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Anarchie, aber manierlich

Velofahrer in Japans Hauptstadt geben nicht viel auf Regeln. Hausfrauen nicht, Büromenschen nicht – und Polizisten auch nicht.

Der erste Eindruck täuscht: Statistisch soll Tokio die Grossstadt mit den meisten Fahrradfahrern sein. Bild: Reuters
Der erste Eindruck täuscht: Statistisch soll Tokio die Grossstadt mit den meisten Fahrradfahrern sein. Bild: Reuters

Wer in Tokio mit dem Fahrrad zur Arbeit im Regierungsviertel pendelt, kann sich bei Joglis umziehen. Die kleine Firma im Haus des Rundfunksenders FM Tokyo zwischen Kaiserpalast und Parlament ist eine luxuriöse Garderobe. Sie bietet Radfahrern und Läufern Duschen, Handtücher, Shampoo, Getränke, Schliessfächer und abschliessbare Fahrradständer. Kunde von Joglis wird man für einzelne Tage oder im Monats-Abo.

Allerdings wagen sich nicht viele Pendler auf die achtspurigen Hauptstrassen von Tokio; die meisten sind Fahrradkuriere oder «ernsthafte Radfahrer», so nennen sich die Sportradler in Profitrikots auf teuren Rennmaschinen. Die grosse Mehrheit pendelt mit der Bahn, Tokios U- und S-Bahnen transportieren täglich 20 Millionen Menschen.

Tokios Hausfrauen fahren grundsätzlich mit dem Rad zum Einkaufen

Es wäre freilich falsch, aus den wenigen Radfahrern auf den breiten Hauptstrassen zu schliessen, das Fahrrad habe in Tokio keine Bedeutung. Das Gegenteil ist der Fall. Statistiker haben errechnet, in keiner andern Grossstadt der Welt seien so viele Leute mit dem Rad unterwegs wie in Tokio: vom Grundschüler bis zur 85-jährigen Oma. Tokios Hausfrauen gehen fast grundsätzlich mit dem Rad einkaufen. Wenn es regnet, halten sie halt einen Schirm in der einen Hand.

Auch ein grosser Teil der 20 Millionen, die mit der Bahn zur Arbeit pendeln, legen in der Früh die erste Meile mit dem Rad zurück. Oft sind das drei bis vier Kilometer von der Wohnung zum U- oder S-Bahnhof. Viele fahren ein «Mama-Chari». So nennt man die billigen, simplen Fahrräder ohne Gangschaltung mit Lenkerkorb, die es im Supermarkt ab 80 Euro gibt.

Der Begriff Mama-Chari erklärt sich von selbst, «Chari» heisst etwas salopp Fahrrad. Die moderne japanische Mutter, die ihre Kleinen mit dem Rad aus dem Kindergarten abholt, eines im Sitz vor dem Lenker, eines im Kindersitz hinter ihr, fährt freilich kein Mama-Chari mehr, sondern ein E-Bike. In dieser gleichmacherischen Gesellschaft will niemand auffallen, alle Mütter einer Kindergartenklasse fahren den gleichen Radtyp. Mamas Fahrrad soll auf keinen Fall erkennbar billiger oder teurer sein als das Rad der anderen Mütter, das Kind würde sonst gehänselt.

Ein anderer Begriff von Ordnung auf der Strasse

Die Japaner legen grossen Wert auf Ordnung, zumindest nach aussen. Ihre Wohnungen sind dagegen eher chaotisch, schon weil sie immer zu wenig Platz haben. Das macht nichts, da sie ohnehin niemanden nach Hause einladen, das tut man nicht. Aber auch auf der Strasse interpretieren sie «Ordnung» anders als wir.

In kaum einem andern Land schlüpfen so viele Autofahrer bei Rot noch über die Ampel, und keineswegs nur junge Männer, sondern auch ältere Herrschaften auf Spazierfahrt. Andererseits tippen manche Autofahrer ihre Mail auf dem Smartphone noch fertig, obwohl die Ampel bereits auf Grün geschaltet hat. Sie haben auch keine Skrupel, eine enge Strasse zu blockieren, um einen blühenden Kirschbaum zu fotografieren. Andrerseits werden sie nicht sauer, wenn andere das tun. Oder zeigen es jedenfalls nicht.

Dieser Hauch einer manierlichen Anarchie manifestiert sich nirgends so sehr wie beim Fahrradfahren. In Japan herrscht Linksverkehr, Fahrradfahrer fahren aber ebenso oft rechts, in der Mitte, auf dem Bürgersteig und bei Rot über die Ampel. Oder ganz ohne zu schauen von einer Seiten- in eine Hauptstrasse. Durch Einbahnstrassen sowieso, das ist offiziell erlaubt. Manche Radfahrer tippen mit einer Hand eine Mail, andere telefonieren, mit der zweiten halten sie ihren Schirm. (An Mama-Chari ist zuweilen eine Halterung für den Schirm am Lenker angebracht.) Und als hätten sie eine dritte und vierte Hand, halten sie irgendwie auch noch Einkaufstüten.

Sturm der Entrüstung gegen das Bürgersteig-Fahrverbot

Bis vor einigen Jahren war diese sanfte Anarchie legal und die Norm. Nach einigen spektakulären Fahrradunfällen jedoch erklärte die nationale Polizeiagentur, sie werde die Verkehrsregeln künftig auch gegenüber Radfahrern durchsetzen. Als Erstes verbot sie das Fahren auf dem Trottoir. Damit löste sie einen Sturm der Entrüstung aus: Kann man einer jungen Mutter mit zwei Kindern in den Sitzen und Einkäufen im Korb eine dicht befahrene Strasse zumuten, wenn das Trottoir leer ist? Oder einer Greisin, die nur noch schlecht sieht und hört?

Die Polizei modifizierte das Verbot in folgende Regel: Wenn es zumutbar sei, gehören Velofahrer auf die Strasse. Allerdings wurden zugleich manche Trottoirs zu Radwegen erklärt. Geändert hat sich nichts. Tokios Quartierpolizisten, die ihre Patrouillen stets zu zweit auf weissen Rädern machen, fahren weiterhin auf dem Trottoir, auch dort, wo es keinen Verkehr gibt.

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