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Paradies und Hölle zugleich

Rio de Janeiro hat Velowege mit atemberaubenden Ausblicken zu bieten. Es sollte beim Fahren allerdings kein Lüftchen wehen und auch nicht regnen.

Zwischen Bergen und Brandung: Der Radweg «Ciclovia Tim Maia» sollte ein Vorzeigeprojekt sein. Bild: imago/ZUMA Press
Zwischen Bergen und Brandung: Der Radweg «Ciclovia Tim Maia» sollte ein Vorzeigeprojekt sein. Bild: imago/ZUMA Press

Rio de Janeiro ist ein Paradies für Radfahrer. Das liegt an seiner natürlichen Schönheit. Die Strecken sind vielfältig, die Ausblicke spektakulär. Wer es gemütlich mag, umkreist die Lagune Rodrigo de Freitas oder radelt vom Strand in Botafogo über Copacabana und Ipanema bis nach Leblon, immer schön am Wasser entlang. Deutlich anspruchsvoller ist der Rundweg im Tijuca Nationalpark, dem grössten Stadtwald der Welt. Und wenn es ein Steilanstieg sein darf, der seinen Namen verdient, dann ist unbedingt die Tour hinauf zum Aussichtspunkt Vista Chinesa zu empfehlen. Jeder einzelne Blick sieht von dort oben wie eine Postkarte aus, kein Schweisstropfen wird umsonst gewesen sein.

Rio de Janeiro ist aber auch die Hölle für Radfahrer. Das liegt an seinem menschlichen Makel. Brasilianer vergöttern Autos, Handys, Kinder, Hunde, den lieben Gott und den Fussball - und zwar in dieser Reihenfolge. Das Auto hat immer Vorfahrt, egal ob sich Kinder, Hunde oder Fahrräder auf der Strasse befinden. Das macht das Radeln in dieser Stadt zu einem durchaus lebensgefährlichen Vergnügen. Zumal sich die Zunft der Raddiebe hier nicht lange mit dem Knacken von Schlössern aufhält. Sie hat sich auf den Diebstahl am fahrenden Objekt spezialisiert. Entweder wird das Opfer einfach im Vorbeiradeln abgeschubst oder es bekommt einen Wink mit der Pistole, der nichts anderes bedeutet, als dass das Rad soeben seinen Besitzer gewechselt hat. Schwer zu sagen, was unangenehmer ist.

Paradies und Hölle sind in Rio stets nur ein paar Schritte oder auch ein paar Radumdrehungen voneinander entfernt. Und vielleicht gibt es kein Monument, das diesen ewigen Gegensatz besser symbolisiert als der «Ciclovia Tim Maia». Zur feierlichen Einweihung im Januar 2016 schwärmte der damalige Bürgermeister Eduardo Paes vom «schönsten Radweg der Welt». Komplett gelogen war das nicht. Es handelte sich um eine 3,9 Kilometer lange Brückenkonstruktion auf Stelzen zwischen den Stadtteilen Leblon und São Conrado, rechts die Berge, links die Brandung. Es sollte ein Vorzeigeprojekt für das sogenannte «olympische Vermächtnis» von Rio werden. 100 Tage vor der Eröffnungsfeier stürzte dieses Vermächtnis aber ins Meer. Eine Welle, die an den Küstenfelsen hochschlug, riss ein rund 50 Meter breites Stück aus der Fahrradbrücke und zwei Menschen in den Tod.

Ein Stückwerk aus Linien und Kreisen

Nach den Spielen wurde das Teilstück notdürftig wieder angeschweisst, versehen mit dem Hinweis: «Nicht bei starkem Wind befahren!» An einem eher windstillen Tag im Februar 2018 kollabierte dann ein anderer Streckenabschnitt, diesmal wegen «starken Regens», aber immerhin ohne Todesopfer. Der schönste Radweg der Welt ist in jedem Fall auch einer der wetteranfälligsten.

In Rio, auch das ist ein Wesen dieser Stadt, gehören Superlative zum guten Ton. Das Rathaus wirbt mit dem Slogan: «Hauptstadt der Fahrrad-Mobilität» und verweist in diesem Zusammenhang auf das angeblich «längste Radwege-Netz Lateinamerikas», 438 Kilometer. Tatsächlich tauchte Rio de Janeiro in den Jahren 2011 und 2013 als einzige Stadt aus Südamerika im Index der Fahrrad-freundlichsten Städte der Welt unter den Top 20 auf. 2015 und 2017 war es aus dem Ranking aber wieder verschwunden. Das mag daran liegen, dass die Radwege hier keineswegs ein Netz bilden, sondern eher ein unzusammenhängendes Stückwerk von Linien und Kreisen.

In der deutlich ärmeren Nordzone, wo der grössere Teil der Bevölkerung lebt, aber so gut wie nie ein Tourist hinkommt, kann von einer modernen und nachhaltigen Mobilität ohnehin keine Rede sein. Teil des olympischen Erbes sollte auch ein 22 Kilometer langer Radweg im Favela-Komplex Maré werden. Wegen leerer Kassen stehen die Arbeiten seit Januar 2016 still.

Erstaunlich viele überleben

Sonntags werden Copacabana, Ipanema und Flamengo für den Autoverkehr gesperrt In der repräsentativen Südzone gibt es dagegen einige wegweisende Errungenschaften. Dort werden jeden Sonntag die stauanfälligen Uferstrassen von Copacabana, Ipanema und Flamengo für den Autoverkehr gesperrt. Sie gehören dann allein den Radlern, Skateboardern und Rollschuhfahrern. Auch das 2011 eingeführte System der orangefarbenen Radverleih-Stationen ist alles in allem ein Erfolg. Die Miete kostet fünf Reais pro Tag, etwa 1,15 Euro und die Räder sind meistens gut in Schuss. Laut der Stadtverwaltung wurden sie in den vergangen sieben Jahren mehr als zwanzig Millionen Mal genutzt.

Trotz allem bleibt das Problem, dass viele Orte abseits der touristischen Highlights nicht auf einem Radweg erreichbar sind. Das Fahrrad ist deshalb in Rio vor allem ein Sportgerät sowie ein Lastenträger für die furchtlosen Männer von den Zustelldiensten für die Supermarkt-, Apotheken- und Trinkwasserlieferanten. Gemessen an ihrem Fahrstil (freihändig, helmlos, auf der Mittelspur gegen den Autostrom) überleben das sogar erstaunlich viele. Gleichwohl gehört es in dieser Stadt immer noch zu den gefährlichsten Mutproben, abseits der markierten Wege zu radeln. Als alltägliches Fortbewegungsmittel zur Schule, zur Uni oder zum Arbeitsplatz wird das Rad deshalb bislang nur von Exoten genutzt.

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