Der Mann mit Hitler auf der Brust

Nach einer europaweiten Aktion gegen Neonazis wird der Schweizer Sebastien N. verdächtigt, Anführer einer rechtsextremen Terrorgruppe aus Deutschland zu sein. Er fiel bereits als Teenager durch brutale Taten auf.

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Stefan Hohler@tagesanzeiger
Simon Eppenberger@S_Eppenberger

In der Schweiz, Deutschland und Holland führten Dutzende Beamte gezielte Aktionen gegen Neonazis durch, die der mutmasslichen Terrorgruppe «Werwolf» angehören. Eine Führungsfigur der Terrorzelle soll der 25-jährige Schweizer Rechtsextremist Sebastien N. sein. Offenbar wurde seine Gefängniszelle in der Schweiz durchsucht, wo er seit über einem Jahr einsitzt.

Der einschlägig vorbestrafte Mann aus Grenchen im Kanton Solothurn tummelt sich seit Jahren in der Schweizer und deutschen Naziszene. Auf seinem Oberkörper hat er nicht nur ein Hakenkreuz, einen Totenkopf, Handgranaten und ein Spinnennetz tätowiert, sondern auch ein Porträt von Adolf Hitler.

Einer breiten Öffentlichkeit ist N. am 5. Mai 2012 bekannt geworden. Damals schoss er im Zürcher Niederdorf im Streit auf einen 26-jährigen Schweizer und verletzte ihn schwer. Laut Medienberichten war es eine Abrechnung in der rechtsextremen Szene. Der Neonazi flüchtete. Die Kantonspolizei Zürich gelangte mit einem gezielten Fahndungsauftrag sowie mit Fotografien des mutmasslichen Täters an die Öffentlichkeit.

Von Dutzenden Polizisten erwartet

Mit Erfolg: N. konnte nach knapp 48-stündiger Flucht in Deutschland festgenommen werden. Im Bahnhof Hamburg-Harburg wurde er von 40 Beamten mit Maschinenpistolen im Anschlag erwartet. Anschliessend wurde er in die Schweiz ausgeliefert. In seinem Koffer hatte er eine geladene Pistole.

N. hatte schon früher Kontakte zu rechtsextremen Kreisen in Hamburg. Dort lebt seine deutsche Freundin, und er engagierte sich in der Nazi-Rockgang Weisse Wölfe Terror-Crew.

Der Schweizer gilt als sehr gewalttätig. Schon vor rund zehn Jahren überfiel er mit einer Gruppe von Rechtsradikalen einen Coop-Pronto-Shop in Liestal BL und verprügelte wahllos Kunden. 44 Delikte hatte der bekennende Neonazi schon vor der Schiesserei im Mai 2012 im Niederdorf verübt – unter anderem Rassendiskriminierung, Drohung, Gewalt gegen Beamte, Tätlichkeit und Raufhandel.

Bis vor Bundesgericht

Der Grenchner hätte zu diesem Zeitpunkt eigentlich im Gefängnis sitzen müssen, denn das Solothurner Obergericht hatte ihn im Januar 2012 in zweiter Instanz zu 39 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Dass er sich dennoch auf freiem Fuss befand, war dem Umstand zu verdanken, dass er das Urteil nicht akzeptierte und es an das Bundesgericht in Lausanne weitergezogen hatte.

N. musste daher nicht in den Strafvollzug. Das Bundesgericht wies Anfang Juni 2012 die Beschwerde aber ab, sodass das Urteil rechtskräftig ist. Der Mann hätte zwar regelmässigen Kontakt mit seinem Bewährungshelfer haben müssen, er brach den Kontakt aber Ende Januar 2012 ab. Im Mai fielen dann die Schüsse im Niederdorf.

Laut der zuständigen Zürcher Staatsanwältin ist das Verfahren gegen den Beschuldigten schon weit vorangeschritten. Der Fall wird vermutlich im Herbst abgeschlossen. Sie klagt den in Untersuchungshaft sitzenden N. wegen versuchter vorsätzlicher Tötung an. Der Mann ist geständig, die Schüsse abgegeben zu haben. Zum Motiv will sich die Staatsanwältin nicht äussern.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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