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Bruchpilot der Boeing 777: «Ich wurde geblendet»

Der Asiana-Pilot hat den Ermittlern geschildert, wie er die Bruchlandung von San Francisco erlebt hat. Ausserdem beschäftigt die Behörden eine neue Frage: Wurde zu spät evakuiert?

Zwei Kränze erinnern an einer Gedenkfeier an die bei der Bruchlandung ums Leben gekommenen Chinesinnen. (11. Juli 2013)
Zwei Kränze erinnern an einer Gedenkfeier an die bei der Bruchlandung ums Leben gekommenen Chinesinnen. (11. Juli 2013)
Reuters
Das Wrack der Boeing 777 wird mit Kranen von der Piste entfernt. (12. Juli 2012)
Das Wrack der Boeing 777 wird mit Kranen von der Piste entfernt. (12. Juli 2012)
Keystone
«Ich habe gerade eine Bruchlandung erlebt»: Ein Passagier veröffentlicht nach dem Unglück ein Bild auf Twitter. (6. Juli 2013)
«Ich habe gerade eine Bruchlandung erlebt»: Ein Passagier veröffentlicht nach dem Unglück ein Bild auf Twitter. (6. Juli 2013)
Twitter/David Eun
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Es war heller Tag und die Wetterbedingungen waren ideal. Trotzdem verunglückte die Maschine der Asiana Airlines mit der Flugnummer 214 am Samstag bei der Landung in San Francisco. Zwei Mädchen starben, Dutzende Menschen wurden verletzt. Vieles deutet auf Fehler der Piloten hin - was Befürchtungen von Flugexperten stützt, wonach sich immer mehr Cockpit-Crews auf automatische Systeme verlassen und das «Fliegen per Hand» vernachlässigt wird.

Die Untersuchung des Unglücks ist noch nicht abgeschlossen. Erste Ergebnisse lassen aber Rückschlüsse zu, dass die Triebwerke der Boeing 777 normal funktionierten. Trotzdem war die Maschine kurz vor der Bruchlandung viel zu langsam: Empfohlen wird eine Geschwindigkeit von 254 Kilometern pro Stunde, die Boeing flog mit nur 190 Kilometern pro Stunde, bevor sie eine Mauer streifte und auf dem Boden aufschlug.

Noch niemals in San Francisco gelandet

Am Steuer sass der Pilot Lee Gang-Kuk, der zwar viel Flugerfahrung besitzt, aber erst 43 Flugstunden mit einer Boeing 777-200 absolviert hatte. Er war ausserdem noch niemals zuvor in San Francisco gelandet, kannte den Flughafen also nicht. Begleitet wurde Lee von einem erfahrenen Piloten, der als Ausbilder fungierte. Ausserdem dabei waren zwei weitere Piloten – üblich bei Langstreckenflügen. Die Maschine der Asiana Airlines kam aus der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.

Lee verzichtete auf die Unterstützung des Instrumentenlandesystems des Flughafens. Dabei werden Flugzeuge mit Hilfe von Leitstrahlen gezielt auf die Landebahn geführt, vorgegeben wird die jeweilige Höhe und Position der Maschine. Ausserdem war der Autopilot abgeschaltet – nach Aussage anderer Piloten durchaus verbreitet in der letzten Phase einer Landung, auch wenn es manche Fluggesellschaften bevorzugen, dass ihre Piloten das automatisierte Landesystem benutzen.

Gefahr zu spät bemerkt

Noch unklar ist, ob der sogenannte Autothrottle, mit dessen Hilfe die Triebwerke und damit die Geschwindigkeit der Maschine gesteuert werden, aktiviert war. Offenbar nahmen aber der Pilot und sein verantwortlicher Ausbilder an, dass das System zur Schubkontrolle in Betrieb war und automatisch für eine Mindestgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern sorgen werde, wie nun erste Befragungen der US-Verkehrssicherheitsbehörde (NTSB) ergaben. Dies könnte zum Teil erklären, warum die Piloten die Gefahr so spät bemerkten und nicht frühzeitig reagierten.

Aber: Der dritte Pilot im Cockpit sagte den Fachleuten auch, dass er seine beiden Kollegen im Landeanflug ausdrücklich davor gewarnt habe, dass das Flugzeug zu langsam flog. Tatsächlich ergaben erste Analysen des Flugrekorders, dass in den letzten zwei Minuten hektisch am Autopiloten und an der Schub-Regelung herumgeschaltet wurde.

«Wenn Flugzeuge so langsam sind»

Der Pilot Lee erzählte den Ermittlern zudem , dass er 34 Sekunden vor dem Aufprall durch ein Licht geblendet gewesen sei, wie NTSB-Chefin Deborah Hersman am Mittwoch berichtete. Sie schloss nicht aus, dass es sich dabei um Strahlen aus Laserpointern gehandelt haben könnte.

Wie auch immer es genau ablief: Es scheine, als hätten die Piloten das Flugzeug in der Landephase nicht mehr in den Griff bekommen, sagt John Cox, der früher im Auftrag einer Pilotenvereinigung Flugunfälle untersucht hat. «Wenn Flugzeuge so langsam sind, entwickeln sie eine Sinkgeschwindigkeit, die nur mit sehr viel Kraft aufzuhalten ist.» Der Fluglehrer Rory Kay betont: «Wir fragen uns alle das Gleiche: Warum haben sie nicht früher reagiert?»

Eine weitere mögliche Erklärung: Die Piloten waren damit überfordert, die Maschine in dieser kritischen Situation per Hand zu landen. Mehrfach haben Flugsicherheitsexperten in der Vergangenheit darüber geklagt, die Automatisierung im Cockpit führe dazu, dass Piloten wichtige manuelle Fähigkeiten beim Fliegen verlernten. «Wenn Sie die letzten zwölf Male mit dem Autopilot gelandet sind und dann plötzlich ausschliesslich auf Sichtkontrolle bauen können, ist das schwierig», erklärt der frühere Luftwaffenpilot Cass Howell. «Zu viel Automatisierung im Cockpit untergräbt Ihre Fähigkeiten als Pilot.»

Evakuierung hinausgezögert?

Die Piloten haben nach US-Behördenangaben zudem kurz nach der Bruchlandung die Evakuierung verzögert. Sie hätten das Kabinenpersonal angewiesen, mit der Evakuierung zu warten, daraufhin habe der Kabinenchef die Passagiere gebeten, auf ihren Sitzen zu bleiben, sagte die Chefin der Verkehrssicherheitsbehörde (NTSB), Deborah Hersman.

Zur gleichen Zeit aber habe ein Steward beim Blick aus dem Fenster Feuer gesehen, das Cockpit sei sofort alarmiert und die Evakuierung eingeleitet worden. Laut Hersman vergingen zwischen Bruchlandung und Evakuierung 90 Sekunden. Hersman sagte, es sei noch zu früh für ein Urteil über das Verhalten der Piloten. «Wir kennen ihre Überlegungen nicht, aber es ist auch schon bei früheren Unfällen vorgekommen, dass Crews aus Sicherheitsgründen mit der Evakuierung gewartet haben», sagte die NTSB-Chefin nach ersten Vernehmungen der Besatzung. Möglicherweise hätten die Piloten das Feuer nicht gesehen. Andernfalls wäre es ein «ernsthaftes Problem».

AFP/AP/or

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