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Der Sieger wird zusammengeflickt, der Verlierer landet im Kochtopf

Hahnenkämpfe gehören auf den Philippinen zum politisch geschützen nationalen Kulturerbe. Sie bieten dem Volk ein blutiges Spektakel und die Aussicht auf satte Wettgewinne.

Gerade noch stolzierte er durch den Ring, sprang auf, hackte auf seinen Gegner ein. Nun liegt er tot da, im eigenen Blut, in einem Kranz von roten und schwarzen Federn. Der Ringrichter hebt den unterlegenen Hahn noch einmal hoch, schüttelt ihn, so, dass ihn alle sehen. Die Stahlsporen an den Beinen blinken im Neonlicht. Dann lässt ihn der Referee wieder zu Boden fallen. Nichts. Keine Regung mehr. Das Publikum aber brüllt, es hat wohl schon Wunder der Auferstehung erlebt.

Die meisten hier sind Katholiken. Das halbe Stadion brüllt, zweitausend Leute, dicht gedrängt auf den Betonrängen der Kampfarena von La Loma in Quezon City, einer dieser aberwitzig pulsierenden Vorstädte Manilas. Es riecht nach Urin, Blut und Schweiss. Hoch über den Köpfen hängen Bildschirme. Darauf sieht man jede Bewegung im Ring, mehrfach vergrössert. Es geht wieder um viel Geld. Um viel zu hohe Wetteinsätze. Leon Mawari Jr. schüttelt den Kopf, er glaubt nicht an Wunder. «Nein, der kommt nicht mehr zurück», sagt er. «Nie, nie mehr.»

Die Eier stammen aus den USA

Leon hat diesen professionellen Blick. Er hat früher selber Kampfhähne trainiert. Das war mehr als ein Hobby, es war des Vaters Leidenschaft. Er hat sie geerbt. «Da steckt viel Arbeit dahinter, und teuer ist es auch», sagt Leon. Er hat jeweils Eier der besten Rassen aus Amerika importiert. Dort kommen sie alle her. Die guten kosten mehrere hundert Dollar, die besten mehrere tausend. Er hat zugeschaut, wie sie schlüpften. Die Rassen trugen prosaische, auch politisch unkorrekte Namen: «Black Traveller» etwa oder «The Nigger», «The Lemon». Leon weiss, was sie aushalten können, diese Tiere, wenn man sie richtig vorbereitet, sie nie im Dunkeln schlafen lässt, damit sie alert bleiben. Und wenn man sie mit den richtigen Medikamenten behandelt: mit Wachstumshormonen und mit Schmerzmitteln vor dem Kampf. Er weiss darum auch ganz genau, wann es vorbei ist. Jetzt ist es so weit. 4 Minuten und 23 Sekunden hat der Kampf gedauert. Das ist durchschnittlich lange. Auf einem Schild am Stadioneingang stand gross: «The fastest killing in 10 seconds.» Der Rekord liegt also bei zehn Sekunden.

Seit Jahrhunderten schon gibt es Hahnenkämpfe. Nicht nur auf den Philippinen, hier aber sind sie noch immer legal und beliebt. Volkssport, Zeitvertreib, Wettspiel. Populärer ist nur Basketball, eine Reminiszenz aus Zeiten, als die Amerikaner da waren. Ein Dutzend Magazine handeln nur vom Hahnenkampf. Am Fernsehen wird darüber berichtet, als wäre es eine normale Sportart. Jeder Philippiner (männlich) war schon an einem Kampf. Und fast jeder hätte gerne einen stolzen, schönen Hahn aus guter Erblinie. Allein in der Hauptstadt Manila stehen zweihundert Stadien dieser Art, mehr als zehntausend sind es im ganzen Land. Die illegalen Kämpfe, die sie Tupada nennen, finden in den Hinterhöfen statt, meist spontan organisiert, und sie werden erst abgebrochen, wenn die Polizei vorfährt.

Natürlich gibt es zuweilen Diskussionen. Doch kreisen sie selten um die Grausamkeit des Kampfes, wie sie die Tierschützer mit wenig Erfolg verurteilen. Hahnenkämpfe gehören gewissermassen zum kulturellen Erbe der Philippinen. Der frühere Diktator Ferdinand Marcos erliess 1974 ein Gesetz, weil er fand, die Institution gehöre besser geschützt. In anderen Ländern wie Thailand zum Bespiel ist der Sport verboten oder wird die Verletzungsgefahr gemindert, etwa mit Boxhandschuhen für Hahnenfüsse.

Auf den Philippinen nicht. Hier gerät der Hahnenkampf nur wegen der Kriminalität in seinem Umfeld in die Schlagzeilen, wegen Drogenhandels und Raufereien am Rande des Rings. Es kommt schon vor, dass Leute, die hohe Wetten verlieren, versuchen, sich aus dem Staub zu machen. Es gab schon Tote bei solchen Kämpfen. Meistens aber bleibt alles ruhig. Die Leute im Quartier kennen sich ja. Da traut sich keiner, einfach abzuhauen, wenn er verliert. Und für den anderen Fall stehen die Wettmeister, die noch zu Beginn des Kampfes mit den Armen fuchtelnd die Wetten entgegengenommen hatten, an den Ausgängen des Stadions und blicken böse in die Runde. Manche von ihnen sollen bewaffnet sein.

Theoretisch nur für Erwachsene

Rein kommt man für 100 Pesos, 2.50 Franken. Eingetrieben wird das Geld von Männern wie diesem hier in der Kampfarena von La Loma, der mit Sonnenbrille auf einem Plastikstuhl vor dem Drehkreuz hockt und unfreundlich mault bei jedem, den er nicht kennt. Jugendlichen unter 18 Jahren ist der Zutritt untersagt, theoretisch jedenfalls. In der Vorhalle der Arena treffen sich die Besitzer der Hähne, streichen stolz über deren Gefieder und suchen nach einem geeigneten Gegner für ihr Tier. Erst wenn sich zwei Besitzer auf ein Preisgeld geeinigt haben, kommt es zum Kampf. Es wird viel und zahnlos gelacht. Auch nebenan geht es fröhlich zu, dort, wo sie den Tieren die rasierklingenscharfen Messer mit einem Faden oder Klebeband an die Beine montieren. Es sind Sporen. Sie helfen beim Töten und verkürzen den Kampf.

Leon findet nichts dabei. «Das gehört nun mal dazu.» Leon hat das Milieu verlassen, weil er zu viel Geld verloren hatte beim Wetten, nur deshalb. «Das ist kein gesunder Sport», sagt er und lacht laut. Er ist 50 Jahre alt. Er führt nun den Laden seiner Mutter, eine Boutique für Brautkleider. Läuft ganz gut, sagt er. Im Stadion kennen ihn die Leute noch. Doch Leon passt hier nicht mehr hin mit seinen schönen Schuhen und dem fein gezogenen Scheitel. Er durchmisst die Halle mit selbstbewusstem Schritt, schüttelt Hände, klopft auf Schultern. Er ist froh, dass es vorbei ist.

Drinnen brüllen sie, gebieten dem Ringrichter, er möge seine Paradegeste wiederholen. Er hebt das Tier nun zum dritten und letzten Mal hoch, schüttelt es, lässt es nochmals fallen. Meron ist tot, das Gebrüll verstummt. Meron – so nennen sie den Hahn mit der höheren Wettquote, den wahrscheinlicheren Sieger. An seinem Sieg hätten an diesem heissen Nachmittag in La Loma mehr Leute Geld gewonnen. Mehr Leute als an Wala, dem prognostizierten Verlierer, den sie aus dem Ring tragen. Er lebt noch, ein bisschen wenigstens. Gleich werden sie die Messer vom Stumpf seiner kleinen Zehen entfernen. Mit diesen Klingen hat Wala seinem Gegner die Lungen durchstochen, die Augen und wohl noch andere Organe. Und Meron hatte zurückgepickt unter dem Gejohle der Leute, solange er nur konnte. Der unterlegene Hahn geht immer an den Besitzer des siegreichen Hahns. Als Trophäe. Einige essen ihn. «Die meisten aber verkaufen ihre Trophäen an die Restaurants rund um das Stadion», sagt Leon und lacht wieder. Er würde in diesen Lokalen kein Huhn essen.

Eingriff am offenen Leib

Wala liegt jetzt hinten auf der Nähstation. So heisst die Klinik der Hähne unter den Betonrängen. Drei Männer sitzen auf niedrigen Stühlen. Jeder hat einen verletzten Hahn auf dem Schoss und Nähzeug. Drei Eingriffe am offenen Leib, ohne Narkose. Carlos war früher Schneider, er näht «aus Spass», wie er sagt. Er mag diese Tiere. Und er glaubt an Wunder. Einige kann er retten. Die sind in ein paar Monaten wieder bereit für den Kampf. Andere sterben ihm unter der Hand weg. «So ist das Leben», sagt Carlos.

Auch Wala stirbt, der falsche Sieger. Das Publikum ist weg, die Arena leer.

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