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Der schnellere Jesse Owens

19,30 Sekunden dauerte der historische Moment: Usain Bolt ist der erste Sprinter seit Jesse Owens, der die Weltrekorde über 100 m und 200 m hält. Und es kann noch schneller kommen.

Grosser Vorsprung: Rekordmann Bolt liess auch über 200 m der Konkurrenz keine Chance.
Grosser Vorsprung: Rekordmann Bolt liess auch über 200 m der Konkurrenz keine Chance.
Keystone

Es war ein Moment, dessen genaue Bezeichnung praktisch unmöglich ist: historisch, magisch, atemberaubend? Vielleicht alles zusammen? Halten wir uns also lieber an die Fakten: Der Jamaicaner Usain Bolt verbesserte am Mittwoch, einen Tag vor seinem 22. Geburtstag, den Weltrekord von Michael Johnson aus dem Jahr 1996 um zwei Hundertstel auf 19,30 Sekunden. Nachdem Bolt in Peking schon über 100 m in 9,69 lief, hält er nun beide Weltrekorde - und das ist das eigentlich Historische am gestrigen Resultat: Bolt ist der erste Mann, dem dies nach dem grossartigen Jesse Owens 1936 gelang. Kein Jim Hines, kein Carl Lewis hatte diese Fähigkeit in den Zeiten der modernen Zeitmessung.

Rekorde über 200 m scheinen Vorgaben für die Ewigkeit zu sein. Die Bestmarke des Italieners Pietro Mennea (19,72) hatte 17 Jahre Bestand, auch an Johnsons Vorgabe bissen sich die Konkurrenten generationenweise die Zähne aus. Bis Bolt kam, der baumlange Kerl mit der Dynamik und dem Muskelspiel, die alle anderen Weltklasse-Athleten wie Statisten aussehen lassen. Gestern über 200 m noch drastischer als über 100 m: Schon in der Kurve war Bolt allen enteilt, am Ende hatte er viele Meter Vorsprung - aber diesmal zog er sein Tempo durch, wollte er es wissen, winkte er nicht schon lange vor der Ziellinie dem Publikum in der Pose des sicheren Siegers zu.

Wollte er es ausgerechnet Michael Johnson zeigen? Der Amerikaner hatte noch ein paar Stunden vor dem Rennen gesagt: «Irgendwann holt sich Bolt den Weltrekord über 200 m, aber noch nicht in Peking.» Er habe den Eindruck, dass dem Jamaicaner die Endschnelligkeit noch fehle. So kann sich der Fachmann täuschen.

Wieder eine Demonstration der Jamaicaner

Und wie fühlt sich der Laie? Die Dopingdiskussionen werden nicht weniger werden nach dem neuesten Husarenstreich Bolts. Zumal unmittelbar vor ihm drei Landsfrauen in den Final über 200 m stürmten, zumal nur ein paar Minuten nach ihm Melanie Walker für Jamaica über 400 m Hürden Gold holte und den Weltrekord nur um drei Zehntel verpasste. Das Sprinterwunder geht weiter, alles nur eine Frage der harten Arbeit und der karibischen Sonne?

Den 91 000 Zuschauern im ausverkauften «Vogelnest» war es egal, sie liessen sich schon zu Begeisterungsstürmen hinreissen, als Bolt bloss die Arena betrat. Als er seine Faxen machte, waren schon leicht hysterische Schreie zu vernehmen, und als er nach dem Triumph zur Ehrenrunde antrat, da hielt es keinen mehr auf dem Sitz, und es nahm fast niemand wahr, dass sich hinter Bolt ein kleines Drama abspielte: Erst wurde der Drittplatzierte Wallace Spearmon (USA) disqualifiziert, weil er die Bahn verlassen hatte, Landsmann Shawn Crawford erbte die Bronzemedaille. Dann wollten die Amerikaner, dass auch Churandy Martina von den Niederländischen Antillen die Silbermedaille hergeben muss, dem wurde aus gleichem Grunde stattgegeben, nun lautet die offizielle Reihenfolge Bolt, Crawford, Walter Dix (USA).

Was aber sind solche Kinkerlitzchen schon im Vergleich zum Auftritt, zur Leistung, zur Ausstrahlung eines Usain Bolt? Die langen Beine, gepaart mit der unbändigen Kraft und der Beweglichkeit hat Michael Johnson als Erklärung für die Dominanz ausgemacht: «Wenn jemand mit dieser Körpergrösse so schnell läuft und physiologisch unvorstellbare Dinge macht, dann bekommen wir unglaubliche Zeiten», sagte er. «Bolts Final über 100 m war die beeindruckendste Leistung in der Leichtathletik, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.»

Geadelt vom Vorgänger, dessen Zeit manchen schon für die Ewigkeit gemacht schien; bejubelt vom Publikum, in dem gestern sogar Chinesen mit jamaicanischen Flaggen wedelten; geachtet von den Konkurrenten, die ihn vor lauter Begeisterung in die Höhe stemmen wollten, woran sie aber mangels Kraft scheiterten - wo sind die Grenzen von Usain Bolt? Gestern gab er alles für den Weltrekord, schneller könnte er wohl nur laufen, wenn er gejagt würde. Bloss: Wer soll ihn jagen?

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