«Das ist für uns eine Katastrophe»

Nach dem Grossbrand am Wochenende kehren die Ladenbetreiber wieder zum Zürcher Bahnhofplatz zurück.

Start in den Alltag: Am Montagmorgen, 27. August 2018, war der Bahnhofplatz für Fussgänger noch gesperrt. (Video: Tina Fassbind/Webvideo)
Tina Fassbind@tagesanzeiger
Rafaela Roth@RafaEllaRoth

In Zürich ist der Alltag eingekehrt. Auch am Bahnhofquai, wo am frühen Samstagmorgen ein Geschäftshaus in Flammen stand. Am Montag ist in den frühen Morgenstunden vom Grosseinsatz der Rettungskräfte nur noch ein Fahrzeug der Feuerwehr übrig geblieben.

Das Gebäude, an dem vor dem Brand Umbauarbeiten stattfanden und deshalb leer stand, ist im Innern völlig zerstört. Die Schadenssumme könne noch nicht genau beziffert werden, sagt Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich. «Sie dürfte aber in die Millionen gehen.» Auch die Brandursache ist noch unklar. «Bei einem Vorfall dieser Dimension kann es Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern, bis die Ursache bekannt sein wird.» Ein Delikt steht bei den Ermittlungen allerdings nicht im Vordergrund.

Trottoir bleibt gesperrt

Auf der Ruine haben die Aufräumarbeiten begonnen. Mit Baukränen wird der Schutt abgetragen. Das beschädigte Baugerüst, das während des Feuers zum Teil in den Dachstock gekippt ist, haben private Baufirmen mit der Unterstützung von Schutz und Rettung inzwischen ersetzt.

Der Verkehr fliesst wieder regulär, die Unterführung vom Landesmuseum in Richtung Rudolf-Brun-Brücke ist seit Samstagmittag wieder befahrbar. Das Trottoir entlang der beschädigten Häuserzeilen am Bahnhofquai 7, 9 und 11 bleibt jedoch bis auf weiteres gesperrt. «Das Gebäude ist gegen aussen gesichert und nicht mehr einsturzgefährdet. Wie die Situation innen aussieht, lässt sich nicht sagen», so Cortesi.

Nur der Rauch ist geblieben

Der Anblick des zerstörten Hauses mit den geborstenen Fensterscheiben und den offenen Dachfirsten, aus denen die verkohlten Balken ragen, zieht Passanten noch immer in den Bann. «Der Brand hätte auf den ganzen Block übergreifen können», sagt einer von ihnen beim Blick hinauf, «zum Glück hatten sie das Feuer so schnell unter Kontrolle.»


Grossbrand beim Zürcher HB

Video: Tamedia


«Wir hatten wirklich einen riesigen Schutzengel. Die Einsatzkräfte haben grossartige Arbeit geleistet», sagt auch Urs Pfäffli, Pächter des Restaurants Au Gratin und der Newsbar, die sich im angrenzenden Gebäude am Bahnhofplatz 2 befinden. Dass er finanzielle Einbussen machte, weil die Lokale wegen des Brandes am Samstag geschlossen blieben, sei zweitrangig. «Wir sind einfach nur froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist.»

Heute Montag kehrt bereits wieder Normalität ein, Restaurant und Bar sind seit 11 Uhr wieder offen. Zwar rieche es noch etwas nach Rauch, das werde nun aber behoben, sagt Pfäffli. «Die Lüftung des Gebäudes befindet sich auf dem Dach. Von dort gelangte der Rauchgeruch hinein. Die Verwaltung wechselt nun die Filter aus.»

«Wir wollten im Herbst 2019 nach dem Umbau einen schönen, neuen Laden eröffnen. Das dürfte vorläufig kein Thema mehr sein.»Kurt Weber, Mitglied der Geschäftsleitung Data Quest

Auch für Data Quest ist der Vorfall glimpflich verlaufen. Der Apple-Partner war für die Zeit des Umbaus vom Bahnhofplatz 1 in die zweite Etage am Bahnhofplatz 2 gezogen. Bis auf einen minimalen Rauchgeruch sei dort nichts vom Brand zu bemerken. Am Montagmorgen konnte das provisorische Data-Quest-Geschäft laut Kurt Weber, Mitglied der Geschäftsleitung, bereits wieder geöffnet werden.

«Wir hatten Glück im Unglück und haben keinen unmittelbaren Schaden erlitten», sagt Weber. Auch seien keine Kundendaten oder Kundengeräte in Mitleidenschaft gezogen worden. Mehr Sorgen macht sich Data Quest um die Zukunft: «Wir wollten im Herbst 2019 nach dem Umbau einen schönen, neuen Laden eröffnen. Das dürfte vorläufig vermutlich kein Thema mehr sein.» Für ein KMU wie Data Quest sei das eine Katastrophe.

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Polizist verletzt

Beim Brand am frühen Samstagmorgen, 25. August 2018, loderten die Flammen aus dem Dachstock meterhoch in den Himmel. Das Feuer war so weit herum zu sehen, dass sogar aus Kilchberg ein Notruf bei der Polizei einging. In einem Hotel an der Limmat wollten verängstigte Gäste mitten in der Nacht auschecken.

Um 2.30 Uhr ereigneten sich wegen einer Gasflasche Explosionen mit einer solchen Wucht, dass Gegenstände 200 Meter weiter auf die Bahnhofstrasse geschleudert wurden. Ein Polizist erlitt dabei ein Hörtrauma. Ansonsten wurde beim Grossbrand niemand verletzt.

Wunsch nach Wiederaufbau

Die Gebäude aus der Belle Epoque sind im kommunalen Inventar für Denk- und Heimatschutz erfasst, also jenem der Stadt Zürich. An den Häusern mit den Baujahren 1894 und 1895 hat PSP Swiss Property, welcher die Liegenschaften gehören, vor dem Brand während mehreren Monaten umfassende Renovationsarbeiten vorgenommen.

Für die Zeit nach dem Umbau bestehen bereits Mietverträge – neben jenem mit Data Quest unter anderem auch mit dem Co-Working-Anbieter No18. Ende 2019 hätten sie einziehen sollen. «Wir wissen noch nicht, wie es weiter geht. Wir klären mit Hochdruck alles ab», sagt Vasco Cecchini, Leiter Unternehmenskommunikation PSP, zu Keystone-SDA.

Erste Veränderung: Um die vorletzte Jahrhundertwende verlor die Gebäudegruppe am Bahnhofplatz ihre markanten Türmchen (Bilder: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)

Beim Amt für Städtebau wünsche man sich den Erhalt der Stadtsilhouette «an diesem zentralen Ort», so Direktorin Katrin Gügler zur «NZZ am Sonntag». Das Ensemble am Bahnhofplatz sei hochwertig und wichtig für das Stadtbild, sagt sie. Man gehe davon aus, dass die Eigentümerin PSP Swiss Property sich mit Vorschlägen melde, wie der Bedeutung des Baus Rechnung getragen werden könne.

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