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Japanischer Wettlauf um das Karrierekind

In Japan widmen sich viele Mütter ganz dem Fortkommen ihres Nachwuchses - dazu gehört auch ein Erfolgskindergarten.

Yuki und Yoko sind beide fünf Jahre alt, aufgeweckte kleine Mädchen, nach japanischen Massstäben fast frech. Beide wohnen in Setagaya, einem eher wohlhabenden Stadtteil Tokios. Und beide gehen in den Kindergarten, Yuki in einen so genannten Yochien, Yoko in den Hoikuen.

Der flüchtige Betrachter erkennt zwischen den beiden Kindergärten kaum Unterschiede. Die Lebensbahnen, welche die zwei Vorschultypen ihren Kindern vorzeichnen, klaffen hingegen weit auseinander. Und die Familienmodelle, von denen der Staat ausgeht, wenn er sich an die Eltern der beiden Kinder wendet, ebenfalls.

Yuki wird schon kurz nach sieben Uhr früh in ihren Hoikuen gebracht, Yoko erst um neun in den Yochien. Yuki bleibt bis abends im Hoikuen, Yokos Mutter holt die Kleine je nach Wochentag kurz vor dem Mittagessen oder kurz danach ab. An jenen Tagen, an denen Yoko im Kindergarten isst, muss ihr die Mutter ein Bento mitgeben, eine bunt mit Leckereien gefüllte Lunchbox. Die Kinder vergleichen ihre Bentos, die Mütter wetteifern, wer die populärsten Lunchboxen macht.

Anders Hoikuen-Kinder: Sie werden bekocht, ihre Eltern erhalten zudem Merkblätter, auf denen steht, was die Kinder abends essen sollen - viel Fisch, Seetang, Gemüse - und was nicht: Zuckerzeug.

Yukis Hoikuen ist staatlich, Yokos Yochien privat, aber das hat nichts zu bedeuten. Es gibt auch private Hoikuen, und fast die Hälfte aller Yochien ist staatlich. Wichtig dagegen: Die Yochien, ob staatlich oder privat, unterstehen dem Erziehungsministerium, die Hoikuen dem Gesundheits- und Sozialministerium. Das spiegelt ihre Geschichte und ursprüngliche Bestimmung wider.

Bevormunden oder fördern

Der Hoikuen wurde am Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen, als immer mehr Frauen in die Fabrik gingen. Mit ihm holte man die Kinder von Arbeiterinnen von der Strasse. Er ist ein Sozialdienst, der dazu neigt, die Eltern zu bevormunden - oder, wie es offiziell heisst, sie in ihrer Sorge für die Kinder zu unterstützen.

Ganz anders der Yochien: Er entstand zur gleichen Zeit wie der Hoikuen, aber zu einem anderen Zweck. Als Japan in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Schulsystem nach europäischem Muster aufbaute, erfand man den Yochien, um die Kinder der sozialen Eliten darauf vorzubereiten. Im Yochien wird deshalb schon etwas unterrichtet, Schriftzeichen zum Beispiel.

Yukis Vater ist Schreiner und Fahrer, ihre Mutter eine Bürokraft. Zwei andere Väter von Yukis Hoikuen-Klasse sind Friseure, einer führt ein Restaurant, und wie die drei sind weitere Väter und auch einige Mütter selbständig. Ein Vater ist ein bekannter Schauspieler, ein Elternpaar Wissenschaftler. Das sind keine klassischen Hoikuen-Eltern. Jene grosse Gruppe von Müttern, die als Kranken- und Alten-pflegerinnen arbeiten, dagegen eher. Industrie-Arbeiter, einst die typischen Hoikuen-Eltern, wohnen in Setagaya wenige. Der Stadtteil ist zu teuer, die Arbeitswege wären zu weit.

In Yokos elitärerem Yochien sind die meisten Väter so genannte Salarymen, Männer mit guter Ausbildung, die sich an ihre Firma verdingt haben, nach stiller Übereinkunft fürs ganze Berufsleben. Dafür verdienen sie gut und erklimmen langsam eine Karriereleiter. Zu den ungeschriebenen Pflichten des Salarymen gehört es, dass er seinen Arbeitsplatz nicht verlässt, bevor der Chef geht, selbst wenn alles getan ist, und auch, dass er nach Büroschluss mit seinen Kollegen etwas trinken geht. Viele Salarymen kehren erst nach Hause zurück, wenn die Kinder längst schlafen. Sie sehen sie höchstens in der Früh. Und am Wochenende.

Die Yochien-Mütter widmen sich dafür ganz ihren Kindern. Der Yochien spannt sie auch ein, etwa für Ausflüge und andere Anlässe, Sport- und Spieltage. Nach dem Yochien fahren die Mütter ihre Kinder - meist mit dem Fahrrad - in Kurse und zum Sport. Yoko geht ins Englisch, seit sie vier ist, sie nimmt Klavierstunden, einige ihre Kameradinnen besuchen Ballettklassen und Schwimmunterricht, Kleinkinder-Karate oder Volkstanz. Zweimal pro Woche hat Yoko Kumon, eine Art Kinder-Abendschule, in der Englisch, Japanisch und Rechnen unterrichtet wird. Kumon gibt den Fünfjährigen bereits Hausarbeiten auf.

Für Taxidienste vom Yochien ins Karate und vom Ballett ins Kumon haben die meisten Hoikuen-Mütter keine Zeit, überdies summieren sich die Kosten für diese Kurse. Entweder springt die Grossmutter ein, oder das Kind verzichtet. Deshalb haben viele Yochien-Kinder schon bei der Einschulung einen schulischen Vorsprung. Zudem stellen die meisten privaten Elite-Schulen ihre Schulklassen aufgrund von Führungsberichten aus dem Yochien und Interviews mit den Eltern zusammen. Yokos Eltern sind schon dreimal zum Gespräch in die Grundschule ihrer Wahl bestellt worden. Die Mutter ist etwas besorgt über Yokos Eigensinn, das Kind ordnet sich nur ungern ein.

Yochien-Eltern verkörpern jenes bürgerliche Familienideal, das Japan gleichzeitig wie die westlichen Schulstrukturen vor etwas mehr als hundert Jahren importiert hat. Zuvor galten die Mütter in Japan als nicht fähig, für die Erziehung ihrer Kinder zu sorgen, vor allem nicht der Söhne. Zudem waren sie als Arbeitskräfte meist ins familiäre Gewerbe eingebunden.

Unterschiede verwischen sich

Die einst klaren Unterschiede zwischen Yochien und Hoikuen haben sich längst verwischt, die pädagogischen Ziele sich angenähert, besonders in Stadtteilen wie Setagaya, wo auch die Hoikuen-Eltern vom Kindergarten eher Qualität fordern, statt sich Vorschriften machen zu lassen. In Yukis Hoikuen sind viele Väter, man könnte sie fast neue japanische Väter nennen, vor allem die selbständig Erwerbstätigen, präsenter als in Yokos Yochien. Gleichwohl haben sich die Vorurteile gegen Hoikuen-Kinder da und dort erhalten. Vor allem ältere Japaner glauben, Hoikuen-Kinder seien zu bedauern, weil ihre Eltern es sich nicht leisten können, dass die Mutter zu Hause bleibt. Mütter, die arbeiten, obwohl sie nicht müssten, etwa weil ihnen die Arbeit gefällt, gelten zuweilen als Egoistinnen. In Yukis Hoikuen sind die meisten Frauen in den Pflegeberufen auf das zweite Einkommen angewiesen. Auch Yukis Eltern. Sie hätte gerne ein zweites Kind, sagt Yukis Mutter, «aber wir können uns das nicht leisten».

Immer weniger Jobsicherheit

Japans importiertes bürgerliches Familienideal bricht freilich auf. Etwa ein Drittel der jungen Leute findet heute keine feste Stelle mehr. Nicht, weil es keine Arbeit gibt, sondern weil japanische Firmen immer mehr Leute in Kurzzeit-Verträgen beschäftigen, als Verschiebemasse, die sie jederzeit loswerden können. Diese Leute erhalten keine Bonus-Prämien, ein wichtiger Teil eines japanischen Gehalts, kaum Sozialleistungen und keine Jobsicherheit; sie könnten morgen auf der Strasse stehen. So brechen, viele trotz ordentlicher Ausbildung, der Mittelklasse-Gesellschaft, die Japan sein möchte, nach unten weg. Zum Heiraten und Kinderkriegen ist das keine gute Voraussetzung. Paare, die es trotzdem wagen, schlingern von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten oft in persönliche, die Familie zerrüttet unter dem Druck einer neuen Armut.

Die neuen Hoikuen-Familien andererseits, Eltern, die ausserhalb des Salarymen-Systems Erfolg haben und deren Väter sich nach japanischen Massstäben überdurchschnittlich um die Kinder kümmern, existieren im öffentlichen Bewusstsein noch kaum. Während manch heutiger Yochien der kleinen Yoko ihren Eigensinn als Individualismus auslegen könnte, würde nicht in Setagaya, aber in einem traditionellen Hoikuen ein Kind wie Yuki, das seinen Kopf durchsetzt, noch immer als eher unangepasst beurteilt. Was in Japan schon fast asozial bedeutet - und auf die ganze Familie zurückfallen kann.

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