Wer nicht zahlt, muss sterben

Dramatische Enthüllungen eines ehemaligen Schleppers: Flüchtlinge, die ihre Überfahrt nach Europa nicht zahlen können, werden in Ägypten zur Organentnahme ermordet.

Leber, Nieren oder Herzen: Mittellose Flüchtlinge müssen ihre Schulden bei Schleppern mit inneren Organen bezahlen (Symbolbild).

Leber, Nieren oder Herzen: Mittellose Flüchtlinge müssen ihre Schulden bei Schleppern mit inneren Organen bezahlen (Symbolbild).

(Bild: Keystone)

Nureddin Atta Wehabrebi, der einst selbst Flüchtlingsboote über das Mittelmeer nach Italien gesteuert hatte, ist bereit, mit der italienischen Justiz zusammen zu arbeiten. Der Kronzeuge aus Eritrea schilderte den Ablauf der Flüchtlingsbewegung detailliert. «Die Flüchtlinge, die die Summe für die Meerespassage nicht aufbringen können, werden von den Schleusern den Ägyptern ausgeliefert.»

Atta Whabrebi berichtet von «Banden, die die Menschen umbringen, um ihnen Organe zu entnehmen. Sie kommen mit speziellen Kühlboxen zu den Orten, an denen sich Flüchtlinge aufhalten. Die Organe, die den Ermordeten entnommen werden, gehen dann nach Kairo, wo sie für je 15'000 Dollar (14'600 Franken) an verschiedene Interessenten verkauft werden.»

Die Informationen, so erklärte der ermittelnde Staatsanwalt von Palermo, Franco Lo Voi, habe Atta Wehabrebi von zwei libyschen Mitgliedern der Schleuserbande erhalten. Die Libyer Ermias Ghermay und Fitiwi Abdrurazak stehen seit längerem auf den Fahndungslisten der italienischen Behörden.

Organe werden bestellt

Es ist nicht das erste Mal, dass von illegalem und menschenverachtendem Organhandel berichtet wird. Bereits vor zwei Jahren wurden sowohl in Leichenhallen als auch in Massengräbern auf dem Sinai menschliche Überreste gefunden, denen Organe wie Leber, Nieren, Herzen sowie Augenlinsen entfernt wurden. Ein festgenommener Beduine erklärte den Behörden, man bekäme einen Anruf von Privatkliniken in Kairo, die gezielt Organe bestellten.

Bei den Getöteten handelte es sich damals um Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia und dem Sudan, die von Schleusern angeblich nach Israel gebracht werden sollten. Mehr als 4000 Personen gelten seither als vermisst.

Kriminelles Netzwerk entdeckt

Dank der Kronzeugenaussagen konnte die italienische Polizei nun einen erfolgreichen Schlag gegen ein Schleusernetzwerk führen. Dabei wurden gut organisierte Strukturen festgestellt: Die Bande, die sich aus Eritreern und Libyern zusammensetzt, holt gegen enormes Entgelt Flüchtlinge aus den Sammellagern und sorgt für deren Weitertransport.

Bevorzugte Ziele sind Deutschland, Dänemark und Skandinavien. Für eine «sichere» Passage müssen die Flüchtlinge beziehungsweise deren Familien zwischen 10'800 und 16'200 Franken zahlen.

Die gleiche Summe wird fällig, wenn Flüchtlinge statt der gefährlichen Meerpassage mit dem Flugzeug nach Europa gebracht werden. Dabei stiessen die Ermittler auf ein System falscher Familienzusammenführungen oder angebahnter Heiraten mit in Italien ansässigen Afrikanern oder Italienern.

Stützpunkte ausgehoben

Ob die Aussagen Atta Wehabrebis zu den Organentnahmen der Wahrheit entsprechen, bleibt noch weiteren Ermittlungen der italienischen Geheimdienste vorbehalten. Diese operieren dazu auch in Ägypten.

Dank der Kronzeugenaussage konnten jedoch zwei Anlaufpunkte in Palermo und Rom beschattet und ausgehoben werden. Dabei beschlagnahmten die Polizisten in einer von einem Eritreer betriebenen Parfümerie in Rom 526'000 Euro und 25'000 US-Dollar in bar. Zudem wurde eine Vielzahl von Rechnungen und Quittungen über den Flüchtlingsverkehr sichergestellt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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