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Bootsdrama: Freispruch oder fahrlässige Tötung?

Gut drei Jahre nach dem Bootsdrama auf dem Bielersee droht einem 77-jährigen Bootsführer ein Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung. Die Staatsanwaltschaft forderte eine zwölfmonatige bedingte Freiheitsstrafe, die Verteidigung Freispruch.

Am Montag startete der Prozess gegen den 77-jährigen Bootsführer, der im Juli 2010 eine Frau zu Tode gefahren haben soll.
Am Montag startete der Prozess gegen den 77-jährigen Bootsführer, der im Juli 2010 eine Frau zu Tode gefahren haben soll.
Keystone
Der Prozess findet vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland in Biel statt.
Der Prozess findet vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland in Biel statt.
Keystone
Der Prozess startete mit Geplänkel: Der Angeklagte verweigerte die Aussage.
Der Prozess startete mit Geplänkel: Der Angeklagte verweigerte die Aussage.
Keystone
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Das Unglück vom 11. Juli 2010 hatte schweizweit Aufsehen erregt: Ein Motorboot war ungebremst auf ein Gummiboot zugefahren. Darin sass ein junges Paar, das sich mit einem Sprung ins Wasser zu retten versuchte. Die Frau wurde von der Schiffsschraube erfasst und verblutete.

Einige Tage später machten die Ermittler einen Bootsbesitzer aus der Region ausfindig, der den Unfall verursacht haben soll. Dieser hat die Tat stets bestritten. Vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland in Biel verweigerte er am Montag die Aussage.

Im Vorfeld hatte er eingeräumt, er sei an jenem Tag auf dem See gewesen, habe aber nichts Aussergewöhnliches festgestellt. Für Staatsanwältin Silvia Hänzi ist das erklärbar: So funktionierten eben die Menschen, sagte sie unter Verweis auf den Dichter Christian Morgenstern («Weil nicht sein kann, was nicht sein darf»).

Menschliche Partikel am Schiff

Klare Beweise für die Schuld des Mannes konnte die Staatsanwältin zwar nicht präsentieren. Die Indizien reichen aus ihrer Sicht aber für eine Verurteilung aus. So seien an der Schiffsschraube kleine weisse Partikel gefunden worden, die eindeutig von menschlichen Knochen stammten. DNA des Opfers konnte allerdings nicht nachgewiesen werden.

Weiter weise die Schiffsschraube drei Beschädigungen auf, die auf Kontakt mit Knochen zurückgeführt werden könnten. Technische Tests hätte zudem ergeben, dass die Verletzungen am Oberschenkel des Opfers nur von einem ganz besonderen Propeller kommen könnten - demjenigen des Boesch-Motorboots, das der Angeklagte fuhr.

Die Staatsanwältin berief sich auch auf übereinstimmende Zeugenaussagen zum unfallverursachenden Boot und warf dem Angeklagten vor, er sei unvorsichtig gefahren. Das zeige schon die legere Sitzhaltung, die von Zeugen geschildert worden sei.

Weiter habe der graue Star das Sehvermögen des Bootsführers beeinträchtigt, sagte die Staatsanwältin. Sie forderte nebst der bedingten Freiheitsstrafe von zwölf Monaten auch eine unbedingte Geldstrafe von 14'400 Franken.

«Fehler und Vorurteile»

Verteidiger Peter Saluz kritisierte, die Strafverfolgungsbehörden hätten sich frühzeitig auf seinen Mandanten als Täter fokussiert. Das zeigten auch Medienmitteilungen der Staatsanwaltschaft. Die Untersuchung sei «voll von Fehlern und Vorurteilen».

Zwar seien Partikel menschlicher Herkunft an der Schiffsschraube gefunden worden, doch sie könnten keiner bestimmten Person zugeordnet werden. Die technische Rekonstruktion des Falls werfe ebenfalls mehr Fragen auf als sie beantworte.

Den von der Anklage erhobene Vorwurf der Sehschwäche wies der Verteidiger ebenfalls zurück. Der Vertrauensarzt habe seinem Mandanten einige Monate vor dem Unfall versichert, dass das Sehvermögen für normale Autos und Boote noch ausreiche.

Kanton soll Kosten tragen

Beweise gebe es bis heute nicht, fasste Saluz zusammen. Am Schiff gebe es keine Spuren, die nachweislich vom Opfer stammten, und beim Opfer seien keine Spuren gefunden worden, die eindeutig auf das Boot des Angeklagten zurückzuführen seien. So blieben beträchtliche Zweifel an der Schuld des Angeklagten, der deshalb freizusprechen sei.

Der Kanton Bern habe die hohen Verfahrenskosten von über 90'000 Franken zu übernehmen. Der Bootsführer solle für seine Umtriebe entschädigt werden, und das beschlagnahmte Motorboot sei ihm zurückzugeben.

Geplänkel zum Auftakt

Beim Prozessauftakt am Montagmorgen haben Verteidigung und Staatsanwaltschaft einen Schlagabtausch um die Anklageschrift geliefert. Der Verteidiger des Bootsführers verlangte, das Verfahren sei einzustellen. Die Anklageschrift sei ungenügend mit wenigen präzisen Informationen. Sinn einer Anklageschrift sei es, dass der Beschuldigte wisse, was ihm genau vorgeworfen werde. Das aber gehe aus dem vorliegenden, zweiseitigen Dokument nicht hervor.

Das Verfahren sei deshalb einzustellen. Seinem Mandanten sei eine Entschädigung für Kosten und persönliche Umtriebe auszurichten, die Verfahrenskosten müsse der Kanton übernehmen. Allein die Untersuchung verursachte Kosten von gut 90'000 Franken.

Staatsanwältin Silvia Hänzi wies die Kritik zurück. Man könne nicht verlangen, dass die Anklageschrift ähnlich präzise Angaben zum Unfallort liefere wie bei einem Strassenunfall. «Der See ist keine Strasse.» Wenn das Gericht die Anklageschrift für ungenügend halte, dann sei das Verfahren nicht einzustellen, sondern die Anklageschrift zu ergänzen.

Angeklagter ohne Aussagen

Einzelrichterin Elisabeth Ochsner wies den Antrag der Verteidigung ab. Die Anklageschrift genüge durchaus den gesetzlichen Anforderungen, befand sie. Der Sachverhalt sei ausreichend umschrieben.

Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. Der Bootsführer habe den Unfall «durch seine Unaufmerksamkeit und sein beeinträchtigtes Sehvermögen» verursacht, heisst es in der Anklageschrift.

Der angeklagte Bootsführer macht keine Aussagen vor Gericht. Auf Nachfrage der Richterin, warum dem so sei, antwortete der Mann: «Ich mache keine Aussagen.» Wie eine Reporterin vor Ort schildert, habe er dies dreimal wiederholt und nun pausiert das Gericht.

Der Prozess stösst auf grosses Medieninteresse: Sämtliche Plätze seien besetzt, berichtet die Reporterin weiter. Deshalb sei die Bevölkerung ausnahmsweise vom Prozess ausgeschlossen. Das Urteil der Einzelrichterin folgt am Mittwoch.

Hier betritt der Angeklagte am Montagmorgen das Bieler Amtshaus:

Quelle: Keystone Video

SDA/cla

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