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«Unsere Söhne sind keine zukünftigen Mörder»

Obwohl nicht offiziell bestätigt, muss die Diagnose Autismus als mögliche Erklärung für den Amoklauf von Newtown herhalten. Nun wehren sich Betroffene und Eltern von autistischen Kindern gegen die Vorverurteilung.

«Die Verwechslung vom Asperger-Syndrom mit einer psychischen Krankheit»: Schlagzeile der «Washington Post».
«Die Verwechslung vom Asperger-Syndrom mit einer psychischen Krankheit»: Schlagzeile der «Washington Post».

Schon wenige Stunden nach dem Amoklauf in Newtown wurde die Diagnose zum ersten Mal formuliert: Der Täter Adam Lanza sei «etwas autistisch» gewesen, sagte sein Bruder Ryan. Die vage Vermutung wurde von allen Nachrichtenagenturen und Medien aufgegriffen und seither hundertfach wiederholt. Offiziell bestätigt ist sie noch immer nicht.

Nichtsdestotrotz hat die Berichterstattung eine Debatte entfacht: Immer mehr Blogger, Organisationen und Vereine kritisieren öffentlich die Stigmatisierung und vorschnelle Verurteilung von Autisten. «Unsere Söhne sind keine zukünftigen Mörder», schreibt die Wissenschaftsjournalistin Emily Willingham in einem Blogeintrag auf Newyorktimes.com. Die Mutter eines autistischen Sohnes kritisiert die Medien, welche das Autismuslabel als «willkommene Erklärung für eine unerklärliche Tat» missbraucht hätten.

Verunsicherte Eltern

Die Medien hätten nicht nur eine unbestätigte Diagnose verbreitet, sondern auch falsche Schlussfolgerungen gezogen, schreibt Willingham weiter: Sie hätten Menschen mit dem Asperger-Syndrom – einer leichteren Form des Autismus, an der Adam Lanza gelitten haben soll – als gestört und unempathisch dargestellt, «als würde in ihren Gehirnen etwas grundsätzlich Menschliches fehlen». Das Resultat: Verunsicherte Eltern von Kindern mit Autismus hätten sich bei Verbänden und Organisationen gemeldet, weil sie Angst haben, dass sie zukünftige Mörder grossziehen könnten.

Die Wortwahl, mit der Adam Lanza beschrieben wurde, habe sich innert kürzester Zeit in eine erstaunliche Richtung entwickelt, schreibt die Autorin Priscilla Gilman auf Dallasnews.com: von «seltsam», «distanziert» und «ein Einzelgänger» über «empathielos» bis hin zu «autistische Züge» und der unbestätigten Asperger-Syndrom-Diagnose. Dies kritisiert auch Willingham: «Nicht alle Autisten sind Einzelgänger, und nicht alle Einzelgänger sind Autisten.» href="https://quergedachtes.wordpress.com/2012/12/18/autismus-und-die-medialen-nachwehen/" target="_blank">Ein deutscher Blogger, der selber an Autismus leidet, befürchtet, dass seine Krankheit so noch mehr stigmatisiert wird und gedankliche Verknüpfungen bei anderen Menschen entstehen, «die nicht nur falsch, sondern verletzend sind».

«Sie können unglaublich empathisch sein»

Immer wieder wiesen Experten (zum Beispiel die Autism Society of America) zudem darauf hin, dass Autismus nicht mit gewalttätigem Verhalten in Verbindung gebracht werden kann. Autistische Kinder könnten zwar aggressiv werden, doch der Grund sei meistens die Frustration über ihre eigene Unfähigkeit, sich verbal auszudrücken. Es komme selten vor, dass sich ihre Wut gegen andere Menschen – insbesondere solche, die sie nicht kennen – richte.

Zudem sei das Asperger-Syndrom gar keine psychische Krankheit, wie fälschlicherweise oft behauptet, sondern eine Entwicklungsstörung, schreibt die Journalistin Melinda Henneberger in ihrem Blog auf Washingtonpost.com: «Die Kinder mit Asperger, die ich kenne, sind klug und süss, müssen aber ganz einfach härter daran arbeiten, soziale Zusammenhänge zu erkennen.» Gilman, die selber ein autistisches Kind hat, kämpft ebenfalls gegen die Stigmatisierung der Krankheit: «Auch Kinder mit Autismus haben ein starkes Bedürfnis, mit anderen zu interagieren. Und sie können unglaublich empathisch sein – sie drücken ihr Mitgefühl nur auf unkonventionellen Wegen aus.»

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