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Standpauke an Einheitsfeier – «Deutsche sind zu negativ»

An den Feierlichkeiten in Dresden liessen die auftretenden Politiker die Pfiffe und Schmährufe von Demonstranten nicht auf sich sitzen.

Höchste Sicherheitsvorkehrungen: Kanzlerin Merkel wurde in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden von wütenden Demonstranten empfangen. (3. Oktober 2016)

Während auf Dresdens Strassen hunderte Unzufriedene demonstriert und Politiker lautstark beschimpft haben, hat Bundestagspräsident Norberg Lammert am Tag der deutschen Einheit für ein selbstbewusstes, optimistisches und weltoffenes Deutschland geworben. Das heutige Deutschland sei nicht perfekt, aber besser als je zuvor.

«Das Paradies auf Erden ist hier nicht. Aber viele Menschen, die es verzweifelt suchen, vermuten es nirgendwo häufiger als in Deutschland», sagte Lammert beim zentralen Festakt in der Dresdner Semperoper mit Blick auf die hunderttausenden Flüchtlinge im Land.

«Mehr Selbstbewusstsein zeigen»

Er monierte, dass die Deutschen das Bild ihres eigenen Landes viel zu negativ zeichneten. «Wir können und dürfen durchaus etwas mehr Selbstbewusstsein und Optimismus zeigen», sagte er. Deutschland könne sich «durchaus eine kleine Dosis Zufriedenheit» erlauben, wenn nicht sogar ein Glücksgefühl.» Das heutige Deutschland sei sicher nicht perfekt, aber in besserer Verfassung als je zuvor.

An der Einheitsfeier nahmen Bundespräsident Joachim Gauck, Bundeskanzlerin Angela Merkel und mehrere hundert weitere geladene Gäste teil. Lammert rief in seiner Festrede dazu auf, Zuwanderung als Chance für mehr Vielfalt zu begreifen.

Er erinnerte daran, dass auch Deutsche während und nach dem Zweiten Weltkrieg zu Flüchtlingen wurden, und warb für eine weltoffene Gesellschaft. «Dieser Staat, dessen Einheit wir heute feiern, unsere Gesellschaft, kann und will Möglichkeiten eröffnen, ein Leben in Frieden und Freiheit zu führen.»

Rede an die Demonstranten

Während der Einheitsfeier demonstrierten vor Frauenkirche und Semperoper hunderte Menschen, darunter Anhänger der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung. Lammert wandte sich in seiner Rede auch direkt an die Demonstranten.

Geladene Gäste: Stanislaw Tillich, Angela Merkel, Joachim Gauck, Norbert Lammert und Andreas Vosskuhle an den Feierlichkeiten in Dresden.
Geladene Gäste: Stanislaw Tillich, Angela Merkel, Joachim Gauck, Norbert Lammert und Andreas Vosskuhle an den Feierlichkeiten in Dresden.
Odd Andersen, AFP
Trillerpfeifen-Konzert und aggressive Stimmung: Mehrere hundert Menschen haben die geladenen Politiker beim Empfang zur zentralen Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden lautstark beschimpft.
Trillerpfeifen-Konzert und aggressive Stimmung: Mehrere hundert Menschen haben die geladenen Politiker beim Empfang zur zentralen Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden lautstark beschimpft.
AFP
Unter den Demonstranten sind vor allem Anhänger des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses.
Unter den Demonstranten sind vor allem Anhänger des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses.
AFP
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«Diejenigen, die heute besonders laut pfeifen und schreien und ihre erstaunliche Empörung kostenlos zu Markte tragen, die haben offenkundig das geringste Erinnerungsvermögen daran, in welcher Verfassung sich diese Stadt und dieses Land befunden haben, bevor die deutsche Einheit möglich wurde», sagte er.

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich warnte in seiner Rede vor den Gefahren des Populismus. «Beschämt erleben wir, dass Worte die Lunte legen können für Hass und Gewalt», sagte Tillich. «Das ist menschenverachtend und zutiefst unpatriotisch. Dem stellen wir uns alle entgegen.»

Beschimpft und angepöbelt

Vor dem Festakt waren teilnehmende Politiker von Demonstranten lautstark beschimpft und angepöbelt worden. Die Demonstranten, vor allem Anhänger des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses, riefen vor dem weiträumig abgesperrten Verkehrsmuseum «Volksverräter», «Haut ab» und «Merkel muss weg». Auch Trillerpfeifen ertönten.

Augenzeugen sprachen von einem Spiessrutenlauf für die Gäste und Politiker, die auf dem Weg zu den Feierlichkeiten waren. Die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig brach in Tränen aus, als sie durch die aufgebrachte Menge ging. Ein dunkelhäutiger Mann, der zum Gottesdienst wollte, wurde mit «Abschieben«-Rufen empfangen.

Polizei drängt Personen zurück

Die Feiern finden unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Mit rund 2600 Beamten sichert die Polizei die Veranstaltungen ab.

Pegida-Anhänger hatten bereits im Vorfeld angekündigt, während des Festes sicht- und hörbar sein. Auch das mittlerweile mit ihnen verfeindete rechte Bündnis «Festung Europa» schloss sich den Protesten an. Zu den Demonstranten gehörte auch der Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann.

SDA/woz

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