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Um Berner Spitäler zu entlastenCovid-Patienten könnten bald in Rehakliniken verschoben werden

Personalmangel und erkrankte Bewohnerinnen sind das eine, doch auf die Berner Pflegeinstitutionen kommen noch grössere Herausforderungen zu.

Die Alters- und Pflegeheime im Kanton Bern sind auch in der zweiten Welle stark gefordert.
Die Alters- und Pflegeheime im Kanton Bern sind auch in der zweiten Welle stark gefordert.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

In vielen Berner Alters- und Pflegeheimen fällt wegen des Coronavirus Personal aus. Die Heime sind dringend auf zusätzliche Fachkräfte angewiesen, die Situation in der Betreuung ist teilweise prekär. Denn auch viele Bewohnerinnen und Bewohner sind erkrankt. 560 Altersheimbewohnerinnen und -bewohner sind infiziert, 61 der 296 Berner Alters- und Pflegeheime von Corona betroffen (Stand Dienstag, 17. November).

In dieser Situation könnten auch die Rehakliniken Patienten aus Spitälern aufnehmen. Nämlich dann, wenn der Kanton in der Pandemie «Phase Orange» ausruft, wie Gundekar Giebel seitens der kantonalen Gesundheitsdirektion bestätigt. Patientinnen und Patienten, die sich auf dem Weg der Besserung befinden, würden in Rehakliniken überwiesen, falls in den Spitälern Bettenknappheit herrschen sollte.

Auf diese Phase bereiten sich die Berner Spitäler seit zwei Wochen vor, indem sie die Anzahl der nicht zwingenden Operationen herunterfahren. Die nächste Stufe der Pandemiebekämpfung sieht vor, dass alle sogenannt elektiven Eingriffe verschoben werden. Gleichzeitig wird die Verfügbarkeit von Normal- und Intensivbetten weiter erhöht und Covid-Patienten auf den ganzen Kanton verteilt. Alle Listenspitäler sind bei der Aufnahme eingebunden; egal ob Privatspital oder öffentliches Spital. Sei dies durch die Übernahme von Nicht-Covid-Patienten oder direkt bei der Versorgung auf den normalen oder auf den Intensivplätzen.

Mitsprache wird gefordert

Gegen dieses Vorhaben der kantonalen Gesundheitsdirektion wehrt sich die Berner Sektion des Berufsverbandes SBK, die 4900 Mitglieder zählt. Covid-Patienten in jene Institutionen zu bringen, die alles dafür tun, das Virus fernzuhalten: SBK-Präsidentin Manuela Kocher Hirt hält das in der aktuellen Situation nicht für sinnvoll. Und fordert ein Mitspracherecht für die Pflegenden.

Zwar leisten die Pflegerinnen und Pfleger den grössten Anteil der Arbeit bei der Betreuung von Corona-Patienten und beim Schutz von besonders gefährdeten Personen. Dennoch seien die Pflegefachkräfte in den obersten Koordinations- und Entscheidungsgremien des Kantons nicht vertreten, schreibt der Verband in einem offenen Brief an die Berner Regierung.

Den meisten Institutionen fehle es nicht nur an Personal, um zusätzlich die Betreuung von Covid-Patienten sicherzustellen, erklärt SBK-Präsidentin Manuela Kocher Hirt. Sondern auch an den fachlichen Ressourcen, da dies nicht zu ihren Kernaufgaben gehöre.

Das Personal sei anders zusammengesetzt als in Spitälern, so Kocher Hirt. Eingesetzt werde mehr Assistenzpersonal, das ausgerichtet ist auf stabilere Situationen und in der Regel keine Akutpatienten betreut. «Welches Heim kann denn die Pflege und Betreuung von zusätzlichen Covid-Patienten leisten?», fragt Kocher rhetorisch. «Und mit welchem Personal?»

In den letzten Jahren sei der Personalschlüssel in den Pflegeheimen sukzessive heruntergefahren worden, sodass diplomiertes Personal in den Langzeitinstitutionen fehle. «Wir dürfen das System nicht überlasten», stellt Kocher Hirt fest. «Es gibt auch für die Pflegenden nichts so Frustrierendes, wie dem Pflegebedarf nicht gewachsen zu sein und dem Patienten nicht gerecht zu werden.»

Support für die Institutionen

Dringend nötig sei entsprechend, Langzeitinstitutionen in der Planung der Pflege vor Ort zu unterstützen. Support werde gebraucht in der Sterbebegleitung für an Covid erkrankte Bewohnerinnen und Bewohner. Kocher Hirt denkt dabei an Supportgruppen, die aus Pflegeexpertinnen und Palliativmedizinern bestehen.

Dass der Kanton eine Plattform für die Vermittlung von Fachkräften betreibt, bezeichnet sie als «gut gemeint». Doch wenn die Pflegenden die Betreuung ihrer Kinder nicht sicherstellen könnten, könnten sie auch einen Einsatz nicht garantieren.

Es werde ständig danach gefragt, wie viele Betten für Covid-Patienten zur Verfügung stehen. «Aber nie, wie viele Pflegende dafür noch zur Verfügung stehen, das ärgert mich», so Kocher.

Krisenmodus ohne Verbände

«Wir werden prüfen, ob es sinnvoll ist», sagt Giebel zum eingeforderten Mitspracherecht des SBK. Zwar seien die primären Ansprechpartner Spitäler oder Alters- und Pflegeheime, doch dabei sei die Pflege ja auch einbezogen. «Es ist nicht Aufgabe der Verbände, Krisenbewältigung zu betreiben.» In dieser Phase sei man operativ und pragmatisch unterwegs, aber man brauche die Unterstützung von allen. Zurzeit gelte das Epidemiegesetz, und man müsse rasch handeln und sich den Situationen anpassen.

«Wir wollen auch nicht über Papiere diskutieren», kontert Kocher Hirt. Nicht Verbandsfunktionäre sollen sich einbringen, sondern Pflegefachpersonen an der Front.

chh/sda

7 Kommentare
    B.D.

    "In den letzten Jahren sei der Personalschlüssel in den Pflegeheimen sukzessive heruntergefahren worden"".... Das ist der wunde Punkt. Ich verstehe nicht, wie die reiche Schweiz es nicht schafft, die Arbeitnehmer/Innen in sozialen Berufen, vorab Pflegende in Spitäler, Heimen etc. gerecht zu entlöhnen und bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Und jetzt sollen sie zusätzlich noch diese Krise stemmen....Hier stimmt etwas mit unserem Werte- System ganz und gar nicht!

    (Eine nicht im sozialen Bereich Tätige...)