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Security-Gewalt vor GerichtPartygast verliert bei Rausschmiss zwei Zähne

Drei Security-Mitarbeiter warfen einen Mann unsanft aus einem Nachtclub. Trat einer davon den am Boden liegenden Partygast gar gegen den Kopf? Ein kniffliger Fall fürs Gericht.

Im Berner Nachtleben gehts manchmal ruppig zu und her, wie ein Fall vor dem Regionalgericht zeigt, bei dem ein Gast unsanft aus einem Club geworfen wurde.
Im Berner Nachtleben gehts manchmal ruppig zu und her, wie ein Fall vor dem Regionalgericht zeigt, bei dem ein Gast unsanft aus einem Club geworfen wurde.
Foto: Christian Pfander

Security-Mitarbeiter eines Nachtclubs werden im Volksmund auch mal «Rausschmeisser» genannt. Am späten Abend des 30. Juni 2018 erwiesen drei Sicherheitsleute des Clubs Le Ciel in Bern dieser Bezeichnung alle Ehre. Gegen 1 Uhr schleppten die drei einen 31-jährigen Partygast die Treppe hinunter zum Notausgang. Zwei hielten ihn an den Armen, einer an den Beinen. Draussen liessen sie den Mann aus einem halben Meter Höhe auf den harten Asphalt vor dem Club am Bollwerk fallen.

Betrunken Frauen bedrängt

Dieser unsanfte Rauswurf ist unbestritten. Doch was danach folgte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Ein unbeteiligter Partygänger will gesehen haben, wie einer der Sicherheitsmänner sich beim Weglaufen nochmals umdrehte und dem «wehrlos am Boden liegenden Opfer» einen «kräftigen Tritt gegen den Kopf» verpasste. Der Zeuge hielt am Montag vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland an den Aussagen fest, die er nach dem Vorfall bereits bei der Polizei gemacht hatte. Er war es denn auch, der die Ambulanz rief. Das Opfer blutete am Kopf, ausserdem waren zwei Zähne abgebrochen.

«Auch mir fasste er an den Hintern, der Typ war wirklich sehr besoffen.»

Bar-Chefin des Clubs

Der beschuldigte Mitarbeiter einer privaten Security-Firma bestreitet den Fusstritt, ebenso seine Kollegen. Das Opfer wiederum – das auch Privatkläger ist – kann sich nicht an die Szenen erinnern, wie aus dessen früheren Aussagen hervorgeht. Ob die Erinnerungslücke auf eine Prügelei bereits im Treppenhaus zurückzuführen ist oder auf den massiven Alkoholkonsum des Opfers, ist unklar. Denn der Partygast war laut Anklageschrift schon ziemlich angetrunken, als er den Club betreten hatte. Auf der Tanzfläche soll er sich ungebührlich verhalten haben. Er tanzte ausgelassen, rempelte andere Gäste an und bedrängte Frauen – so schilderte es die Chefin der Bar vor Gericht. «Auch mir fasste er an den Hintern», erzählte sie, «der Typ war wirklich sehr besoffen.»

Das war zu viel. Drei Security-Mitarbeiter forderten den Störenfried auf, das Lokal zu verlassen. Doch laut der Bar-Chefin wehrte sich dieser und wurde aggressiv. Um den Mann vor die Türe zu setzen, nahmen die Männer die Hintertreppe des Notausganges. Dort gings drunter und drüber. Der unerwünschte Gast schubste einen der Sicherheitsmänner zu Boden, worauf er von einem anderen eine Ladung Pfefferspray abbekam. Es folgte eine Rangelei, wobei der betrunkene Partygänger immer wieder hinfiel. So schilderten es die beteiligten Sicherheitsleute. Schliesslich trugen ihn die Männer nach draussen, wo er unsanft auf dem Trottoir landete.

Befangener Zeuge?

Laut dem Augenzeugen soll sich der Partygast, als man ihn «wie einen Sack Wäsche» auf den Boden fallen liess, nicht gewehrt haben, ja gar schlaff gewirkt haben. Doch es gibt auch einen anderen Zeugen. Dieser sagt, der Mann habe sich gewehrt. Ausserdem habe er nach dem Aufprall auf dem Trottoir den einen Security an den Beinen festgehalten, sodass dieser sich «gewaltsam losriss». Einen bewussten Fusstritt will er nicht gesehen haben.

Zum zweiten Zeugen, der laut eigenen Aussagen per Zufall beim Bollwerk vorbeilief, gilt es festzuhalten: Er kennt jenen Security-Mitarbeiter, der das Opfer getreten haben soll, «vom Ausgang her». Auch soll ihn der Beschuldigte ermuntert haben, eine Zeugenaussage zu machen.

«Der Mann lag wehrlos am Boden, als man ihn gegen den Kopf trat.»

Augenzeuge vor Gericht

Das Gericht steht vor einer kniffligen Aufgabe. Die Aufnahmen der Überwachungskamera haben die Szene nicht erfasst. Das Opfer erinnert sich an nichts. Nur ein Zeuge will den Tritt gesehen haben. Doch im Gegensatz zum anderen Zeugen kennt er keinen der Involvierten. Er hält unmissverständlich fest: «Der Mann lag wehrlos am Boden, als man ihn gegen den Kopf trat.»

Vergleich abgelehnt

Aufgrund eines Todesfalles in der Familie eines Anwalts wurde der Prozess am Montag nach den Zeugenbefragungen abgebrochen. Die Anwälte der Beschuldigten brachten indes – unter Ausschluss der Medien – einen Vergleichsvorschlag aufs Tapet. Täter und Opfer wollten sich offenbar aussergerichtlich einigen. Doch der Antrag platzte. Es ist anzunehmen, dass die Staatsanwaltschaft den Deal ablehnte. Somit wird der Strafprozess wegen versuchter schwerer Körperverletzung im Herbst weitergeführt. Dabei droht auch dem Opfer eine Strafe, und zwar wegen Raufhandels.