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Warum Kachelmann seine Anwälte absetzte

Eine E-Mail eines Karosseriebauers und ein zehnminütiges Telefonat sollen den Wettermoderator dazu gebracht haben, seine Verteidigung auszutauschen.

Thomas Knellwolf
Gut gelaunte Anwältin, nachdenklicher Mandant: Andrea Combé verlässt mit dem freigesprochenen Jörg Kachelmann die Tiefgarage des Gerichts. (31. Mai 2011)
Gut gelaunte Anwältin, nachdenklicher Mandant: Andrea Combé verlässt mit dem freigesprochenen Jörg Kachelmann die Tiefgarage des Gerichts. (31. Mai 2011)
Gefragte Prozessbeobachterin: Feministin Alice Schwarzer kommentiert vor versammelter Medienschar den Prozessausgang. (31. Mai 2011)
Gefragte Prozessbeobachterin: Feministin Alice Schwarzer kommentiert vor versammelter Medienschar den Prozessausgang. (31. Mai 2011)
Kolumnistin Alice Schwarzer prangert das «frauenfeindliche Justizsystem» an.
Kolumnistin Alice Schwarzer prangert das «frauenfeindliche Justizsystem» an.
Fahrt in die Freiheit: Jörg Kachelmann verlässt nach seinem Freispruch das Gerichtsgebäude durch einen Hinterausgang. (31. Mai 2011)
Fahrt in die Freiheit: Jörg Kachelmann verlässt nach seinem Freispruch das Gerichtsgebäude durch einen Hinterausgang. (31. Mai 2011)
Aufmerksame Prozessbeobachterin: Alice Schwarzer an der Urteilsverkündigung am Mannheimer Landgericht. (31. Mai 2011)
Aufmerksame Prozessbeobachterin: Alice Schwarzer an der Urteilsverkündigung am Mannheimer Landgericht. (31. Mai 2011)
Wettermoderator Jörg Kachelmann wartet mit seiner Anwältin Andrea Combé auf die Urteilsverkündigung. (31. Mai 2011)
Wettermoderator Jörg Kachelmann wartet mit seiner Anwältin Andrea Combé auf die Urteilsverkündigung. (31. Mai 2011)
Der Vorsitzende Richter Michael Seidling gibt das Urteil bekannt. (31. Mai 2011)
Der Vorsitzende Richter Michael Seidling gibt das Urteil bekannt. (31. Mai 2011)
Kachelmann und sein Anwalt Johann Schwenn. (31. Mai 2011)
Kachelmann und sein Anwalt Johann Schwenn. (31. Mai 2011)
Der Wettermoderator betritt den Gerichtssaal. (31. Mai 2011)
Der Wettermoderator betritt den Gerichtssaal. (31. Mai 2011)
Nebenklägerin Sabine W. auf dem Weg ins Landgericht Mannheim. (31. Mai 2011)
Nebenklägerin Sabine W. auf dem Weg ins Landgericht Mannheim. (31. Mai 2011)
Jörg Kachelmann fährt zum wohl letzten Mal in die Tiefgarage des Landgerichts ein. (31. Mai 2011)
Jörg Kachelmann fährt zum wohl letzten Mal in die Tiefgarage des Landgerichts ein. (31. Mai 2011)
Das Interesse an der Urteilsverkündung ist gross: Menschenschlange vor dem Landgericht in Mannheim. (31. Mai 2011)
Das Interesse an der Urteilsverkündung ist gross: Menschenschlange vor dem Landgericht in Mannheim. (31. Mai 2011)
Auch das Medieninteresse ist gewaltig: Reporter vor dem Mannheimer Landgericht. (31. Mai 2011)
Auch das Medieninteresse ist gewaltig: Reporter vor dem Mannheimer Landgericht. (31. Mai 2011)
Das Warten hat bald ein Ende: Medienschaffende vor dem Haupteingang des Mannheimer Landgerichts. (31. Mai 2011)
Das Warten hat bald ein Ende: Medienschaffende vor dem Haupteingang des Mannheimer Landgerichts. (31. Mai 2011)
Auf der Lauer: Fotografen und Fernsehteams wollen einen Blick auf Kachelmann und Sabine W. erhaschen. (31. Mai 2011)
Auf der Lauer: Fotografen und Fernsehteams wollen einen Blick auf Kachelmann und Sabine W. erhaschen. (31. Mai 2011)
Jörg Kachelmann steht seit Anfang September 2010 vor Gericht. Die Anklage wirft ihm vor, Sabine W., eine seiner Geliebten, im Februar 2010 mit einem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe.
Jörg Kachelmann steht seit Anfang September 2010 vor Gericht. Die Anklage wirft ihm vor, Sabine W., eine seiner Geliebten, im Februar 2010 mit einem Messer bedroht und vergewaltigt zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe.
Michael Seidling ist der Gerichtsvorsitzende im Kachelmann-Prozess. Das Landgericht Mannheim eröffnet heute Vormittag das Urteil.
Michael Seidling ist der Gerichtsvorsitzende im Kachelmann-Prozess. Das Landgericht Mannheim eröffnet heute Vormittag das Urteil.
Medienleute stürzen sich auf Kachelmann-Verteidiger Johann Schwenn, der im Prozess sehr offensiv auftrat und nach allen Seiten austeilte.
Medienleute stürzen sich auf Kachelmann-Verteidiger Johann Schwenn, der im Prozess sehr offensiv auftrat und nach allen Seiten austeilte.
Das mutmassliche Opfer Sabine W. fährt im Auto ihres Anwalts Thomas Franz in die Tiefgarage des Landgerichts Mannheim.
Das mutmassliche Opfer Sabine W. fährt im Auto ihres Anwalts Thomas Franz in die Tiefgarage des Landgerichts Mannheim.
Andrea Combé – hier mit Kachelmann-Anwalt Schwenn – ist die Pflichtverteidigerin des früheren TV-Wettermoderators.
Andrea Combé – hier mit Kachelmann-Anwalt Schwenn – ist die Pflichtverteidigerin des früheren TV-Wettermoderators.
Die Mannheimer Staatsanwälte Lars-Torben Oltrogge (links) und Oskar Gattner vertreten die Anklage gegen Jörg Kachelmann.
Die Mannheimer Staatsanwälte Lars-Torben Oltrogge (links) und Oskar Gattner vertreten die Anklage gegen Jörg Kachelmann.
Der Kachelmann-Prozess führte im Februar nach Zürich, wo eine Schweizer Zeugin von der Staatsanwaltschaft befragt wurde. Im Bild: Valentin Landmann, Rechtsanwalt der Zeugin, beantwortet Fragen von Reportern.
Der Kachelmann-Prozess führte im Februar nach Zürich, wo eine Schweizer Zeugin von der Staatsanwaltschaft befragt wurde. Im Bild: Valentin Landmann, Rechtsanwalt der Zeugin, beantwortet Fragen von Reportern.
Im Falle eines Schuldspruchs würden Kachelmann mindestens fünf Jahre Freiheitsstrafe drohen. Nach der Festnahme im März 2010 sass er mehr als vier Monate in Untersuchungshaft.
Im Falle eines Schuldspruchs würden Kachelmann mindestens fünf Jahre Freiheitsstrafe drohen. Nach der Festnahme im März 2010 sass er mehr als vier Monate in Untersuchungshaft.
Laut Rechtsmediziner Rainer Mattern sind im Fall von Sabine W. sowohl Selbst- als auch Fremdverletzungen möglich. Am Messerrücken fand er aber keine DNA-Spuren der früheren Kachelmann-Freundin. Für seine Expertise machte Mattern Selbstversuche und Experimente mit seiner Frau.
Laut Rechtsmediziner Rainer Mattern sind im Fall von Sabine W. sowohl Selbst- als auch Fremdverletzungen möglich. Am Messerrücken fand er aber keine DNA-Spuren der früheren Kachelmann-Freundin. Für seine Expertise machte Mattern Selbstversuche und Experimente mit seiner Frau.
Der renommierte Rechtsmediziner Bernd Brinkmann vertritt die These, dass sich Sabine W. die Verletzungen selbst zugefügt habe. In Mannheim trat er als sachverständiger Zeuge auf. Als Gutachter war Brinkmann vom Gericht ausgeladen worden.
Der renommierte Rechtsmediziner Bernd Brinkmann vertritt die These, dass sich Sabine W. die Verletzungen selbst zugefügt habe. In Mannheim trat er als sachverständiger Zeuge auf. Als Gutachter war Brinkmann vom Gericht ausgeladen worden.
Der Heidelberger Traumatologe Günter Seidler erklärt die Erinnerungslücken von Sabine W. mit der schweren Traumatisierung, die sie bei der mutmasslichen Vergewaltigung erlitten haben soll. Er ist auch Therapeut der Nebenklägerin im Kachelmann-Prozess.
Der Heidelberger Traumatologe Günter Seidler erklärt die Erinnerungslücken von Sabine W. mit der schweren Traumatisierung, die sie bei der mutmasslichen Vergewaltigung erlitten haben soll. Er ist auch Therapeut der Nebenklägerin im Kachelmann-Prozess.
Der renommierte Berliner Forensiker Hans-Ludwig Kröber vertritt die Ansicht, dass sich Menschen in lebensbedrohlichen Situationen an die schmerzhaften Details genau erinnern können. Sein Gutachten spricht gegen die Version der Ex-Freundin von Kachelmann.
Der renommierte Berliner Forensiker Hans-Ludwig Kröber vertritt die Ansicht, dass sich Menschen in lebensbedrohlichen Situationen an die schmerzhaften Details genau erinnern können. Sein Gutachten spricht gegen die Version der Ex-Freundin von Kachelmann.
«Es ist bedauerlich, dass ein so ernster Prozess durch Nebenkriegsschauplätze andauernd verzögert wird», sagte Alice Schwarzer, als sie in den Zeugenstand musste. Die Frauenrechtlerin, die auf der Seite von Sabine W. steht, berichtet für die «Bild»-Zeitung über den Kachelmann-Prozess.
«Es ist bedauerlich, dass ein so ernster Prozess durch Nebenkriegsschauplätze andauernd verzögert wird», sagte Alice Schwarzer, als sie in den Zeugenstand musste. Die Frauenrechtlerin, die auf der Seite von Sabine W. steht, berichtet für die «Bild»-Zeitung über den Kachelmann-Prozess.
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Jörg Kachelmann weilte während der frühwinterlichen Prozesspause von drei Wochen in Kanada, als bei ihm eine elektronische Nachricht einging. Ein ihm unbekannter Deutscher stellte sich in der E-Mail vom 24. November vor und schrieb: «Ich bin vor kurzem vom Landgericht Lüneburg von dem Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden, dank meines Verteidigers Johann Schwenn aus Hamburg.»

So erzählt die «Die Zeit» in der heute erscheinenden Ausgabe den Vorgang nach, der wohl entscheidend zum überraschenden Verteidigerwechsel im Vergewaltigungsverfahren gegen den Schweizer Wettermoderator beitrug. «Ich verfolge Ihren Fall mit grossem Interesse», zitiert die Wochenzeitung weiter aus den Zeilen des norddeutschen Karosseriebauers, «und ich glaube, Sie sind nicht in besten Händen mit Ihrem Anwalt.»

«Medienknall» angekündigt

Wenig später soll Kachelmann den Herrn angerufen haben, der von Schwenn in einem aufwendigen Revisionsverfahren nach fünfeinhalb Jahren aus dem Gefängnis geholt worden war. Zum Schluss des etwa zehnminütigen Gesprächs habe Kachelmann gesagt: «Sie sind schuld, wenn es nächste Woche einen Medienknall gibt.»

Der Ratschlag aus Norddeutschland gepaart mit einer grossen Unsicherheit über den Verfahrensausgang in Mannheim liess den Schweizer Angeklagten wohl kurz darauf erneut zum Hörer greifen. Kachelmann wählte die Nummer von Rechtsanwalt Johann Schwenn in Hamburg.

Vier Tage später liess er seinen bisherigen Verteidigern Reinhard Birkenstock und Klaus Schroth mitteilen, dass er ab sofort auf ihre Dienste verzichte. Es gab einen «Medienknall».

«Leise rieselt der Schnee»

«Leise rieselt der Schnee», sagte Reinhard Birkenstock am Mittwoch spät, als er vom «Tages-Anzeiger» vom Inhalt des «Zeit»-Berichts erfuhr. Dann fügte er noch hinzu, dass er zum Fall Kachelmann nichts sagen werde.

Die ganze Sache hat ein Vorgeschichte: Birkenstock war bereits im Mai von Sabine Rückert, der Verfasserin des «Zeit»-Artikels, in einer E-Mail, die dem TA vorliegt, empfohlen worden, «einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art gewachsen ist». Rückert nannte namentlich Johann Schwenn, mit dem es in anderen Fällen bereits eine «Zusammenarbeit zwischen Verteidigung und der ‹Zeit›» gegeben habe. Birkenstock trat nicht darauf ein.

Denkbar wäre nun, dass das Duo Rückert/Schwenn den norddeutschen Karosseriebauer zum E-Mail-Schreiben ermutigt hat, um Kachelmann zum Verteidigerwechsel zu bewegen. Rückert beteuert aber, dass sie von der Absetzung Birkenstocks und der Einsetzung Schwenns ebenfalls am Tag des «Medienknalls» überrascht worden sei. Auch Schwenn sagt: «Denken Sie nicht daran, dass ich etwas damit zu tun habe. »

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