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Das Rätsel Jens R.

Der Täter von Münster hatte viele Wohnungen, Fahrzeuge, Waffen und Probleme. Ein politisches Motiv für seine Mordfahrt fand die Polizei bisher nicht.

Zahlreiche Menschen befanden sich am Sonntagabend im Zentrum von Münster.
Zahlreiche Menschen befanden sich am Sonntagabend im Zentrum von Münster.
Friso Gentsch/AP, Keystone
Sie zündeten Kerzen an.
Sie zündeten Kerzen an.
Friso Gentsch/AP, Keystone
Viele Kerzen wurden angezündet.
Viele Kerzen wurden angezündet.
Friso Gentsch, Keystone
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Jens R. war in der Münsteraner Nachbarschaft als gequälter, unberechenbarer und jähzorniger Mensch bekannt gewesen, bevor er am Samstagnachmittag mit einem VW-Transporter in ein Strassencafé in der Altstadt raste, dabei zwei Menschen tötete und viele weitere schwer verletzte. Der 48-Jährige erschoss sich noch am Tatort. R. hätte unter «Wahrnehmungsstörungen» und «Distanzproblemen» gelitten und offensichtlich schwere psychische Probleme gehabt, sagten Nachbarn, die im selben Haus wohnten, zu Reportern von «Spiegel TV». Seit einem Sturz im Treppenhaus, bei dem er sich schwer verletzt habe, und einer missglückten Operation sei er verändert gewesen und habe das ganze Haus tyrannisiert – manchmal sei er aber auch monatelang verschwunden gewesen.

In einer Mail an Bekannte habe er Ende März seinen baldigen Suizid angekündigt. Sie hätten die Polizei informiert und Jens R. geraten, Hilfe zu suchen. Andere Bekannte sagten, R. habe bereits früher von einem «spektakulären» Suizid gesprochen. Nach Informationen des ZDF ist ein Suizidversuch vor wenigen Wochen aktenkundig. Gemäss der «Süddeutschen Zeitung» (SZ) war Jens R. schon in den Jahren 2014 und 2016 psychisch auffällig geworden.

Erfolg mit einer Lampe

Bei der Polizei war Jens R. ebenfalls gut bekannt: Die Leitende Oberstaatsanwältin von Münster, Elke Adomeit, sagte am Sonntag, dass es 2015 und 2016 insgesamt vier Gerichtsverfahren gegen den gebürtigen Sauerländer gegeben habe: wegen Bedrohung, Sach­beschädigung, Unfallflucht und Betrug. Alle Verfahren seien eingestellt worden. Man könne Medienberichte, wonach Jens R. als Kleinkrimineller seine Drogensucht finanziert habe, nicht bestätigen. Sie habe «keine Anhaltspunkte für eine stärkere kriminelle Intensität» des Täters, sagte Adomeit.

Aufnhamen zeigen das Grossaufgebot der Rettungskräfte in der Altstadt von Münster. (Video: Tamedia)

Jens R. arbeitete als selbstständiger Möbeldesigner. Mit einer Lampe soll er einst erfolgreich und vermögend geworden sein. Allerdings fehlten ihm nach Angaben des «Spiegels» in letzter Zeit zunehmend die Aufträge.

Laut den Ermittlern verfügte er insgesamt über vier Wohnungen, zwei in Münster und zwei in Ostdeutschland, wo er zeitweise gelebt haben soll. Auch habe er mehrere Fahrzeuge und einen Container besessen; auch das Tatfahrzeug gehörte ihm. Bei der Durchsuchung des Autos und einer seiner Wohnungen in Münster fand die Polizei eine Schreckschusspistole, eine unbrauchbar gemachte Maschinenpistole und mehrere sogenannte Polen-Böller. Ausserdem mehrere Gasflaschen sowie Kanister mit Bioethanol und Benzin. Dazu eine Lebensbeichte und einen fünfseitigen Abschiedsbrief – offenbar eine eigentliche «Anklage gegen den Rest der Welt», wie «SZ online» berichtete.

Die bisherigen Ermittlungen hätten keinerlei Hinweise auf ein politisches Motiv für die Tat ergeben, sagte der Polizeipräsident von Münster, Hajo Kuhlisch. Zu Medienberichten, wonach Jens R. Kontakte zu Rechtsextremen unterhalten habe, wollte er sich nicht äussern. Ein islamistisches Motiv hingegen schlossen die Ermittler fürs Erste aus.

Noch vier Schwerverletzte

Kuhlisch bat aber um Geduld: Aufgrund der vielen Wohnungen und Fahrzeuge, die zu durchsuchen seien, stünden die Ermittlungen noch ziemlich am Anfang. Experten hielten einen sogenannten erweiterten Suizid genauso für möglich wie eine Gewalttat aus noch unbekannten psychischen Gründen oder politischen Hassmotiven. Der Mordfahrt von Jens R. fielen eine 51-jährige Frau und ein 65-jähriger Mann zum Opfer. Im Unispital Münster wurden gestern noch vier Schwerstverletzte behandelt; unter den 20 Verletzten waren zwei Niederländer.

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