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Ein Jahr Corona in Italien«Patient 1» möchte einfach vergessen

Am 21. Februar 2020 wurde der erste Italiener positiv auf das neuartige Coronavirus getestet: Mattia Maestri aus Codogno ist jetzt 39 – die Fernsehsender bieten ihm Geld für einen Auftritt.

So begann alles – für ganz Europa: Ein Beamter der Carabinieri sichert den Zugang zur «zona rossa» bei Codogno.
So begann alles – für ganz Europa: Ein Beamter der Carabinieri sichert den Zugang zur «zona rossa» bei Codogno.
Foto: Antonio Calanni (AP)

Ein Jahr ist es her – ein Jahr wie keines. Vor genau einem Jahr sind sich die Italiener und die Europäer insgesamt gewahr geworden, dass dieses Virus aus Wuhan, das man bis dahin wohl nur abstrakt aus der Ferne wahrgenommen hatte, auf dem Kontinent angekommen war. Natürlich war es schon länger da. Doch am 21. Februar 2020, kurz nach Mitternacht, wurde bekannt, dass zum ersten Mal ein Italiener positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden war. Im Krankenhaus von Codogno, einer Stadt im Lodigiano im Süden Mailands, zwischen den Flüssen Adda und Po. 16’000 Einwohner.

Das kleine Codogno sollte zum Symbolort werden, bekannt in der ganzen Welt. Zum «Wuhan Italiens».

Sein Name war bald publik

Angesteckt hatte sich ein 38-jähriger, sportlicher Mann, passionierter Läufer und Fussballer, Forscher beim internationalen Konzern Unilever in der Nachbarsgemeinde Casalpusterlengo. Die Zeitungen nannten ihn zunächst nur «Mattia», um seine Privatsphäre zu schützen. Nach seiner Genesung zeigte sich Mattia Maestri dann aber in der Öffentlichkeit, gab Interviews, einmal prangte sein Bild sogar auf dem Cover der Wochenendbeilage der «Gazzetta dello Sport». Man nannte ihn zu Beginn auch «Paziente 1».

Seine Frau hatte erzählt, ihr Mann sei in seinem Leben noch nie in China gewesen, habe sich aber kurz vor dem Befund mit einem Freund getroffen, der gerade aus Asien zurückgekehrt sei. War dieser Freund etwa «Paziente 0»?, fragte man sich in Italien. Man nahm damals also an, dass der erste bekannt gewordene Fall tatsächlich der erste Fall überhaupt sei in Italien. Doch der Test des Freundes fiel negativ aus.

Die Intuition einer Narkoseärztin führte zum Befund: Die Verneigung eines Street Artist für die Ärzte und Pfleger in Codogno.
Die Intuition einer Narkoseärztin führte zum Befund: Die Verneigung eines Street Artist für die Ärzte und Pfleger in Codogno.
Foto: Stefano S. Guidi (Getty Images)

Auch Maestris Positivität wäre wohl nicht aufgefallen, wenn die Anästhesistin Annalisa Malara, die in jener Nacht im Ospedale Civico von Codogno Schicht hatte, nicht ihrer Intuition gefolgt wäre. Sie brach dafür das Protokoll des Gesundheitsministeriums, das damals nur Covid-Tests vorsah für Rückkehrer aus China. Maestris Lungenentzündung erschien der Narkoseärztin aber als dermassen untypisch, dass sie ihn dennoch testete. Er sollte wochenlang im Koma liegen, intubiert, sein Leben hing an einem Faden.

Nur zwei Stunden nach der Bekanntgabe des positiven Tests liess der Bürgermeister von Codogno alle Schulen, Bars und Geschäfte schliessen. Und 24 Stunden später verhängte die italienische Regierung einen totalen Lockdown über Codogno und neun weitere Gemeinden in der Gegend sowie über den Ort Vo’ im Veneto. «Zona rossa», höchste Gefahrenzone. Niemand sollte mehr vor die Haustür gehen, die Armee rückte aus, am Eingang zur roten Zone standen nun Streifenwagen der Carabinieri. Man dachte, so lasse sich der Cluster isolieren und die Ausbreitung stoppen. Es war eine Illusion.

Die Bilder aus Codogno gaben eine Idee davon, was bald in ähnlicher Form überall in Europa und der Welt passieren würde. Codogno war jedoch nur der vermeintliche Anfang. Das Virus war schon weit verbreitet, vor allem im Norden Italiens, dem Produktionsherzen des Landes. Es mangelte an allem: an Schutzmasken, an Beatmungsgeräten, an Betten in den Intensivstationen, bald auch am Platz auf den Friedhöfen für die vielen Opfer.

Zunächst mangelte es auch an der nötigen Ernsthaftigkeit im Kampf gegen das Virus. Am 27. Februar zum Beispiel gab es in Mailand eine Veranstaltung, für die Politiker – rechte wie linke – den Slogan ausgaben: «Mailand hält nicht still.» Im dramatisch betroffenen Bergamo war man besorgt um die Wirtschaft – die Industriellen drehten ein Video für die Kunden in aller Welt: «Bergamo is running», hiess es da. So ging viel wertvolle Zeit verloren.

Codogno gedenkt der Opfer mit einem Quittenbaum

Ein Jahr ist es her. Italien beklagt mehr als 95’000 Corona-Tote seit Beginn der Pandemie. Jeden Tag kommen Hunderte weitere Opfer hinzu – und zwischen 10’000 und 15’000 Neuinfektionen. Codogno geht es etwas besser: Im Moment sind 21 positive Fälle bekannt. Nur einer davon ist gravierend und benötigt intensive Behandlung. Wahrscheinlich ist ein stattlicher Teil der Codognesi immun – auch viele, die noch nicht geimpft worden sind. Die Stadtverwaltung hat im Park an der Via Collodi einen Gedenkbaum gesetzt für die vielen Opfer der Stadt – es ist ein Quittenbaum, typisch für die Gegend.

Mattia Maestri ist nach langer Erholung wieder gesund, er spielt auch wieder Fussball. Seine Tochter ist zehn Monate alt. Sie kam zur Welt, als er im Krankenhaus lag und Italien kollektiv um ihn bangte. «Ich will einfach nur vergessen», sagte Maestri jetzt dem «Corriere della Sera», «mein normales Leben will ich zurück.» Viele Medien würden ihn kontaktieren, manche böten ihm sogar Geld an, wenn er ins Studio komme. «Ich war ja nicht der erste Infizierte, nur der erste Italiener, der mit Corona diagnostiziert wurde», sagt er. Und diese Diagnose veränderte alles.

3 Kommentare
    Ronnie König

    Italien hat gelernt wie die Graphik zeigt. Nicht gelernt haben die Geldgierigen der SVP und FDP, man sieht Italien kämpft und kämpfte schon zuvor mit der Wirtschaft, aber zuvor waren andere Gründe, nun verstärkt durch Covid-19, aber es hat wie alle zu Beginn dumme Fehler gemacht wie unsere rechte Parteien es immer noch tun wollen und dort man die Lage auch bei der zweiten Welle längst akzeptiert hat. Einsicht könnte man auch sagen. Wie Li hat die Ärztin vernünftig und richtig reagiert. Klar, man wollte keine Panik und daher nicht breit testen, zumal wohl auch ein wenig Kapazitäten dafür gefehlt hätten. Ich erinnere mich an die Situation in Basel wenig später, Genf hatte die Kompetenz damals und es dauerte Tage bis das Ergebnis meines Neffen bekannt war. Grund war eine Infektion einer Betreuerin in der Wohngruppe über ein Wochenende damals. Ja, man hat hier in Europa die Lage verkannt und danach das gewohnte Leben verbannt. Lange ist es her unter normalen Bedingungen, dass es eben gefährliche Infektionskrankheiten gab die das Leben plötzlich diktieren. Akzeptieren können leider auch nach einem Jahr noch etliche nicht was man Fakt oder Wahrheit nennt. Aber weder and er Urne, noch im Parlament oder bei der Demo lässt sich so ein Virus vertreiben.