Zwei Erdbeben, ein verheerender Tsunami und keine Sirene?

Die Katastrophe in Indonesien wirft Fragen über die Verlässlichkeit des Tsunami-Frühwarnsystems auf.

Flutwelle: Ein Augenzeuge hat den Tsunami mit dem Handy gefilmt. (Video: AFP)
Arne Perras@tagesanzeiger

Jede Katastrophe bringt ihre tragischen Helden hervor. Der 21-jährige Fluglotse Anthonius Gunawan Agung ist nun einer von ihnen. Agung harrte im Tower des Flughafens von Palu aus, um das letzte Flugzeug der Batik Air noch sicher in die Luft zu bringen. Der Pilot von Flug ID 6231 beschleunigte gerade auf der Rollbahn, als die Erde unter ihm zu beben begann.

Der Flieger schaffte es, abzuheben, aber Agung war nicht sicher, ob alles in Ordnung war oder ob der Pilot doch noch Hilfe brauchte. Also blieb er auf seinem Posten, statt an sich selbst zu denken. Agung harrte aus, bis er Gewissheit hatte, dass der Flieger ohne Schaden gestartet war. Doch dann kollabierte der Tower, der Fluglotse sprang aus dem vierten Stock, in der Hoffnung, sich zu retten. Er verletzte sich schwer und starb, die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen.

Der Pilot, der es mit seinen Passagieren geschafft hat, schreibt später auf Instagram: «30 Sekunden später, und ich hätte nicht mehr abheben können. Danke Jesus.» Und als er vom Tod des Lotsen erfährt, schickt er hinterher: «Mögest Du ruhen in Frieden, Schutzengel von Palu.»

Medizin, Decken, Zelte

Zwei Erdbeben und dann auch noch ein verheerender Tsunami: Seit Freitagabend herrscht Ausnahmezustand in der indonesischen Provinz Zentralsulawesi, der Strom ist ausgefallen, die Telefonnetze sind zusammengebrochen. Äusserst mühsam ist das für die Helfer, die nun ausschwärmen, um vielleicht noch Überlebende zu finden und um Verletzte zu verarzten. Die Armee kann zumindest mit grossen Herkules-Maschinen auf der beschädigten Landebahn von Palu aufsetzen und starten. Sie bringt Medizin, Decken, Zelte.

«Dies ist eine Tragödie, aber sie kann nur noch schlimmer werden», heisst es in einer Erklärung des Roten Kreuzes. Zum Beispiel der Distrikt Donggala – noch immer gibt es aus der Region mit ihrem gleichnamigen Hauptort (300'000 Einwohner) kaum Informationen. Gespenstisch. «Wir haben nichts aus Donggala gehört, das ist extrem alarmierend», erklärte das Rote Kreuz. Weder aus der Luft noch über die Strasse kommt man dorthin, es bleibt nur der Seeweg.

Am Samstag schrieb die Bürgermeisterin des Dorfes Boya aus dem abgeschnittenen Distrikt eine Facebook-Nachricht an eine Freundin: «Wir brauchen hier viele Leichensäcke.» Es ist ein technisches Wunder, dass sie in einem Telekom-Laden tatsächlich kurzzeitig noch ein W-Lan gefunden hat.

Ein Alarm, der nicht bei den Menschen ankam

Während die Helfer versuchen, sich Wege zu möglichen Überlebenden zu bahnen, regt sich Kritik an der indonesischen «Agentur für Meteorologie, Klimatologie und Geophysik», die am Freitag zwar den Tsunamialarm ausgerufen hatte, doch offenbar nicht mit Wellen in Höhe von zwei bis drei Metern rechnete.

«Wir haben keine Beobachtungsdaten aus Palu», erklärt Rahmat Triyono, Chef der Tsunami- und Erbebenabteilung der Agentur, die in solchen Fällen von staatlicher Seite aus den Alarm ausgibt. Die nächste Messstation liege 200 Kilometer von Palu entfernt, dort sei nur ein minimaler Anstieg der Meeresoberfläche erfasst worden, die Daten seien dann hochgerechnet worden. So hat offenbar niemand mit einer so grossen Flut in Palu gerechnet. Gerüchte, dass die Agentur die Tsunamiwarnung aufgehoben hatte, bevor die Welle auf Land traf, erwiesen sich als falsch.

Dennoch stellt sich die Frage, wie effizient und verlässlich das Tsunami-Frühwarnsystem ist, denn der Alarm scheint bei der Bevölkerung nicht überall angekommen zu sein. In Palu bereiteten einige Gruppen ein Festival am Strand vor und bekamen anscheinend nichts von der Warnung mit. Die Online-Plattform «Liputan 6» zitierte den Sprecher von Indonesiens Katastrophenschutzbehörde, Sutopo Purwo Nugroho, mit dem Satz, dass es keine Sirene gegeben hätte, einen Grund dafür nannte er nicht.

Josef Zens, Sprecher des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam, das an dem Frühwarnsystem beteiligt ist, sagte dem Berliner Tagesspiegel, er vermute, dass «irgendetwas bei der menschlichen Übermittlung der Warnung vor Ort in Sulawesi nicht funktioniert hat». Die Software habe «einwandfrei» funktioniert, bereits fünf Minuten nach dem Erdbeben sei eine Tsunami-Warnung für Palu ausgegeben worden.

Das Tsunami-Frühwarnsystem war nach der Mega-Katastrophe im Jahr 2004 im Indischen Ozean eingerichtet worden.

Mehr als eine Million Menschen betroffen

Damals traf ein gewaltiger Tsunami auf die Küsten von Thailand, Sri Lanka und vor allem Aceh im äussersten Nordwesten von Indonesien. Fast 230'000 Menschen starben in der Flut. Seither sind die Bewohner der Region zumindest etwas besser vorbereitet, es gibt Notfallpläne und Anweisungen, sich umgehend auf höher liegende Plätze zu flüchten, wenn der Alarm kommt. Damals war das noch ganz anders, alle waren ahnungslos.

Mit den Ausmassen von 2004 ist nun in Sulawesi vermutlich nicht zu rechnen, dennoch ist dies eine Krise von grossem Ausmass. Mehr als eine Million Menschen sind von den Erdstössen und der Flut betroffen, sie haben Angst, können nicht in ihre Häuser, schlafen nachts im Freien, viele brauchen Wasser, Essen Medikamente. Nach offiziellen Angaben der Katastrophenschutzbehörde kamen mindestens 832 Menschen ums Leben, 540 wurden verletzt, die meisten von ihnen in der 350'000-Einwohner-Stadt Palu. Das indonesische Online-Nachrichtenportal Kumparan berichtete am Sonntag unter Berufung auf die nationale Polizei von mindestens 1203 Toten. Offiziell gab es dafür zunächst keine Bestätigung.


Komplette Zerstörung: die Bilder zur Katastrophe

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Demnach hielten sich auch 61 Ausländer in der Stadt auf, als der Tsunami über sie hereinbrach, unter ihnen ein Deutscher. Er befindet sich nach Angaben der Katastrophenschutzbehörde in Sicherheit. Behördensprecher Nugroho erklärte am Sonntag: «Wir glauben, dass die Zahl der Toten noch steigen wird, viele Leichen liegen unter den Trümmern und viele wurden noch nicht gefunden.»

«Wir haben Hunger, wir brauchen Essen»

Bewohner von Palu hatten sich nach der Tsunami-Warnung auf das Parkdeck der «Grand Mall» geflüchtet, es gibt eine wackelige Handy-Aufnahme von dort oben, die eingefangen hat, wie die grosse Welle auf das Ufer zuläuft und alles mitreisst, was der bis zu zwei Meter hohen Flut nicht standhält.

Die Mauern der Moschee von Palu bleiben zwar stehen, das Dach samt seiner leuchtenden grüne Kuppel brach jedoch ein, weil kurz zuvor ein Erbeben der Stärke 7,4 die Region erschütterte. Am Sonntagmorgen findet Präsident Joko Widodo einen Weg nach Palu, Fotos zeigen ihn in Turnschuhen, Jeans und Camouflage-Jacke mitten in den Trümmern der Stadt. Per Twitter bittet er das indonesische Volk, für die Familien in Palu zu beten, Hilfe sei jetzt auf dem Weg. Als Soldaten von einem Lastwagen aus Care-Pakete verteilen, rufen die Einwohner verzweifelt: «Wir haben Hunger, wir brauchen Essen.»

Es gibt aber auch positive Nachrichten aus dem Katastrophengebiet. Am Sonntag, zwei Tage nach dem Tsunami, ziehen Rettungskräfte eine Frau aus den Trümmern des Hotels Ria-Ria in Palu. Einer der Retter sagt in einem Interview mit dem Fernsehsender Kompas TV: «Zum Glück lag sie unter einer Matratze. Deshalb hat sie überlebt.»

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