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Höhlenforscher «wohlbehalten in der Klinik eingetroffen»

Nach sechs Tagen ist Johann Westhauser in einer beispiellosen Rettungsaktion erfolgreich aus der Riesending-Schachthöhle geborgen worden. Er verbrachte 11 Tage verletzt in der Tiefe.

Endlich zurück an der Oberfläche: Der Höhlenforscher Johann Westhauser wird in den wartenden Helikopter gehoben. (19. Juni 2014)
Endlich zurück an der Oberfläche: Der Höhlenforscher Johann Westhauser wird in den wartenden Helikopter gehoben. (19. Juni 2014)
DPA/NICOLAS ARMER
Vor gut 274 Stunden ereignete sich der Unfall: Westhauser nach seiner Rettung auf dem Untersberg in Bayern. (19. Juni 2014)
Vor gut 274 Stunden ereignete sich der Unfall: Westhauser nach seiner Rettung auf dem Untersberg in Bayern. (19. Juni 2014)
DPA/NICOLAS ARMER
Sobald der Patient an der Oberfläche ist, übernimmt die Rettungsflugwacht. (Übung des Speleo Secours Schweiz)
Sobald der Patient an der Oberfläche ist, übernimmt die Rettungsflugwacht. (Übung des Speleo Secours Schweiz)
Speleo Secours Schweiz
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Höhlenforscher Johann Westhauser hat die Strapazen seiner langen Rettung aus den Tiefen der Berchtesgadener Alpen relativ gut überstanden. Der 52-Jährige sei «wohlbehalten in der Klinik eingetroffen», sagte Norbert Heiland, der Vorsitzende der Bergwacht Bayern.

«Damit haben wir das wesentliche Ziel unserer Rettungsaktion erreicht.» Am Mittag hatten Helfer den in der Riesending-Schachthöhle bei einem Steinschlag verletzten Forscher ans Tageslicht gebracht. Anschliessend wurde er mit einem Helikopter ins Spital geflogen.

Elf Tage in der Tiefe

Der Arbeitgeber Westhausers zeigte sich froh über die Rettung des Verletzten. «Wir sind sehr erleichtert und glücklich», erklärte der Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), Holger Hanselka. Der Dank des Forschungszentrums gelte der Bergwacht Bayern und den vielen Helfern vor Ort. Westhauser arbeitet als Techniker am Institut für Angewandte Physik des KIT.

Westhauser, der der Höhlenforschung in seiner Freizeit nachging, wurde um 11.44 Uhr aus der Riesending-Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen geborgen – mehr als elf Tage nach seinem Unfall. Bei einem Steinschlag war er in 1000 Metern Tiefe am Kopf getroffen worden und hatte ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten.

In einer beispiellosen Rettungsaktion holten die Retter Johann Westhauser in sechs Tagen aus 1000 Metern Tiefe nach oben. Am Höhlenausgang am Untersberg in 1800 Metern Höhe standen Ärzte bereit, um den 52-Jährigen zu versorgen. Eine mobile notfallmedizinische Station war eingerichtet.

Die Retter hatten die letzte Etappe zunächst in enormer Geschwindigkeit bewältigt. In der Nacht verzögerte sich der Transport dann aber noch einmal. Heute zogen Helfer die etwa 100 Kilogramm schwere Trage mit dem Schwerverletzten über 180 Meter an Seilen frei schwebend senkrecht nach oben.

Der erfahrene Höhlenforscher, der seit Jahren Deutschlands tiefste Höhle erkundete, war am Pfingstsonntag bei einem Steinschlag von einem Brocken am Kopf getroffen worden. Er erlitt dabei ein Schädel-Hirn-Trauma. Seit dem Unfall bis zur Rettung vergingen gut 274 Stunden.

Während ein internationales Team den Verletzten in der Trage schob, zog und weiterhievte, sicherten ständig Dutzende Helfer den Weg zum Ausgang mit zusätzlichen Haken und neuen Seilen. Sie räumten loses Geröll weg und hielten Gischt aus Wasserfällen mit Planen ab.

Weitere Betreuung noch unklar

In welches Spital Westhauser kommen wird, war zunächst nicht bekannt. Salzburg läge am nächsten. Aber es könnte auch eine Klinik in Süddeutschland sein – in Bayern oder Baden-Württemberg, wo Westhauser lebt.

«Die Ärzte müssen entscheiden, in welche Klinik er geht», hatte ein Sprecher der bayerischen Bergwacht noch am Mittwochmittag betont. «Die wichtigen Kliniken, die infrage kommen, werden darauf eingerichtet sein, dass sie einen weiteren Patienten aufnehmen können.»

Die lange Rettung des Höhlenforschers

Es war eine beispiellose Rettungsaktion: Fast eine Woche lang transportierten Helfer den schwer verletzten deutschen Höhlenforscher Johann Westhauser aus der tiefsten und längsten Höhle Deutschlands in Richtung Oberfläche. Die dramatischen Ereignisse im Überblick:

  • 7. Juni: Ein dreiköpfiges Team von Forschern, darunter der 52-jährige Westhauser, steigt in die fast 1100 Meter tiefe Riesending-Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen. Seit 2002 erforscht der aus Karlsruhe stammende Westhauser die unterirdischen Gänge, die er teils selbst entdeckt hat.
  • 8. Juni: Gegen 1.30 Uhr kommt es zu einem Steinschlag, bei dem Westhauser an Kopf und Oberkörper verletzt wird. Er erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma. Ein Kollege beginnt einen zwölfstündigen Aufstieg, um Hilfe zu holen.
  • 9. Juni: Vier Bergretter erreichen erstmals das Lager des Verletzten. Westhauser sei ansprechbar, «aber es geht ihm nicht gut», berichtet die Bergwacht. Ein Arzt, der zu dem Verletzten aufbricht, muss aufgeben.
  • 10. Juni: Vier Schweizer, die auf die Rettung aus Schächten spezialisiert sind, erreichen Westhauser. Ein österreichischer Arzt macht sich mit drei Bergrettern auf den Weg in die Tiefe. Ein erster Lichtblick: Dem Verletzten gehe es wohl besser als zunächst vermutet, heisst es.
  • 11. Juni: Ein weiterer Mediziner steigt zu Westhauser hinab, am Nachmittag erreicht der Österreicher den Verletzten.
  • 12. Juni: Der zweite Arzt trifft ein. Die Mediziner entscheiden: der Patient kann transportiert werden.
  • 13. Juni: Nach fünf Tagen beginnt am späten Nachmittag der Transport des Verletzten auf einer Trage.
  • 14. Juni: Das Rettungsteam schafft die erste Etappe und erreicht gegen 4.00 Uhr Biwak 5, den ersten Rastplatz.
  • 15. Juni: Die Helfer bewältigen die «Lange Gerade», die etwa 900 Meter unter der Oberfläche Hunderte Meter fast waagerecht durch den Berg führt. Der Trupp erreicht Biwak 4. Nun beginnt der schwierige Teil: Der Trupp muss Westhauser an der mitunter senkrecht nach oben führenden Wand in die Höhe ziehen.
  • 16. Juni: Das Team erreicht das dritte Lager in rund 700 Metern Tiefe. Nach einigen Stunden Pause geht es weiter.
  • 17. Juni: Die Rettung geht rascher voran als erwartet. Die Einsatzkräfte erreichen mit Westhauser am Morgen Biwak 2 in rund 500 Metern Tiefe. Etwa 15 Mann sind mit dem Verletzten unterwegs, Dutzende andere bauen den Weg aus.
  • 18. Juni: Am Morgen kommt der Trupp am Biwak 1 an.
  • 19. Juni: Die erlösende Nachricht: Westhauser und seine Retter haben um 11.44 Uhr den Höhlenausgang erreicht – gut 274 Stunden nach dem Unfall.

sda/AFP/mw

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