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Vierfachmord: Alle Opfer weisen zwei Kopfschüsse auf

Die Autopsie der ermordeten Mitglieder der Familie al-Hilli ist abgeschlossen. Der ermittelnde Staatsanwalt informierte in Annecy.

Der Tatort wird erneut untersucht: Beweismarkierung auf dem Waldparkplatz bei Annecy.  (8. September 2012)
Der Tatort wird erneut untersucht: Beweismarkierung auf dem Waldparkplatz bei Annecy. (8. September 2012)
Keystone
Der Verdacht auf Sprengstoff hat sich nicht erhärtet: Ein Soldat einer auf Bomben spezialisierten britischen Einheit verlässt einen Wagen vor dem Haus der ermordeten Familie Hilli in Claygate. (10. September 2012)
Der Verdacht auf Sprengstoff hat sich nicht erhärtet: Ein Soldat einer auf Bomben spezialisierten britischen Einheit verlässt einen Wagen vor dem Haus der ermordeten Familie Hilli in Claygate. (10. September 2012)
Reuters
Beobachter gehen davon aus, dass das brutale Vorgehen auf professionelle Killer schliessen lässt, die sichergehen wollten, dass keine Zeugen überleben: Gendarmen bewachen den Zugang zum Tatort.
Beobachter gehen davon aus, dass das brutale Vorgehen auf professionelle Killer schliessen lässt, die sichergehen wollten, dass keine Zeugen überleben: Gendarmen bewachen den Zugang zum Tatort.
REUTERS/M6 via Reuters TV
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In Annecy hat der im Vierfachmord von Chevaline ermittelnde Staatsanwalt Eric Maillaud die hervorragende Zusammenarbeit zwischen den französischen und den britischen Behörden gelobt. Einen Durchbruch in dem mysteriösen Fall konnte er jedoch nicht verkünden. Am Samstag lagen lediglich die Ergebnisse der Autopsie vor.

Demnach wurden alle ermordeten Personen zweimal in den Kopf geschossen. Zuvor war von je einem Kopfschuss die Rede. Nach wie vor können die Behörden nicht bestätigen, ob es sich bei der älteren der getöteten Frauen um die Grossmutter der Familie al-Hilli handelt. Zahlreiche Fragen der Journalisten blockte Staatsanwalt Maillaud ab. Die Ermittlungen unterlägen in Frankreich der Geheimhaltung, begründete er seine Zurückhaltung.

Zainab noch im Koma

Insbesondere missfielen Maillaud Fragen zur Familie al-Hilli und zur Befragung der vierjährigen Tochter Zeena. Sie sei ausgiebig befragt worden und könne kaum etwas sagen. Die siebenjährige Tochter Zainab liege immer noch im Koma. Zuvor hatte der bekannte britische Kriminologe Mark Williams-Thomas berichtet, sie sei wieder zu Bewusstsein gekommen.

Zur These eines allfälligen Erbschaftsstreits bestätigte Maillaud lediglich, dass viele von einem Streit sprechen. Der betroffene Bruder von Saad al-Hilli verneine jedoch einen Streit. Man müsse hier sehr vorsichtig sein, meinte der Staatsanwalt.

Durchsuchung des Hauses der Familie

In Claygate durchsuchten französische und britische Ermittler unterdessen das Haus der Familie al-Hilli. Vier französische Polizisten waren heute in London eingetroffen. Sie erhoffen sich Hinweise zur Aufklärung des Mordes an Saad al-Hilli, seiner Frau Ikbal, ihrer mutmasslichen Mutter und eines französischen Radfahrers. Alle vier waren am Mittwoch auf einem Waldparkplatz in Chevaline in der Nähe des Sees von Annecy kaltblütig erschossen worden.

Nach Informationen des Kriminologen Williams-Thomaszeigten erste ballistische Berichte der französischen Ermittler, dass alle Schüsse von derselben Waffe stammen. Staatsanwalt Maillaud wollte nichts zu den ballistischen Erkenntnissen sagen. Die Polizei fand am Tatort 25 Patronenhülsen, mehrere davon auch im Auto.

Möglicherweise wichtigste Zeugin

Der Schütze habe dem älteren der beiden überlebenden Mädchen in die Schulter geschossen. Ausserdem war ihr eine Schädelfraktur zugefügt worden. Die siebenjährige Zainab al-Hilli könnte zur wichtigsten Zeugin in dem Fall werden.

Ihre kleine, erst vier Jahre alte Schwester Zeena konnte bisher nach Angaben des Staatsanwalts von Annecy, Eric Maillaud, lediglich bestätigen, dass es sich beim ermordeten Mann am Steuer des BMW und der jüngeren Frau auf dem Rücksitz um ihren Vater und ihre Mutter handelt. Ansonsten habe sie nichts gesehen, denn sie habe sich gleich zu Beginn des Massakers auf den Boden des Autos gelegt. Dort hatte sie acht Stunden ruhig ausgeharrt, bis sie endlich entdeckt wurde.

Ihre Schwester Zainab befand sich jedoch ausserhalb des Autos, und dürfte auch aufgrund ihres höheren Alters eher in der Lage sein, wiederzugeben, was sie allenfalls gesehen hat.

Zweiter Täter?

Der oder die Täter gingen auf jeden Fall professionell vor. Die Schüsse seien nur durch die Scheiben des Autos abgegeben worden. Die Ermittler vermuten einen oder mehrere Profikiller, die eine halbautomatische Maschinenpistole benutzten. Ein weiterer Zeuge, der Velofahrer, der die Leichen entdeckte, sah dem Staatsanwalt zufolge ein dunkelgrünes Allradfahrzeug wegfahren. Schüsse habe er aber nicht gehört.

Die Ermittler gehen laut mehreren Medienberichten auch der Spur eines möglichen Mittäters nach. Augenzeugen hätten ausser einem dunkelgrünen Allradfahrzeug von einem Motorradfahrer berichtet, der in der Nähe des Tatorts gesehen wurde.

Auch Schweiz und Italien um Hilfe ersucht

Die französische Polizei hat nun auch die Schweiz und Italien um Mithilfe ersucht. Die Polizei in den Nachbarländern sei mobilisiert worden, um nach der Täterschaft zu fahnden, sagte Staatsanwalt Maillaud dem Fernsehsender «I-Télé». Die Schweiz sei nur eine Autostunde vom Tatort entfernt, Italien eineinhalb Stunden, begründete er den Entscheid.

Die schwedischen Behörden wurden ersucht, bei der Aufklärung der Identität der erschossenen älteren Frau zu helfen. Bei ihr handelt es sich mutmasslich um die Grossmutter der Familie. Allerdings hatte die vierjährige Zeena gesagt, sie kenne die Frau nicht gut. Auch der Irak erhielt eine Anfrage aus Frankreich, wie der «Guardian» berichtet. Dort wolle man nach möglichen Verwandten der Opfer suchen. Die Familie al-Hilli war in den 1970er Jahren aus politischen Gründen nach Grossbritannien ausgewandert.

Vermuteter Erbschaftsstreit

Im Vordergrund der Medienberichterstattung über den kaltblütigen Mord stand bisher die These eines Erbschaftsstreits. Der ermordete Saad al-Hilli habe sich mit seinem Bruder um Gelder in der Höhe von 1,2 Millionen Euro sowie um mehrere Liegenschaften gestritten. Bei einem der Objekte handle es sich um eine Villa in der Schweiz, berichtete die «Mail online».

Al-Hillis Bruder hatte sich nach Bekanntwerden der Tat selber bei der Polizei gemeldet. Gegenüber der britischen Polizei habe er versichert, dass es in seiner Familie keinen Streit gegeben habe, teilte die Staatsanwaltschaft in Frankreich mit. Gestern hatte der Staatsanwalt von Annecy, Eric Maillaud, noch angegeben, die britische Polizei habe bestätigt, dass es zwischen den beiden Brüdern einen Streit um Geld gegeben habe. Deshalb werde der Mann nun «sehr lange» befragt, sagte Maillaud.

Streit in Brief angedeutet

Eine Freundin der Brüder aus Kindheitstagen, Mae Faisal el-Wailly, beschrieb die Familie als wohlhabend. Der Vater der Brüder sei vor kurzem gestorben, sagte sie. In einem Brief, den ihr der getötete Familienvater im vergangenen Jahr geschrieben haben soll, finden sich Andeutungen auf einen möglichen Erbschaftsstreit.

So heisst es in dem von Saad al-Hilli im September vergangenen Jahres geschriebenen Brief, dass sein Bruder «ein Kontrollfreak ist, und hinterlistige Dinge versucht hat, selbst als mein Vater noch lebte». Und weiter heisst es: «Er hat versucht die Kontrolle über das Vermögen von Vater zu erlangen.» Aus öffentlichen Unterlagen geht hervor, dass der Bruder vergangenes Jahr aus dem Unternehmen des Getöteten ausschied. el-Wailly sagte, sie glaube aber nicht, dass der Bruder des Opfers etwas mit dem Verbrechen in den Alpen zu tun habe.

Angehörige treffen in Frankreich ein

Zwei Angehörige der beiden überlebenden Töchter der Familie al-Hilli sind am Samstag in Frankreich eingetroffen. Es handle sich um eine Frau und einen Mann, deren genaue Beziehungen zu den Mädchen noch unklar seien, sagte Staatsanwalt Maillaud.

Wann sie das jüngere der Mädchen sehen könnten, sei noch nicht entschieden. Bei einem möglichen Treffen mit der Vierjährigen, die als Einzige bei dem Blutbad unverletzt geblieben war, soll demnach ein Vertreter der französischen Staatsanwaltschaft anwesend sein.

Das ursprünglich aus dem Irak stammende Ehepaar al-Hilli wohnte in Claygate in der Nähe von London und machte mit seinen zwei Kindern Campingurlaub in der Nähe von Annecy. Die Staatsanwaltschaft leitete nach dem Vierfachmord eine richterliche Voruntersuchung ein, die bei komplexen Verbrechen üblich ist und von zwei Untersuchungsrichtern geleitet wird.

dapd/AFP/sda/rub

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