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Brasilianerinnen mussten wegen Reiseschulden anschaffen

Ein 60-jähriger Solothurner Bordellbetreiber steht wegen mutmasslichen Menschenhandels vor Gericht. Er soll 143 Frauen mit falschen Versprechungen in die Schweiz gelockt haben.

Vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona ist heute der Prozess gegen einen Ring mutmasslicher Menschenhändler fortgesetzt worden. Ein 60-jähriger Bordellbetreiber aus Solothurn und zwei seiner Helfer wehrten sich gegen den Vorwurf, 143 Brasilianerinnen zur Prostitution gezwungen zu haben.

Einen ersten Prozesstag hatte es bereits im Juni gegeben. Damals waren Vorwürfe behandelt worden, die allein den mutmasslichen Haupttäter betrafen. Seit heute stehen die zentralen Anklagepunkte wie Menschenhandel, Förderung der Prostitution, Freiheitsberaubung und Geldwäsche im Mittelpunkt.

Laut Angeklagte keine falschen Versprechungen

Die Frauen seien freiwillig und auf Empfehlung von Freundinnen oder Verwandte in die Schweiz gekommen, sagten die Beschuldigten dem Gericht heute. Sie hätten gewusst worauf sie sich einlassen und meist schon in der Heimat als Prostituierte gearbeitet.

Die Bundesanwaltschaft ist dagegen überzeugt, dass die Brasilianerinnen, die alle aus einer sehr armen Gegend des Landes stammen, mit falschen Versprechungen in die Schweiz gelockt worden seien. Sie hätten auf Jobs als Kindermädchen oder Haushaltshilfen gehofft.

Gemäss Anklageschrift seien die Frauen erst nach der Einreise in die Schweiz mit der Realität konfrontiert worden. Bekannte des Hauptangeklagten hätten sie in dessen Bordelle in Wolfwil, Olten oder Wangen chauffiert. Dort wäre ihnen eröffnet worden, dass sie für die entstandenen Reisekosten anschaffen müssten.

Reiseschulden abarbeiten

Dass die Brasilianerinnen ihre Schulden abarbeiten mussten, stritt der 60-jährige Solothurner nicht ab. Angeblich sei den Frauen dies aber im Vorfeld bekannt gewesen.

Pro Person sei eine Schuldensumme von bis zu 9000 Franken kalkuliert worden, gab der Bordellbetreiber zu. Damit sollten nicht nur Flug, Vorzeigegeld für den Zoll, Gepäck und Taschengeld abgedeckt werden, sondern auch Verluste, die ihm durch verfrüht abgereiste oder verschwundene Frauen beschert worden seien.

Die Mädchen in den Bordellen hätten aber jederzeit die Häuser verlassen können, betonte der Bordellbetreiber. Eine Mitarbeiterin von ihm, eine ebenfalls angeklagte 57-Jährige aus Kap Verde, bestätigte diese Aussage. Sie war für die Betreuung der Frauen in einem der Bordelle zuständig.

Weiterer Vorwurf: Geldwäsche

Vor Gericht verantworten musste sich heute ausserdem ein 63- jähriger Solothurner, der als Bekannter und Helfer des Hauptangeklagten gilt. Er soll einem verdeckten Ermittler gegenüber geäussert haben, dass der Hauptangeklagte seine Bordelle mit «diktatorischen Methoden» führte.

Dem 63-Jährigen wird zudem vorgeworfen, dem Hauptangeklagten bei Geldwäsche geholfen zu haben. Indem Gelder in Euro getauscht oder auf Bankkonten verschoben wurden, sei der Versuch unternommen worden, die Einnahmen aus den Bordellen sowie aus einem Drogengeschäft zu verschleiern.

Zwei angeklagte Brasilianerinnen, die ebenfalls für den mutmasslichen Haupttäter arbeiteten, waren nicht zur Verhandlung erschienen. Ihnen werde in Abwesenheit der Prozess gemacht, teilte das Gericht mit. Sie würden durch ihre Anwälte vertreten.

Insgesamt sind sechs Verhandlungstage angesetzt. Am Mittwoch wird das Plädoyer des Bundesstaatsanwaltes erwartet. Die Urteilsverkündung soll am 1. Dezember folgen.

SDA/miw

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