Zum Hauptinhalt springen

Traumatisierter Reporter verklagt Ringier

Von den Erlebnissen auf den Kriegsschauplätzen traumatisiert, verliert Carl Just seine Stelle. Er klagt, weil Ringier die Fürsorgepflicht verletzt habe.

Im Sommer 2002 schien die Welt noch in Ordnung. Verleger Michael Ringier zeichnet Carl Just, damals Chefreporter des «SonntagsBlicks», mit dem hausinternen Medienpreis aus. «Für vorbildliche journalistische Leistungen während mehrerer Jahre» erhält er 10'000 Franken und einen goldenen Cartier-Füllfederhalter.

Sechs Jahre später: Dem langjährigen Kriegsreporter verschiedener Ringier-Publikationen ist gekündigt worden. Völlig korrekt, meint der Ringier-Anwalt. Auf missbräuchliche Art, klagt Justs Anwalt. Die Standpunkte an der Verhandlung am Donnerstag vor dem Zürcher Arbeitsgericht scheinen unvereinbar.

Es geht um vertragliche Streitigkeiten und ausstehende Lohnforderungen. Streitwert: etwa 100'000 Franken. Es geht aber auch um die Frage, ob Ringier gegenüber seinem Angestellten die Fürsorgepflicht als Arbeitgeberin verletzt hat. Daraus ergeben sich weitere Schadenersatz-und Genugtuungsforderungen von 145'000 Franken.

Panikattacken und Todesangst

Die Ereignisse, die Just an den Kriegsschauplätzen und Krisenherden auf dem Balkan, im Iran, Irak, Libanon, in Afghanistan oder Somalia beobachtete, hinterliessen im heute 52-Jährigen tiefe Spuren. Mehrmals brach er zusammen - von Panikattacken, Todesängsten, Alpträumen und lähmenden Zukunftsängsten geplagt. Klinikaufenthalte brachten kaum Linderung.

Die Symptome haben eine offizielle Bezeichnung: Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Sie wird bei Just Ende 2004 diagnostiziert. Der Reporter wirft Ringier vor, diese Störung «entweder nicht erkannt oder nicht ernst genommen zu haben». Er sei einfach als Alkoholiker abgestempelt worden. Anstatt Abklärungen in Richtung PTBS zu treffen, habe man ihn verpflichtet, eine Alkoholberatung aufzusuchen, eine Antabus-Therapie zu beginnen. Obwohl von der behandelnden Ärztin auf das Problem aufmerksam gemacht, habe Ringier «aus den Informationen überhaupt keine Konsequenzen im Sinne eines PTBS-gerechten Umfelds» für Just gezogen. Vielmehr sei das Arbeitsverhältnis umgehend und ohne Angaben von Gründen aufgelöst worden.

Ringiers Anwalt bestritt - wie es in dieser Phase des Prozesses üblich ist - praktisch sämtliche Behauptungen. Er zweifelte sogar, ob Just an PTBS leidet. Jedenfalls wisse Ringier nichts davon, weil der Reporter die Ärzte nicht von ihrer Schweigepflicht entbunden habe. Der Verlag habe sich «in absolut vorbildlicher Weise um ihn gekümmert». Man habe Just «jahrelang weiter gehätschelt, gepflegt und voll bezahlt». Aber man habe auch eine Fürsorgepflicht gegenüber den anderen Mitarbeitern. Angesichts seiner Alkoholexzesse sei es notwendig gewesen, «ihn vom Arbeitsort fernzuhalten».

Ringier trage keine Schuld am Zustand des Journalisten. Er sei nicht im Auftrag von Ringier «oder gegen seinen Willen» in die Kriegsgebiete gereist, sondern von sich aus. Ringier könne weder etwas für das Trauma noch für das Scheitern der Therapien.

Stillschweigen über Vergleich

Das Arbeitsgericht stellte in Aussicht, dass ein umfangreiches und kompliziertes Beweisverfahren droht, wenn sich die Parteien nicht einigen. Zentrale Streitfrage: Wie weit geht die Fürsorgepflicht eines Arbeitgebers? Hätte Ringier Just Reisen in Krisengebiete verbieten müssen? Hätte Ringier anders handeln können oder müssen? Die Antworten sind und bleiben offen. Innerhalb einer Stunde einigten sich die Parteien unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf einen Vergleich. Über den Inhalt wurde Stillschweigen vereinbart. Beide Seiten, so heisst es, seien einander entgegengekommen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch