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«Ich ging davon aus, dass sich ein älterer Mann kontrollieren kann»

Harvey Weinsteins Anwältin Donna Rotunna gilt als «Bulldogge» im Kreuzverhör. Doch an dieser Zeugin beisst sie sich die Zähne aus.

Johanna Bruckner, New York
Zeugin Elizabeth Entin (ganz rechts) wird im Gerichtssaal befragt. Foto: Reuters
Zeugin Elizabeth Entin (ganz rechts) wird im Gerichtssaal befragt. Foto: Reuters

Irgendwann wirkt Verteidigerin Donna Rotunno fast ein bisschen verzweifelt. «Könnten Sie die Zeugin bitte auffordern, nur auf meine Fragen zu antworten?», bittet sie Richter James Burke. Rotunno, die sich auf die Verteidigung von Sexualstraftaten spezialisiert hat, gilt als besonders unnachgiebig im Kreuzverhör und gibt offen zu, dass sie als Frau Zeuginnen härter angehen kann als männliche Kollegen – wohl auch deshalb hat Harvey Weinstein die bisher nicht als Promianwältin in Erscheinung getretene Juristin aus Chicago engagiert. Umso erstaunlicher ist Rotunnos Hilferuf in Richtung Richterbank. Sie hat es an diesem Dienstagmorgen mit einer mindestens ebenbürtigen Gegnerin zu tun.

Elizabeth Entin ist von der Staatsanwaltschaft als sogenannte Corroborating Witness geladen, sie soll die Angaben von Mimi Haleyi bezeugen. Haleyi ist eine von zwei Frauen, um deren Vorwürfe es vor der Strafkammer des New York State Supreme Court in Downtown Manhattan geht. Weinstein, dem bis heu­te mehr als 80 Frauen sexuelles Fehlverhalten vorwerfen, ist angeklagt, der ehemaligen Pro­duktionsassistentin 2006 Oralverkehr aufgezwungen und 2013 eine weitere Frau ver­ge­waltigt zu haben. Auch Haleyi hatte am Vortag von einer Vergewaltigung berichtet – diese ist allerdings, wie die Schilderungen von vier weiteren Frauen, nicht Teil der Anklage.

«Die heisseste Frau, die ich kenne»

Während die mittlerweile 42-jährige Haleyi im Zeugenstand immer kleiner zu werden schien, sitzt ihre einstige New Yorker Mitbewohnerin Elizabeth Entin, genannt Liz, kerzengerade auf demselben Platz. Sie trägt die langen, dunkelbraunen Haare offen, unter einer schwarzen Lederjacke schaut ein graues T-Shirt hervor. Entin beantwortet die ersten Fragen von Staatsanwältin Meghan Hast zu ihrer Biografie so präzise, als habe sie den Wortlaut eingeübt; sogar Hobbys aus der Kindheit und Jugend hat sie sofort parat. Sie ist die erste Zeugin, die im Saal 99 noch in den hinteren Bankreihen gut zu verstehen ist.

Ein einziges Mal habe sie den Angeklagten persönlich getroffen, erzählt Entin, im Früh­som­mer 2006, Haleyi habe sie zu einem Event mitgenommen. Man traf sich beim Nobelitaliener Cipriani's, es ging wohl um «Project Runway» – jene Fernsehshow, bei der Weinstein Haleyi einen Job besorgt hatte. Sie sei dem Filmmogul vorgestellt worden, erzählt Entin. Dieser habe dann den Arm um Haleyi gelegt, sodass seine Hand auf ihrem Bauch auflag, und über Haleyi gesagt: «Das ist die heisseste Frau, die ich kenne.»

Entin bestätigt, im Sommer 2006 einen Anruf von Haleyi bekommen zu haben, in dem es um einen Zwischenfall mit Harvey Weinstein in der gemeinsamen Wohnung der beiden Frauen gegangen sei – sie selbst sei zu diesem Zeitpunkt arbeiten gewesen. Etwa eine Woche später habe ihre Mitbewohnerin dann plötzlich in der Zimmertür gestanden, sie habe nervös gewirkt, sei auf und ab getigert. Dann gibt Entin wieder, was ihr Haleyi damals erzählt haben soll, es geht um den mutmasslichen Übergriff in Weinsteins Appartement in Soho am 10. Juli 2006. Entin berichtet von Küssen, die Haleyi habe abwehren müssen, davon, wie Weinstein sein mutmassliches Opfer aufs Bett geworfen, Haleyis Tampon rausgerissen und Oralverkehr erzwungen haben soll.

«Ich habe ihr gesagt: ‹Miriam, das klingt wie Vergewaltigung›», sagt Entin im Zeugenstand. Doch Haleyi habe ihren Rat, einen Anwalt aufzusuchen, ausgeschlagen. Warum sie nicht insistiert habe, fragt die Staatsanwältin nach. «Ich fand, ich war nicht in der Position, das zu tun, ich hatte nicht das Recht dazu», sagt Entin.

Auf Rotunnos Bitte, die Zeugin zurechtzuweisen, antwortet Richter James Burke kurz und knapp mit: «Nächste Frage.»

Für Donna Rotunno im nachfolgenden Kreuzverhör eine offene Flanke: «Aber Sie haben ihrer Freundin geraten, sich einen Anwalt zu holen?», hakt die Verteidigerin nach. «Ich finde, jedes Opfer von sexueller Gewalt sollte das Recht auf einen Anwalt und auf einen Strafprozess haben», kontert Entin. Warum sie sich nie nach Haleyis Befinden erkundigt habe, nach jenem «Vorfall, den Sie hier Vergewaltigung nennen», fragt Rotunno weiter. Es ist eine von mehreren Fragen, die wohl darauf abzielen sollen, die Zeugin der Jury als wenig fürsorgliche Freundin zu präsentieren. Entin selbst verwendet für das Verhältnis zu Haleyi die Formulierung «friend-ish» – man war also irgendwie befreundet, verlor sich jedoch nach der gemeinsamen WG-Zeit aus den Augen.

Die Zeugin begegnet dem Kalkül der Verteidigerin mit leidenschaftlicher Entschiedenheit. Haleyi habe doch gewusst, dass Weinstein ein Interesse an ihr habe, sagt Rotunno, die einmal mehr nicht vor Victim Blaming zurückschreckt, sie habe sogar noch mit ihr, also Entin, darüber gescherzt. «Zwischen Interesse und einem Übergriff ist ein Unterschied», entgegnet Entin. Und auch auf die Frage, warum sie Haleyi nicht davon abgeraten habe, sich weiter mit Weinstein zu treffen, nachdem dieser unangemeldet vor der gemeinsamen Wohnung aufgetaucht war, hat sie eine klare Antwort: «Ich bin davon ausgegangen, dass sich ein älterer Mann kontrollieren kann.»

Die «Bulldogge» Rotunno beisst sich an diesem Morgen die Zähne aus. Und auch von der Richterbank kommt keine Unterstützung. Auf Rotunnos Bitte, die Zeugin zurechtzuweisen, antwortet Richter James Burke kurz und knapp mit: «Nächste Frage.»

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