniger als den Eintrag in den Geschichtsbüchern. Torschützenkönig ist er längst, zum alleinigen Torrekord in der Super League fehlt ihm noch ein Tor.

Nsame benötigt nicht lange, eine der Geschichten dieses Abends zu schreiben. Nach 14 Minuten gelingt ihm nach einem Fehler von Lawrence Zigi das 1:0, es ist sein 31. Ligator, eines mehr, als Seydou Doumbia 2009/2010 gelungen war. Und nur 8 Minuten später erhöht der Stürmer auf 2:0. Der Treffer zeigt seine ganze Klasse. Die Flanke von Saidy Janko verwertet er aus der Drehung – diesmal ist Zigi machtlos. Die Young Boys zeigen dem Vizemeister den Meister, ihr Auftritt ist dominant, schwungvoll. Als hätte es in der Nacht auf Samstag keine Feierlichkeiten gegeben.

Marzinos Premiere

Vincent Sierro hat zwischenzeitlich die Latte getroffen, doch statt 3:0 steht es zur Pause 2:1, Jérémy Guillemenot bezwingt Wölfli mit einem traumhaften Kurvenball aus grosser Distanz. Der Ärger über das Gegentor ist dem 37-Jährigen ins Gesicht geschrieben – nur zu gerne hätte er zu Null gespielt. Die allerletzte Pointe in einer pointenreichen Karriere schreibt er nicht.

Nach 76 Minuten wird Wölfli unter grossem Applaus ausgewechselt, Dario Marzino, der langjährige dritte Goalie, kommt zu seinem ersten Einsatz in der Super League. Er wird diesen Abend nie mehr vergessen – wie Wölfli. Der eingewechselte Nicolas Ngamaleu erhöht bald auf 3:1, es ist eine kleine Machtdemonstration der Young Boys. Sie beenden die Saison mit 8 Punkten Vorsprung auf St. Gallen. Als hätte es das spannende Meisterrennen nie gegeben.

Ein letztes Bild: der grinsende Marco Wölfli mit dem Meister-Pokal. Der Goalie wird als Seriensieger abtreten. Wer hätte das vor 2018 gedacht.