Zeugen im Sperisen-Prozess leben gefährlich

Die Hauptklägerin im Genfer Mordprozess gegen den Ex-Polizeichef von Guatemala ist gemäss ihrer Anwältin bedroht worden.

Erwin Sperisen war Polizeichef von Guatemala. Foto: Keystone

Erwin Sperisen war Polizeichef von Guatemala. Foto: Keystone

Der Genfer Staatsanwalt Yves Bertossa beschuldigt den 43-jährigen schweizerisch-guatemaltekischen Doppelbürger Erwin Sperisen, als Polizeichef von Guatemala in den Jahren 2005 und 2006 neun Morde an Häftlingen befohlen und einen Insassen erschossen zu haben. Schon vor Prozessbeginn vergangene Woche stand fest, dass es in Guatemala eine Reihe von Leuten gibt, die verhindern wollen, dass allenfalls belastende Details über die Sperisen zur Last gelegten Mordfälle an die Öffentlichkeit gelangen. Jene 18 Personen, die das Gericht als Zeugen aufgeboten hat, setzen sich der Gefahr aus, allenfalls selbst Opfer krimineller Taten zu werden.

Tatsächlich liegen nach nur fünf Verhandlungstagen Schatten über dem Prozess. Dafür sorgte mitunter die Zeitschrift «L’Illustré». Diese gab vergangene Woche die Identität der Hauptklägerin preis und publizierte Fotos. Die 70-jährige Frau verlor ihren Sohn, als Sperisen am 25. September 2006 mit Teilen seines Korps und des Militärs im Rahmen der Operation Pavo Real (Vogel Pfau) bis auf die Zähne bewaffnet ins Gefängnis Pavón eindrang. Die Aktion diente dem Ziel, auf dem Gelände Recht durchzusetzen. Ein «Illustré»-Journalist schrieb, die Frau wisse nicht, was in der von ihr unterschriebenen Klage stehe, die Anwälte in der Folge bei der Staatsanwaltschaft Genf einreichten. Staatsanwalt Bertossa argumentierte vor Gericht, selbst wenn dies zuträfe, an der Beweislast für die Verbrechen ändere dies nichts. Das Gericht gab ihm recht.

Mutter sorgt für Eklat

Das Interview mit der 70-jährigen Frau ist mittlerweile auf Youtube abrufbar. Alexandra Lopez, welche die Klägerin als Zivilpartei vor Gericht vertritt, gab am Dienstag bekannt, Unbekannte hätten die Frau am Wochenende in ihrem Dorf aufgesucht und zur Reise nach Genf zwingen wollen, um ihre Vorwürfe gegen Sperisen zurückzuziehen. Damit nicht genug: Nachdem ein guatemaltekischer Polizist vor Gericht als Zeuge ausgesagt hatte, sorgte Sperisens Mutter für einen Eklat. Sie begann im Gerichtssaal zu fotografieren, worauf die Polizei sämtliche elektronischen Geräte konfiszierte. Gestern erschien Sperisens Familie nicht mehr zum Prozess. Bevor am Nachmittag ein zweiter guatemaltekischer Polizist als Zeuge erschien, entschied das Gericht, zur Verhandlung nur Anwälte und Journalisten zuzulassen.

Sperisen schwer belastet

Ein anderer Zeuge, ein Franzose, der für den Geheimdienst seines Landes gearbeitet haben soll, gilt im Sperisen-Prozess als wichtigster Zeuge. Er sass rund 14 Jahre im Gefängnis Pavón und wurde am 25. September 2006 nach eigenen Angaben Augenzeuge, wie Erwin Sperisen während der Operation den Häftling José Abraham Tiniguar Guevara erschoss. Er sagte, er habe beobachtet, wie der Angeklagte auf Tiniguar Guevara gezielt und abgedrückt habe. «Es machte bumm, und ich bin weitergehastet.» Dann sei er noch an einer zweiten Leiche vorbeigekommen, so der Zeuge. Er habe um sein eigenes Leben gefürchtet. Die Häftlinge hätten geweint, es habe Panik geherrscht, sagte der Franzose weiter.

Erwin Sperisen wurde bereits zur Operation Pavo Real befragt. Er bestreitet nicht, auf dem Gefängnisgelände gewesen zu sein. Dafür gibt es Beweisfotos und Videos, auch haben ihn diverse Zeugen am Tatort gesehen. Sperisen sagt aber, er habe während der Operation keine Befehlsgewalt gehabt und sowieso niemanden erschossen.

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