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«Gehirnwäsche» beim Dessous-Giganten

Victoria's Secret pflegte laut einem Bericht über Jahrzehnte eine tief verwurzelte Kultur von Frauenfeindlichkeit und sexueller Ausbeutung.

«Der Missbrauch wurde einfach weggelacht», sagte eine frühere PR-Beraterin von Victoria's Secret der «New York Times»: Ein Model wird für den Laufsteg vorbereitet. Foto: Keystone
«Der Missbrauch wurde einfach weggelacht», sagte eine frühere PR-Beraterin von Victoria's Secret der «New York Times»: Ein Model wird für den Laufsteg vorbereitet. Foto: Keystone

Es ist ein Muster, von dem zuletzt so viel zu hören war, dass die neuesten Enthüllungen perfiderweise kaum noch überraschen. Da ist auf der einen Seite der ältere Mann, im Vollbesitz von Status, Einfluss und einem Millionenvermögen, dessen Weltanschauung auf zwei Sätze zusammenschnurrt: «Ich bin der Inhaber der Macht. Ich kann dich gross rausbringen oder zerstören.» (So drückt es das Model Alyssa Miller aus.)

Da sind auf der anderen Seite die jungen Frauen, die diesem Machthaber ausgeliefert sind, weil sie von einer Karriere träumen oder den Erfolg, den sie schon haben, nicht gefährden wollen: Im Fall von Harvey Weinstein waren es Schauspielerinnen, im Fall von Jeffrey Epstein zum Teil Minderjährige, im aktuellen Fall von Edward «Ed» Razek nun Unterwäschemodels.

Und dann sind da, nicht zu vergessen, immer auch jene, die genau mitbekommen, was um sie herum geschieht. Und die Augen verschliessen.

«Diese perfekten Titten»

Dass beim amerikanischen Unterwäsche-Giganten Victoria's Secret nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, weiss man bereits, seit das Frauenbild des Unternehmens im November 2018 in die Kritik geraten war und der darauf folgende Shitstorm einen Haufen Dreck nach oben spülte – unter anderem auch Vorwürfe der sexuellen Belästigung.

Ein Reporterteam der «New York Times» ist den Anschuldigungen nun nachgegangen und hat mit 30 Models, Angestellten und Führungskräften gesprochen. Das Ergebnis: «Zwei mächtige Männern herrschten über eine tief verwurzelte Kultur von Frauenfeindlichkeit, Schikanen und Belästigungen», heisst es in dem Zeitungsbericht.

Ed Razek, 71, im vorigen Jahr zurückgetretener Marketing-Chef von Victoria's Secret und De-facto-Stellvertreter des Eigentümers Leslie Wexner, hat Models offenbar jahrzehntelang sexuell belästigt. Er habe versucht, sie zu küssen, berichteten Zeugen. Er forderte sie auf, auf seinem Schoss zu sitzen, fragte nach ihrer Telefonnummer, lud sie zu privaten Treffen ein. Einer Frau habe er unmittelbar vor der Show in den Schritt gegriffen, dem Supermodel Bella Hadid soll er nahegelegt haben, auf dem Laufsteg ihr Höschen wegzulassen und «diese perfekten Titten» zu zeigen.

Das Model Andi Muise erzählte der «New York Times», wie sie über Wochen hinweg versucht habe, sich den Annäherungsversuchen Razeks zu widersetzen, der sie zum Dinner einladen und ein gemeinsames Liebesdomizil in der Dominikanischen Republik kaufen wollte. Als sie absagte, wurde sie 2008 erstmals seit vier Jahren nicht mehr für die Show gebucht.

«Es kam mir vor wie ein Casting für Prostituierte.»

Aussage eines Models im Epstein-Prozess

«Der Missbrauch wurde einfach weggelacht oder für normal befunden», sagte eine frühere PR-Beraterin von Victoria's Secret der Zeitung. «Es war wie Gehirnwäsche. Wer etwas dagegen unternehmen wollte, wurde nicht einfach ignoriert. Er wurde bestraft.» Razek wies die Anschuldigungen in einem Statement als unwahr oder konstruiert zurück.

Gedeckt wurde das Gebaren des Marketing-Chefs dem Bericht zufolge von ganz oben. Der milliardenschwere Unternehmer Leslie Wexner, 82, der Victoria's Secret 1982 gekauft und in seine Firmengruppe L Brands eingegliedert hatte, sei von Angestellten über Razeks Verhalten informiert worden und habe nichts unternommen.

Firmeninhaber Leslie Wexner hat sich zu den Enthüllungen bisher nicht geäussert. Foto: Jay LaPrete (Keystone)
Firmeninhaber Leslie Wexner hat sich zu den Enthüllungen bisher nicht geäussert. Foto: Jay LaPrete (Keystone)

Im Gegenteil: Wexner wusste den ständigen Nachschub junger attraktiver Frauen offenbar für seine eigenen Zwecke zu nutzen, beziehungsweise für die seines guten Freundes und Vermögensverwalters. Dessen Name: Jeffrey Epstein.

Der US-Millionär, ein verurteilter Sexualstraftäter, der sich im vergangenen Jahr in seiner Gefängniszelle das Leben genommen hat, soll Models gegenüber behauptet haben, er arbeite für Victoria's Secret und könne ihnen zum Durchbruch verhelfen. Mindestens zwei Frauen soll er bei einem der falschen Castings angegriffen haben. «Es kam mir vor wie ein Casting für Prostituierte», sagte das Model Jane Doe im vergangenen Jahr bei den Anhörungen zum Epstein-Prozess. «Ich fühlte mich, als wäre ich in der Hölle gelandet.»

Ein Ticket für ein besseres Leben

Dass so viele Frauen dennoch kooperierten und die Glitzershow so lange unbeanstandet weiterlaufen konnte, erscheint auf den ersten Blick rätselhaft. Allerdings: Ein Vertrag bei Victoria's Secret war für ein angehendes Model das, was ein Termin bei Harvey Weinstein für eine arbeitslose Schauspielerin war oder eine Einladung auf Jeffrey Epsteins private Karibikinsel für eine junge Frau, die daheim kaum die Miete bezahlen konnte: ein Ticket für ein besseres Leben.

Wer die Engelsflügel anlegen und vor einem weltumspannenden Fernsehpublikum für Victoria's Secret laufen durfte, der hatte es als Model geschafft und konnte sich auf lukrative Kampagnen, Cover-Shootings und Laufstegjobs in Paris und Mailand gefasst machen. Den männlichen Puppenspielern dürfte das nur allzu bewusst gewesen sein.

Für den Wäschegiganten sind die Enthüllungen nun ein neuerlicher Tritt in die Weichteile. Die berühmte Show wurde im November bereits abgesagt, 53 US-Stores geschlossen, innerhalb eines Jahres fiel der Aktienkurs um 40 Prozent. Leslie Wexner, so heisst es, wolle Victoria's Secret verkaufen und sich in den Ruhestand zurückziehen. Zu den Enthüllungen hat er sich nicht geäussert.

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