Zum Hauptinhalt springen

«Wir sind alle panikartig aus dem Haus gerannt»

Ein Erdbeben der Stärke 5,8 erschütterte die Ostküste der USA. Schäden gab es nur geringe. «Tages-Anzeiger»-Korrespondent Martin Kilian erzählt, wie er das Beben erlebt hat.

Angst in New York: Leute versuchen nach dem Erdbeben ihre Verwandten zu erreichen. (23. August 2011)
Angst in New York: Leute versuchen nach dem Erdbeben ihre Verwandten zu erreichen. (23. August 2011)
Keystone
Grosser Schreck: Zwei Frauen kurz nach dem Beben in Washington. (23. August 2011)
Grosser Schreck: Zwei Frauen kurz nach dem Beben in Washington. (23. August 2011)
AFP
Abgeschaltet: Das Atomkraftwerk North Anna Power Station in Louisa County im US-Staat Virginia. (Archivbild)
Abgeschaltet: Das Atomkraftwerk North Anna Power Station in Louisa County im US-Staat Virginia. (Archivbild)
AFP
1 / 6

Er wolle so etwas nicht nochmals miterleben müssen, meint «Tages-Anzeiger»-Korrespondent Martin Kilian gegenüber Redaktion Tamedia. Zuerst habe er gedacht, es handle sich bei der Erschütterung um einen besonders mächtigen Güterzug, der die nahe Bahnlinie passiere. Dann habe er realisiert, was wirklich passierte. «Ich bin völlig panikartig aus dem Haus gerannt und stand dann mit den Nachbarn auf der Strasse.»

Schäden an Häusern habe er zumindest in Richmond nicht gesehen. Es seien lediglich Bilder verrückt worden und Bücher aus den Regalen gefallen. Gebäudeschäden habe es nur im Ort Mineral gegeben, wo auch das Epizentrum des Bebens lag, berichtete Kilian weiter. «Doch die Leute sind überall verängstigt gewesen.»

Reaktoren abgeschaltet

Nach dem Erdbeben an der amerikanischen Ostküste haben sich zwei Reaktoren des Atomkraftwerks North Anna Power Station in Louisa County im US-Staat Virginia automatisch abgeschaltet. Wie die US-Atomenergiebehörde mitteilte, seien vier Dieselgeneratoren angesprungen, um die Sicherheitssysteme in dem Atomkraftwerk mit Strom zu versorgen. Ein Vertreter der US-Atomenergiebehörde erklärte, es seien zunächst keine Schäden festgestellt worden.

Der US Geological Survey hat die Stärke des Erdbebens vom Dienstag an der amerikanischen Ostküste nach unten korrigiert. Während zunächst von einer Stärke von 5,9 die Rede war, stufte die Behörde das Beben später auf 5,8 herab. Auch Angaben über die Tiefe des Epizentrums wurden korrigiert: von sechs Kilometer auf 800 Meter, rund 60 Kilometer nordwestlich von Richmond, der Hauptstadt des US-Staates Virginia.

Das Beben kurz vor 14 Uhr Ortszeit war auch in der Millionenmetropole New York und der Hauptstadt Washington zu spüren sowie bis nach Toronto in Kanada. Berichte über Verletzte oder grössere Schäden lagen zunächst nicht vor. Das Alaska Tsunami Warning Center sagte, es bestehe keine Gefahr, dass an der Küste ein Tsunami entstehen könnte. Das Epizentrum des Bebens sei zu weit im Landesinnern.

«Die Erde hat mehr als 40 Sekunden gebebt»

In Washington wurden mehrere Gebäude evakuiert, darunter das Pentagon, das Aussenministerium (State Department) und das Capitol. Zunächst hatten Einwohner der US-Hauptstadt befürchtet, es handle sich um einen Terroranschlag. Ebenfalls haben die Behörden die Sehenswürdigkeiten und Museen im Zentrum der Hauptstadt Washington geschlossen. Die Touristenattraktionen entlang der National Mall zwischen Kapitol und Lincoln Monument wurden mit den ersten Erdstössen evakuiert. Verletzt wurde den Angaben zufolge niemand. Ein Sprecher der Washingtoner Feuerwehr berichtete von Schäden an etlichen Gebäuden im Stadtgebiet, unter anderem an der ecuadorianischen Botschaft.

«Die Erde hat mehr als 40 Sekunden gebebt», berichtete eine Augenzeugin in Washington der Nachrichtenagentur DPA. Tausende Menschen seien ins Freie gelaufen. «Die Erde hat ganz kräftig gewackelt. Die Ampeln und Telefone sind zum Teil ausgefallen.»

Auch in New York gab es so starke Erschütterungen, dass Gebäude evakuiert oder Veranstaltungen abgebrochen wurden, darunter die Pressekonferenz des Staatsanwalts Cyrus Vance zum Fall Dominique Strauss-Kahn.

Kursrally an US-Börsen kurzzeitig gestoppt

Das Erdbeben an der amerikanischen Ostküste am Dienstag hat eine Kursrally an den US-Börsen zu stoppen gedroht. Der Dow-Jones-Index sank um 60 Punkte nach Bekanntwerden des Bebens, erholte sich aber rasch wieder. Im Fernsehen sahen die Händler, wie über den Erdstoss der Stärke 5,8 berichtet wurde, und riefen Familie und Freunde an.

Louis Pastina, Chef der NYSE Operations, sagte, das Börsengebäude habe nicht gewackelt und sei auch nicht evakuiert worden. Er erklärte sich den kurzfristigen Rückgang beim US-Leitindex mit opportunistischen Verkäufen. Der Dow Jones ging am Dienstag mit dem grössten Aufschlag seit fast zwei Wochen aus dem Handel. Er schloss bei 11'177 Punkten.

Twitterer spotten über Beben

Nur kurz nachdem in den USA die Erde gebebt hat, nutzten Tausende in den USA den Kurznachrichtendienst Twitter, um sich auf zum Teil amüsante Art und Weise mit dem Naturereignis auseinanderzusetzen. «Standard and Poor's stuft Erdbeben auf 2,0 herab», twitterte ein Nutzer in Anspielung auf die Ratingagentur, die kürzlich die USA schlechter als üblich bewertet hatte.

Opfer von Kurzmitteilungen in 140 Zeichen wurde die republikanische Politikerin Michele Bachman, die der konservativen Tea-Party-Bewegung nahesteht: Sie würde lediglich eine Erdbebenstärke von 2,9 zulassen, twitterte ein Nutzer. Er zielte ab auf Bachmans Ankündigung, die Gaspreise senken zu wollen. Über den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Rick Perry machte sich ein anderer Twitterer lustig: «Rick Perry streitet Erdbeben ab.»

Auch Präsident Obama wurde von den Twitter-Fans nicht ausgespart in ihrem Spott. Im Hinblick auf das Ringen um den Schuldenstand in den USA hiess es in einem Tweet: «Erdbeben bei 5,8 – Obama wollte 3,4, die Republikaner 5,8 – Kompromiss bei 5,8.»

AFP/kpn

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch