Niemand will Erschiessungen befohlen haben

Im Mordprozess gegen Erwin Sperisen, Ex-Polizeichef von Guatemala, hört sich das Gericht diese Woche eine Reihe Entlastungszeugen an.

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Philippe Reichen@PhilippeReichen

Zehn aussergerichtliche Erschiessungen von Häftlingen werden Erwin Sperisen, Ex-Polizeichef von Guatemala mit Schweizer Pass, zur Last gelegt. Weil Sperisen 2007 nach Genf floh, wird ihm dafür derzeit in der Schweiz der Prozess gemacht. Staatsanwalt Yves Bertossa wirft dem 43-Jährigen vor, er habe im Jahr 2005 Polizisten den Befehl gegeben, drei ausgerissene Häftlinge zu erschiessen. 2006 soll er sich gemäss Anklageschrift bei sieben weiteren Erschiessungen während einer Operation im Gefängnis Pavón in der Nähe oder sogar unmittelbar beim Tatort aufgehalten haben. Darüber hinaus beschuldigt der Staatsanwalt Sperisen, einen Häftling eigenhändig umgebracht zu haben.

Die letzten Verhandlungstage im rund drei Wochen dauernden Mordprozess, der in Guatemala mit grossem Interesse verfolgt wird, drehten sich deshalb vor allem um drei Fragen: Was genau war die «Operation Pavón»? Was ist dabei ­geschehen? Und welche Rolle spielte Polizeichef Sperisen?

Bei der Suche nach Antworten waren sich die Zeugen der Anklage und jene der Verteidigung in einem Punkt einig. Alle bestätigten, dass im Gefängnis Pavón nicht mehr der Staat, sondern eine Handvoll Krimineller das Sagen hatte. Diese wenigen steuerten aus dem Gefängnis heraus den Drogenhandel im In- aber auch ins Ausland, organisierten Entführungen und sollen auch Morde in Auftrag gegeben haben. Als «Direktor» des Gefängnisses galt Jorge Estuardo Batres Pinto. Batres, eigentlich ein Häftling, bewohnte auf dem Areal ein eigenes Haus, ausgerüstet mit Jacuzzi und Billardtischen.

Schulfreund war Sperisens Vize

Als Sperisen am 25. September 2006 frühmorgens mit 3000 Polizisten und Militärs bis an die Zähne bewaffnet das Gelände stürmte, zog ein Teil der Einsatzkräfte sogleich vor Batres’ Haus. Während diverse Zeugen sagen, Sperisens Leute hätte Bartres Haus beschossen und Batres getötet, versicherte Vizepolizeichef Javier Figueroa gestern vor Gericht, als er und Sperisen dort angekommen seien, hätten bereits Leichen auf dem Boden gelegen.

Figueroa, den das Gericht als Entlastungszeuge einlud, ist ein Schulfreund Sperisens. Der studierte Gynäkologe will weder Erschiessungen gesehen haben noch Vermutungen anstellen, wem sie zur Last gelegt werden könnten. Ein Gefängniswärter, der letzte Woche als Zeuge auftrat, zeichnete ein anderes Bild. Er sagte, Figueroa sei an den Erschiessungen mitbeteiligt gewesen und habe am Ende zu ihm gesagt: «Das war ein richtiges Fest, nicht wahr?» Figueroa, der 2007 nach Österreich geflohen war, dort wegen der Erschiessungen in Pávon 867 Tage in Untersuchungshaft sass und 2013 in einem Strafprozess freigesprochen wurde, wies die Anschuldigung des Gefängniswärters als Falschaussage zurück. Gemäss Figueroa hatte Sperisen während der Operation keine Befehlsgewalt, was dieser genauso sieht. Wer bei der Operation allerdings das Sagen hatte, können oder wollen beide nicht sagen. Auch ein Militäroberst nicht, der am Montag vor Gericht erschien.

Ein Franzose, der 2006 während der Operation in Pavón inhaftiert war, bezeugte letzte Woche, Sperisen habe vor Batres Haus Befehle erteilt. Er will gar gesehen haben, wie der Angeklagte einen Häftling erschoss.

Am Freitag beginnt Staatsanwalt Bertossa mit dem ersten Plädoyer. Das Gerichtsurteil ist auf Ende nächster Woche angekündigt. Die Entlastungszeugen, die bislang in Genf auftraten, scheinen die Anschuldigungen gegen Sperisen nicht wirklich entkräftet zu haben.

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