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«Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas passiert»

Nach der Bruchlandung einer Boeing 777 kritisieren Piloten die Zustände auf dem Flughafen San Francisco: Zurzeit sind drei Sicherheitssysteme ausser Betrieb. Der Pilot hatte zudem kaum Erfahrung mit der Maschine.

Sonne, ein leichter Wind, kein Nebel: Die Wetterbedingungen, unter denen die Boeing 777 am Samstagmorgen den Flughafen San Francisco ansteuerte, waren ideal. Und doch endete der Anflug der Maschine aus Südkorea in einem Unglück: Bei einer dramatischen Bruchlandung starben zwei junge Chinesinnen, und 182 weitere Personen wurden verletzt. Was war geschehen? Die Unfallursache steht zwar noch nicht fest, aber die Ermittlungen ergeben nun bereits erste Hinweise – und die bringen die Flughafenbetreiber in eine unangenehme Lage. Denn wegen umfassender Umbauarbeiten sind bereits seit Anfang Juni mehrere Sicherheitssysteme für den Landeanflug ausser Betrieb.

Deborah Hersman, Leiterin der US-Flugunfalluntersuchungsbehörde, sagt: «Alle möglichen Gründe liegen auf dem Tisch – es ist zu früh, einzelne Ursachen auszuschliessen.» Fakt ist: Der Gleitweganzeiger, mit dessen Hilfe die Maschinen heruntergeführt werden, wird bereits seit Wochen nicht mehr verwendet. Das bestätigt auch Hersman. Nun werde geprüft, welche Rolle dieses fehlende Instrument beim Unglück gespielt habe. «Wir werden uns das genauer ansehen. Es ist aber wichtig zu wissen, dass ein Pilot mehrere Instrumente verwenden kann», erläuterte sie gegenüber verschiedenen Medien. Doch die Gleitweganzeige war am Samstag nicht das einzige fehlende Instrument: Auch der Precision Approach Path Indicator (Präzisionsanflug-Gleitwinkelbefeuerung) und die Anflugbefeuerung, die dem Piloten hilft, den richtigen Anflugwinkel zu finden, stehen zurzeit nicht zur Verfügung, wie «Spiegel online» unter Berufung auf einen anonymen Piloten einer deutschen Airline berichtet. Für schwere Langstreckenmaschinen wären die drei Systeme indes von grosser Bedeutung. Wenn sich nämlich die Flugzeuge mit ihrem beträchtlichen Gewicht der Landebahn nähern, können bereits kleinste Abweichungen im Anflugwinkel ein hartes Aufsetzen der Maschine bewirken.

«Wir waren zu früh zu tief»

Dazu passt der von Augenzeugen beschriebene unstabilisierte Anflug der Unglücksmaschine der Airline Asiana: Der Pilot habe die Landebahn zuerst zu hoch angeflogen und sei dann zu schnell gesunken, heisst es auf der Website Flightaware.com. Das automatische Landesystem, das zurzeit nicht in Betrieb ist, hätte ihn davor gewarnt. So hätte er etwa mithilfe des Gleitweganzeigers beim Anflug die Höhe des Flugzeugs erkannt. Augenzeuge Benjamin Levy, der im Flugzeug sass, sagte gegenüber verschiedenen Medien: «Wir waren zu früh zu tief.» Ersten Erkenntnissen zufolge war die Maschine zudem deutlich zu langsam auf die Landebahn zugesteuert. Das ergab eine vorläufige Auswertung der Flugschreiber.

Die südkoreanische Fluggesellschaft Asiana Airlines räumte ein, dass der Pilot fast keine Erfahrung mit einer Maschine dieses Typs hatte. Er habe eine Boeing 777 zuvor noch nie auf dem Flughafen in San Francisco gelandet. Am Samstag habe er versucht, sich mit der Maschine weiter vertraut zu machen. Bislang hatte der Pilot laut einer Sprecherin zwar schon fast 10'000 Flugstunden absolviert, aber erst 43 auf einer Maschine dieses Typs.

Auch Pilot Chesley Sullenberger, der mit einer Wasserung im Hudson River 2009 weltweite Berühmtheit erlangt hatte, meldete sich zu Wort: Da der Gleitweganzeiger ausser Betrieb war, habe die automatische Warnung im Cockpit, dass sich das Flugzeug unterhalb der elektronisch berechneten Route befinde, nicht ausgelöst werden können.

Chaotische Zustände

Kommt hinzu, dass der Flughafen San Francisco ohnehin als knifflig für Landungen gilt: «Er ist von Wasser umgeben, darum ist es schwierig, die Höhe einzuschätzen», sagt Sullenberger. Wechselnde Winde, schwierige Sichtverhältnisse, Hügel hinter dem Flughafen: «All diese Faktoren machen eine Landung auf dem Flughafen speziell», lässt er sich zitieren.

Die ungewöhnlichen Zustände am Flughafen von San Francisco sind in Pilotenkreisen weitherum bekannt. Wie ein anonymer Pilot einer deutschen Airline gegenüber «Spiegel online» sagt, sei ein stabilisierter Anflug in San Francisco kaum mehr möglich gewesen. «Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas passiert», so der Kapitän, der den Airport regelmässig anfliegt, weiter. Neben den fehlenden Anflugsystemen würden die Lotsen immer wieder dadurch auffallen, den Piloten eine extrem starke Sinkrate durchzufunken. Wohl wegen des Lärmschutzes sollen die Maschinen aus grosser Höhe schnell herunterkommen, um dann möglichst kurz in niedriger Höhe zu fliegen. «Häufig ist diese Sinkrate am Maximum dessen, was erlaubt ist – manchmal sogar höher», sagt der Pilot.

Zusätzlichen Stress für die Piloten ergebe sich, weil die Maschinen eng gestaffelt landen. Diese chaotischen Zustände bleiben nicht ohne Folgen: So ist etwa San Francisco in der Statistik der Lufthansa als Landeplatz mit einer der höchsten Durchstarteraten aufgeführt. Daher gibt es für diesen Flughafen bei der Airline besondere Sicherheitsanweisungen. Auch der Pilot der Unglücksmaschine hatte eineinhalb Sekunden vor dem Aufprall versucht, durchzustarten.

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