Komplizierte Befreiung aus der Tiefe des Berges

Seit zehn Tagen harren zwölf Knaben und ihr Fussballtrainer in einer überfluteten Höhle in Thailand aus. Sie zu befreien birgt enorme Risiken.

Der Moment, der ein ganzes Land aufatmen liess. Videobilder der thailändischen Navy Seals zeigen den Augenblick, als die Retter die seit Tagen vermisste Jugend-Fußballmannschaft und ihren Trainer finden. (Video: Facebook/Thai Navy Seals/Tamedia)
Arne Perras@tagesanzeiger

Lichtkegel springen in der Finsternis hin und her, im Strahl zitternder Taschenlampen sieht man schemenhaft Kinder sitzen, sie tragen Shorts und Trikots voller Lehm, haben sich zusammengedrängt auf einem Hügelchen Erde, direkt über der schlammigen Flut. Dann ist im Video eine Stimme mit britischem Akzent zu hören. «Wie viele seid ihr?», fragt der Froschmann. «Dreizehn!», ruft einer der Jungen, geblendet vom kalten Licht.

Eine bessere Nachricht konnte es in diesem Moment nicht geben, britische Höhlentaucher und thailändische Elitetaucher waren Montagnacht auf die Vermissten gestossen. Und alle waren sie am Leben.

Das wackelige Video dokumentiert den ersten Kontakt, wie er sich etwa vier Kilometer tief in der Höhle zugetragen hat. Vielleicht werden die Jungs und die Taucher später mal davon erzählen, wie sich dieser Augenblick angefühlt hat. Aber am Montag ist das alles nicht wichtig. Entscheidend ist nur, dass die Kinder wissen: Es kommt jetzt Hilfe, sie sind nicht mehr alleine mit der Finsternis und der Flut.

Starke Regenfälle angekündigt

«Ihr seid sehr stark», sagt einer der Taucher. Und stark werden sie jetzt auch sein müssen, denn das Drama um die Höhlenkinder von Tham Luang in Nordthailand ist noch lange nicht zu Ende. Womöglich stehen die schwierigsten Stunden dieser abenteuerlichen Rettung erst noch bevor. Experten drehen und wenden nun die beiden entscheidenden Fragen: Wie bringt man die Jungs sicher wieder nach draussen? Und wann ist der beste Moment, um das zu wagen? Sorgen bereitet der Wetterbericht, der für Mittwoch bereits die nächsten starken Regenfälle ankündigt.

Die Taucher wissen: Sie dürfen jetzt nichts überhasten. Doch natürlich können es die Jungen kaum erwarten. «Wann kommen wir raus?», fragt einer von ihnen im Video. «Nicht heute», sagt der Taucher. «Nein, nicht heute.» Und dann schieben sie noch ein paar Worte hinterher, damit das nicht so grausam klingt: «Wir kommen, es ist o.k., viele werden kommen.»

Die ganze Nation zittert mit

Es waren diese ersten Bilder und Stimmen der Überlebenden, die Eltern und Angehörige so sehr ersehnten und brauchten. Ihre Gebete wurden erhört, sagten sie den Reportern am Eingang der Höhle, dort wo sie neun Tage lang ausgeharrt hatten, im Regen unter einem improvisierten Dach.

Mit buddhistischen Mönchen stimmten sie immer neue Gesänge an, damit die Jungs heil nach Hause kommen. Manche haben die Berggöttin Nang Non beschworen, und auch alle anderen heiligen Wesen, die helfen könnten. Sie haben Räucherkerzen angezündet, Essen geopfert. Und die ganze Nation zitterte mit. «Ich werde meinem Sohn ein Omelett braten», sagt eine Mutter im Fernsehen mit bebender Stimme. «Das isst er doch so gerne.» Aber wann die Mutter ihr Kind tatsächlich in den Arm schliessen kann, lässt sich noch immer nicht sagen.

Flut aussitzen oder tauchen

Die Thailänder fluteten die sozialen Medien mit grosser Freude, dass alle noch leben, und auch mit grosser Begeisterung für die Einsatzkräfte; die Taucher gelten nun als Helden, sie haben geschafft, was manchen kaum möglich erschien in den Fluten voller Schlamm, der starken Strömung, mit all den Hindernissen und Engpässen, in denen man stecken bleiben kann und sehr schnell sterben. Kilometerweit ohne Sicht, als schwämmen sie durch Kaffee.

Aber noch sind sie nicht am Ziel ihrer Mission, die Jungs müssen ja heil ins Freie. Und dafür gibt es nur zwei Möglichkeiten: Die Flut aussitzen, solange sie anhält. Oder: Sie müssen jetzt alle tauchen.

Selbst Profis haben grösste Schwierigkeiten

Wie schwierig eine Rettung unter Wasser wäre, ist schon daran zu sehen, dass selbst die Profis nur mit grössten Schwierigkeiten vorangekommen sind. Und die Kinder sind völlig unerfahren im Tauchen. Die Skepsis ist gross, allerdings nicht bei allen Experten. «Das ist einigermassen machbar», glaubt zumindest der britische Höhlenforscher Andy Eavis. «So etwas ist schon früher gelungen», sagte er in einem Interview mit der BBC, wenn auch nicht mit so vielen und so jungen Leuten.

Bei den Eingeschlossenen harren jetzt erst einmal Spezialisten aus, die Taucher und Ärzte sind. Offiziell gab es zunächst keine Angaben, wie es um die Gesundheit der Jugendlichen und ihrem Trainer steht, inoffiziell hiess es, dass die meisten von ihnen «im grünen Bereich» seien, was wiederum die Frage aufwarf, ob einige sich doch verletzt haben oder erkrankt sind. Dies wurde weder bestätigt noch dementiert.

Taucher liefern nun Wasser und Überlebenspackungen mit nährstoffreicher Nahrung aus der Tube, während draussen die Wasserpumpen auf Hochtouren arbeiten. Doch sie senken den Pegel nur langsam, um einen Zentimeter pro Stunde. Das ist nicht schlecht, aber auch nicht gut genug, um die Höhle leer zu bekommen.

Ein Loch bohren?

Und wie wäre es, wenn man ein Loch bohrte durch den Berg? Auch diese Möglichkeit wird geprüft, allzu gross sind die Hoffnungen aber nicht; zum einen, weil es lange dauert, zum anderen, weil die kleine Kammer, in der die Jungen sitzen, nicht direkt erreichbar wäre. Ganz abgesehen von den Risiken einer Bohrung, die von den Gesteinsmassen womöglich mehr in Bewegung bringt, als den Rettern lieb ist.

Das Einsatzteam hat offenbar noch keine Entscheidung gefällt, es sieht so aus, als setzten die Experten vorerst auf Warten: Zwei Mediziner der Elitetaucher des thailändischen Militärs haben sich bereit erklärt, bei den Jungs zu bleiben, sie zu betreuen und zu versorgen, wenn nötig mehrere Wochen lang.

Bis das Wasser so weit zurückgeht, dass man die Eingeschlossenen leichter befreien kann. «Wir werden sie da nicht herausholen, bis wir einen absolut sicheren Weg gefunden haben», sagt der Gouverneur der Provinz Chang Rai, Narongsak Osotthanakorn. «Wir haben so hart gearbeitet, um sie zu finden, wir werden sie nicht verlieren.»

Psychische Belastung nimmt zu

Nun hat aber auch das Warten seine Tücken. Erstens, weil man nicht weiss, was der neue Regen bringt – das Wasser in der Höhle könnte bedrohlich ansteigen. Zweitens, weil die psychische Belastung der Kinder so noch zunehmen dürfte. Sollten sie also doch einen Schnelltauchkurs bekommen, um rasch ins Freie zu gelangen, haben sie zumindest einen Vorteil gegenüber den Erwachsenen: «Sie sind klein und das ist gut», sagt der Brite Eavis. So kommen sie leichter durch enge Passagen, wo sich grössere Taucher schwerer tun.

Am schlimmsten ist die Dunkelheit

Was mit Körper und Geist passiert, wenn man lange in einer Höhle eingeschlossen ist.

Die gute Nachricht gleich zu Beginn: Die zwölf eingeschlossenen Jugendlichen und ihr Trainer werden in der Höhle nicht erfrieren. Steinhöhlen nehmen im Lauf ihrer Entstehung die lokale Jahresmitteltemperatur an, weshalb es in der thailändischen Höhle um die 20 Grad warm ist. «Das ist massgeblich dafür, dass die Kinder noch am Leben sind», sagt Nils Bräunig, Sprecher des Höhlenrettungs­verbundes Deutschland. Zum Vergleich: In westeuropäischen Höhlen ist es mit 7 bis 9 Grad deutlich kühler und damit gefährlicher für eingeschlossene Personen.

Eine extreme Belastung für die Jugendlichen ist hingegen das Ausharren in völliger Dunkelheit. Möglicherweise konnte die Gruppe mit dem Strom ihrer Lampen haushalten, ansonsten aber herrschte die Finsternis. Wenn der Rettungs­experte Bräunig Besuchergruppen durch Höhlen führt, macht er manchmal den Taschenlampentest: Licht aus! Die Teilnehmer sind dann zumeist erstaunt, welche sonderbaren Eindrücke das Gehirn dennoch wahrnimmt, etwa die Schatten der Hände, obwohl diese eigentlich gar nicht zu sehen sind. «Wir sind es nicht gewohnt, nichts zu sehen», sagt Bräunig. Was für die Teilnehmer geführter Touren ein Aha-Erlebnis ist, kann die eingeschlossenen Jugendlichen in eine psychische Extremsi­tuation führen: Panik macht sich breit. Aus ähnlichen Fällen mit eingeschlossenen Bergleuten weiss man, dass diese Angstattacken in den ersten Stunden besonders heftig sein können. Danach komme es sehr darauf an, ob jemand in der Gruppe besonnen reagiere und die anderen beruhigen könne.

Es ist zudem sehr wichtig, dass die Jugendlichen nach ihrer Rettung psychologisch betreut werden. Denn die Erinnerung versetzt manche Überlebende auch noch Wochen später zurück in die Grube, zurück in die Todesangst. Tatsächlich kann eine sogenannte posttraumatische Belastungs­störung die Erlebnisse noch Jahre später wieder hochkommen lassen.

Rettungsexperte Bräunig sieht im aktuellen Fall allerdings ein positives Detail: Der Trainer der Jugendlichen ist bei ihnen und kann als Autori­tätsperson Panikattacken womöglich abfangen. «Wir haben hier ein klares Gruppe-Führer-Ver­hältnis», sagt Bräunig. In einer Gruppe sich unbekannter oder in der Hierarchie gleichgestellter Menschen, etwa unter eingeschlossenen Bergleuten, ist dieses Gefüge zunächst noch offen und wird manchmal über Machtkämpfe verhandelt. Eine zusätzliche Tortur, die eingeschlossene Personen zermürben kann.

Andere körperliche Probleme, die die Dunkelheit mit sich bringt, sind Unwohlsein, Übelkeit und ein aus dem Takt gekommener Schlaf-wach-Rhythmus. Denn Licht steuert über ein Nervengeflecht im Gehirn massgeblich die innere Uhr des Körpers und beeinflusst damit auch die Körpertemperatur, den Blutdruck und die Aktivität von Genen. Brüchige Knochen durch Vitamin-D-Mangel sowie fahle Haut und Haare hingegen treten erst nach Wochen in Dunkelheit auf. Auch die Augen der Jugendlichen werden sich schnell erholen, wenn auch das erste Licht nach Tagen in Dunkelheit schmerzhaft ist.

Felix Hütten

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt