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«Der angebliche Brandsatz hat keinerlei Spuren hinterlassen»

Hans-Peter Graf half mit, das Swissair-Unglück von Halifax aufzuarbeiten. Er kritisiert den Film, der nun einen Anschlag als Absturzursache ins Spiel bringt. Die Journalisten seien einer Verschwörungstheorie aufgesessen.

Dokumentarfilm: Das Wrack von SR 111 wurde detailgetreu rekonstruiert.
Dokumentarfilm: Das Wrack von SR 111 wurde detailgetreu rekonstruiert.
Keystone

Wie war Ihre erste Reaktion nach dem Betrachten des Films? Ich halte die Dokumentation für sehr schwach. Sie setzt stark auf Emotionen, auf das Leiden, das Drama – für die Angehörigen der Opfer, bei denen nun alles wieder hochkommt, muss das furchtbar sein. Aber neue Fakten? Da hat der Film nichts zu bieten.

Der Forensiker Tom Juby ist der Kronzeuge des Films. Er behauptet, es sei Magnesium im Flugzeugwrack gefunden worden, was auf einen Brandsatz hindeute. Natürlich wurde Magnesium gefunden, in jedem Flugzeug gibt es zahlreiche Teile aus diesem Material, weil es leicht und trotzdem sehr stabil ist. Selbst die Passagiere haben Magnesium an Bord gebracht – in Form von Laptops und Handys. Der Film verliert aber kein Wort darüber, wo im Flugzeug dieses «verdächtige» Magnesium gefunden worden sein soll. Auch sonst hat der angebliche Brandsatz keinerlei Spuren in den Trümmern hinterlassen.

Gaben die Funksprüche der Piloten Hinweise auf einen Anschlag? Ich habe mir die Aufzeichnungen der letzten Worte der Piloten bestimmt hundertmal angehört. Daraus ergibt sich: Zuerst roch es im Cockpit seltsam, dann begann es zu rauchen, und dann wurde es langsam schlimmer. Ein Brandanschlag beginnt nicht mit einem Gerüchlein, sondern mit einer Detonation. Das hätten die Piloten in jeden Fall gemerkt.

Die offizielle Erklärung für das Feuer lautet: Ein Kurzschluss in einem Kabel entzündete Isoliermatten. Laut Tom Juby hätten diese Matten gar nicht brennen können. Das besagte Isolationsmaterial war in den 60er-Jahren mit einem Bunsenbrenner getestet worden. Es brannte nicht, sondern schmolz. Also galt es als sicher. Nach dem Swissair-Absturz hat man neue Tests gemacht – mit einem Kurzschluss als Auslöser. Und siehe da: Die Isoliermatten brannten wie Zunder. Ich habe selbst ein Video dieses Tests gesehen. In der Folge mussten bei vielen Flugzeugtypen diese Matten ausgetauscht werden.

Hätte die kanadische Untersuchungsbehörde ein Motiv gehabt, einen Anschlag zu vertuschen? Nein, im Gegenteil: Ein Brandsatz wäre eine einfache und logische Erklärung gewesen. Man hätte sich dann die ganzen aufwendigen Analysen sparen können. Ich kenne Vic Gerden, den Leiter der Untersuchung, schon lange. Ich habe noch nie einen seriöseren Mann getroffen als ihn.

Warum ist Tom Juby mit seinen Überlegungen an die Öffentlichkeit gegangen? Ich denke, dass Juby ein eifriger, vielleicht übereifriger Beamter war. Er war wohl zunehmend frustriert, dass seine Theorien in der Untersuchungsbehörde keinen Anklang fanden.

Haben die kanadischen Journalisten unseriös gehandelt, als sie die Story aufgriffen? Es gibt auch Filme über die «wahren Urheber» der Anschläge vom 11. September oder darüber, dass die Mondlandung nie stattgefunden hat. Das bringt Quote – trotzdem handelt es sich um nichts weiter als Verschwörungstheorien. Die Journalisten sind Tom Juby auf den Leim gegangen.

Also war es richtig, dass das Schweizer Fernsehen den Film nicht ausstrahlte? Ich muss den Leuten bei SF ein Kränzchen winden, dass sie darauf verzichtet haben.

Der Dokufilm ist im Netz verfügbar: www.cbc.ca/fifth

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