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Quarantäne auf 14 Quadratmetern

Das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess ist das grösste Coronavirus-Krisengebiet neben China. Nun hat sich die Zahl der Infizierten verdoppelt.

Thomas Hahn, Yokohama und Andreas Frei
3700 Menschen stecken seit Anfang Februar auf dem US-Kreuzfahrtschiff Diamond Princess fest.
3700 Menschen stecken seit Anfang Februar auf dem US-Kreuzfahrtschiff Diamond Princess fest.
Kim Kyung-Hoon, Reuters
Die Mahlzeiten werden vom Personal aufs Zimmer geliefert.
Die Mahlzeiten werden vom Personal aufs Zimmer geliefert.
Sawyer Smith, Reuters
Auch für die Angestellten der Kreuzfahrtgesellschaft ist die Quarantäne-Situation eine grosse Herausforderung.
Auch für die Angestellten der Kreuzfahrtgesellschaft ist die Quarantäne-Situation eine grosse Herausforderung.
Twitter / @DAXA_TW, Reuters
Sie müssen die Passagiere versorgen, bei Laune halten und dabei selber eine Ansteckung fürchten.
Sie müssen die Passagiere versorgen, bei Laune halten und dabei selber eine Ansteckung fürchten.
Twitter / @DAXA_TW, Reuters
Eine verzweifelte Japanerin hängte letzten Freitag ein Plakat mit der Aufschrift «Medikamentenmangel» über die Reling. Die Kreuzfahrtgesellschaft versprach Nachschub.
Eine verzweifelte Japanerin hängte letzten Freitag ein Plakat mit der Aufschrift «Medikamentenmangel» über die Reling. Die Kreuzfahrtgesellschaft versprach Nachschub.
Kim Kyung-Hoon, Reuters
Die Aussenbereiche des Schiffs sind grösstenteils abgesperrt.
Die Aussenbereiche des Schiffs sind grösstenteils abgesperrt.
Sawyer Smith, Reuters
Die Passagiere dürfen nur in kleinen Gruppen und für kurze Zeit an die frische Luft.
Die Passagiere dürfen nur in kleinen Gruppen und für kurze Zeit an die frische Luft.
Kyodo, Reuters
Das Schiff ankert in Yokohama, südlich von Tokio. Einmal musste es den Hafen für einen Ausflug aufs Meer verlassen, damit mit der Meerwasserentsalzungsanlage Frischwasser für die Kabinen produziert werden konnte.
Das Schiff ankert in Yokohama, südlich von Tokio. Einmal musste es den Hafen für einen Ausflug aufs Meer verlassen, damit mit der Meerwasserentsalzungsanlage Frischwasser für die Kabinen produziert werden konnte.
Kyodo, Reuters
Neben 2600 Passagieren müssen auch 1100 Angestellte auf dem Schiff bleiben.
Neben 2600 Passagieren müssen auch 1100 Angestellte auf dem Schiff bleiben.
Kim Kyung-Hoon, Reuters
Die japanischen Behörden haben mehrere Ärzte auf das Schiff entsandt, die Verdachtsfälle überprüfen.
Die japanischen Behörden haben mehrere Ärzte auf das Schiff entsandt, die Verdachtsfälle überprüfen.
Kim Kyung-Hoon, Reuters
Der Hafen ist rund um die Diamond Princess abgesperrt.
Der Hafen ist rund um die Diamond Princess abgesperrt.
AP Photo/Eugene Hoshiko
Am Montag haben Soldaten einen geschlossenen Tunnel zu Militärtransportern errichtet, um die 66 neu Infizierten sicher vom Schiff bringen zu können.
Am Montag haben Soldaten einen geschlossenen Tunnel zu Militärtransportern errichtet, um die 66 neu Infizierten sicher vom Schiff bringen zu können.
AP Photo/Eugene Hoshiko
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Am Anleger der Coronavirus-Krise herrscht eine seltsame Atmosphäre zwischen Schaulust und Frieden. Die Sonne scheint über dem Daikoku-Pier im Hafen von Yokohama. Angler stehen am Ufer. Träge schlagen die Wellen ans Land. Das Wetter ist so klar, dass man zwischen Riesenrad und Hochhäusern die Silhouette des japanischen Nationalberges Fuji sehen kann. Trotzdem blicken viele auch in die andere Richtung und machen Fotos.

Denn dort ankert seit vergangenem Dienstag das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess unter Quarantäne. Rund 2600 Passagiere und 1100 Crew-Mitglieder hat es an Bord. 336 davon waren nach Angaben des japanischen Gesundheitsministeriums bis Sonntagabend auf das Virus getestet worden. 70 hatten es bereits und wurden in Krankenhäuser gebracht, am Montag wurden nochmals 66 Fälle bestätigt, womit nun 136 an Bord infiziert sind. Weitere Menschen auf dem Schiff haben Symptome wie Fieber, die von dem Virus kommen könnten.

Am Montag wurden nun allen Passagieren bessere Schutzmasken verteilt, sogenannte N95. Diese filtern bis zu 95% der Partikel aus der Luft. Bislang erhielten die Menschen an Bord normale OP-Masken ohne Filterfunktion.

Weil die Zeit zwischen der Ansteckung und dem Ausbrechen der Krankheit beim Coronavirus bis zu 14 Tage betragen kann, soll die Quarantäne bis mindestens 19. Februar andauern. Im Schnitt beträgt diese Inkubationszeit zwar nur drei Tage, trotzdem könnte sich die Quarantäne aber auch verlängern, denn eine neue chinesische Studie hat festgestellt, dass einzelne untersuchte Personen erst 24 Tage nach der Ansteckung Symptome zeigten. Der weisse Luxusliner wird deshalb noch eine Weile wie das Denkmal einer unsichtbaren Gefahr in Yokohamas Hafen aufragen.

Symbol für die Furcht

Die Diamond Princess ist derzeit das grösste Coronavirus-Krisengebiet neben China und damit das Symbol für die Furcht vor einer weltweiten Verbreitung des neuartigen Krankheitserregers. Menschen aus 50 Nationen sind an Bord, wenn die das Virus in ihre Länder tragen, wird alles noch schlimmer, als es ohnehin schon ist.

Nach den jüngsten Daten übersteigt die Zahl der Todesopfer durch das Coronavirus mittlerweile die der Sars-Pandemie vor 17 Jahren. An dem Schweren Akuten Atemwegssyndrom (Sars) waren nach Angaben der WHO 2002/03 insgesamt 8096 Menschen erkrankt und 774 gestorben.

Die Zahl der bestätigten Infektionen durch das neue Coronavirus steigt sowohl in China als auch ausserhalb weiter. Bis auf ein Opfer auf den Philippinen und eines in der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong haben sich allerdings alle Todesfälle am chinesischen Festland ereignet.

Trotzdem: Im Ausland ist man alarmiert. Nachlässigkeit will sich jetzt niemand erlauben. Das zeigt sich auch am Fall der Diamond Princess.

Viele Senioren an Bord

Gesundheitsbehörden wurden auf das Schiff aufmerksam, als bekannt wurde, dass sich ein Mann das Virus eingefangen hatte, der am 25. Januar von Bord gegangen war. Zwei weitere Menschen, die engen Kontakt mit ihm gehabt hatten, wurden später ebenfalls positiv getestet. Am Dienstag hätten die Passagiere nach Hause gehen sollen – nun stecken sie an Bord fest.

Auf Kreuzfahrtschiffen ist die Gefahr besonders gross, dass sich ein Virus ausbreitet. Viele Menschen sind dort auf relativ engem Raum und sollen sich ja auch näher kommen bei Tanzkursen, Partys oder sonstigen Angeboten an Bord. Typischerweise sind auch viele Senioren unter den Reisenden, die anfälliger für Ansteckungen sind als junge Menschen.

Vor der Ankunft in Yokohama feierten die Menschen den vermeintlich letzten Abend an Bord. Kurz danach begann die Quarantäne. Bild: Philip And Gay Courter/Reuters
Vor der Ankunft in Yokohama feierten die Menschen den vermeintlich letzten Abend an Bord. Kurz danach begann die Quarantäne. Bild: Philip And Gay Courter/Reuters

Die Angesteckten umfassen alle Altersklassen zwischen Über-20 und Über-80. Viele Japaner sind darunter, aber auch Menschen aus den USA, Kanada, Australien, Argentinien und Grossbritannien. Weitere Tests sind anberaumt, die Zahl der Fälle könnte weiter steigen. 16 Ärzte und weiteres medizinisches Personal hat Japans Regierung auf das Schiff geschickt, damit diese mit den Ärzten, die zur Crew gehören, das Virus eindämmen.

600 Menschen brauchen Medikamente

Die Passagiere dürfen ihre Kabinen nicht verlassen. Besonders beengend dürfte die Quarantäne für die Menschen in den Innenkabinen sein, die kleinsten davon sind etwas grösser als 14 Quadratmeter. Princess Cruises, die US-Reederei der Diamond Princess, hat deshalb das Zimmer-Entertainment mit neuen TV-Kanälen, Videos, Zeitungen und Spielen aufgebessert, bietet kontrollierte Ausgangszeiten, psychologische Betreuung, freies Internet, Telefonate nach draussen und Mahlzeiten per Zimmerservice.

Glück haben Passagiere, die eine Balkonkabine gebucht haben und wenigstens an die frische Luft können. Wie die Lage an Bord ist, dokumentieren die eingesperrten Menschen in Videos, die sie in sozialen Medien teilen.

Vom Schiff aus erstellten viele Passagiere auch neue Twitter-Konten, auf denen sie täglich über ihre Situation berichten. Sie teilen Bilder der Mahlzeiten und Wasserrationen, welche sie erhalten, aber auch die beunruhigenden Nachrichten über das Virus, die sie im Internet finden und wie sie bei sich selber nervös mehrmals täglich Fieber messen.

Am Montagmorgen gab es für viele Passagiere immerhin etwas Ablenkung, sie konnten dank der Zeitverschiebung die Oscar-Verleihung live schauen. Und sie erfuhren, dass ihnen die vollen Kosten für die Kreuzfahrt zurückerstattet werden.

«Dynamisch und beispiellos» nennt Princess-Cruises-Chefin Jan Swartz die Lage und erklärte, «erster Fokus» sei es, den medizinischen Bedürfnissen der Menschen an Bord nachzukommen.

Am Freitag hatte eine Frau eine japanische Flagge über die Reling gehängt, auf der stand: «Zu wenig Medikamente.» Swartz sagte, für den Nachschub werde man mithilfe des japanischen Gesundheitsministeriums so schnell wie möglich sorgen. «Wir haben ungefähr 2000 Anfragen bekommen.» Japans Gesundheitsminister Katsunobu Kato sprach von etwa 600 Menschen auf dem Schiff, die Medikamente brauchen.

Niemand darf vom Schiff

Aber runter vom Schiff kommt vorerst niemand, der nicht ins Krankenhaus muss. Die Passagiere müssen von ihren Kabinen aus verfolgen, was draussen passiert. Zum Beispiel den Umstand, dass chinesische Wissenschaftler eine neue Theorie entwickelt haben zu der Frage, wie das Coronavirus die Menschen befallen konnte. Demnach könnte die Krise von infizierten Schuppentieren ausgegangen sein, die auf chinesischen Märkten als Delikatesse verkauft werden; ein Markt in Wuhan in Zentralchina gilt als Ort der ersten Infektion eines Menschen mit dem Coronavirus.

Eine eingepferchte australische Familie berichtete bei BuzzFeed über das Leben zu viert auf 14 Quadratmetern: Der Vater arbeitet am Tischchen, die Kinder hören auf dem Bett Musik und chatten mit Freunden und die Mutter kümmert sich um die Schulabwesenheit ihres Nachwuchses.

Neben der Furcht vor der Ansteckung beschäftigt die Familie auch, wie es nach dem Schiff für sie weitergeht, ob sie auch bei der Rückkehr nach Melbourne nochmals in Quarantäne müssen oder ob sie dann endlich nach Hause können.

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