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Amanda Knox wartet auf erlösendes Urteil

Sie will endlich gehört werden: Amanda Knox veröffentlicht ihr Buch «Waiting to Be Heard», mit dem sie bereits jetzt Millionen verdient hat. Und sie hofft, dass der Prozess nicht wieder aufgerollt wird.

Gewinnbringende Geschichte: Für den Buchvertrag mit Harper Collins erhielt Amanda Knox vier Millionen Dollar.
Gewinnbringende Geschichte: Für den Buchvertrag mit Harper Collins erhielt Amanda Knox vier Millionen Dollar.
HarperCollins
Der Prozess gegen Amanda Knox und ihrem Ex-Freund Raffaele Sollecito geht in eine zweite Runde: Die Anwältin der jungen Amerikanerin wird nach dem Entscheid des obersten Gerichts in Rom von Journalisten umzingelt. (26. März 2013)
Der Prozess gegen Amanda Knox und ihrem Ex-Freund Raffaele Sollecito geht in eine zweite Runde: Die Anwältin der jungen Amerikanerin wird nach dem Entscheid des obersten Gerichts in Rom von Journalisten umzingelt. (26. März 2013)
Keystone
Der Verteidiger: Luciano Ghirga hielt ein lautstarkes Plädoyer und ging mit den Medien hart ins Gericht. (26.11.2011)
Der Verteidiger: Luciano Ghirga hielt ein lautstarkes Plädoyer und ging mit den Medien hart ins Gericht. (26.11.2011)
Keystone
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Amanda Knox weinte, als sie im Oktober 2011 in die Freiheit entlassen wurde. Nach vier Jahren Haft in Italien kehrte die Amerikanerin zu ihrer Familie nach Seattle zurück. Doch es könnte bald vorbei sein mit der Ruhe: Heute Montag entscheidet das höchste Gericht Italiens in letzter Instanz, ob der Prozess um den Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher nochmals aufgenommen wird. Auf Antrag der Familie des Opfers fordern die Staatsanwälte einen neuen Prozess gegen Knox und ihren italienischen Ex-Freund Raffaele Sollecito.

Bestätigt das Kassationsgericht in Rom den Freispruch von 2011, hätten Knox und Sollecito das juristische Gezerre endgültig hinter sich. Ausserdem hätten sie Anspruch auf eine Entschädigung wegen unrechtmässiger Gefangenschaft, wie der «Guardian» berichtet. Im Dezember 2009 wurden die beiden Studenten wegen Mordes an Meredith Kercher, britische Austauschstudentin und damalige Mitbewohnerin von Knox in Perugia, in einem aufsehenerregenden Prozess verurteilt. Knox erhielt 26 Jahre, ihr Ex-Freund 25 Jahre hinter Gittern. Gegen dieses Urteil wurde 2011 Berufung eingelegt. Mangelhafte DNA-Beweise und Unklarheiten in der Beweisführung bewegten das Berufungsgericht in Perugia schliesslich zu einem Freispruch.

Auslieferung durch die USA?

Würde der Mordprozess neu aufgerollt, ist es aus mit dem normalen Leben, auf das Knox und Sollecito so lange gewartet hatten. Raffaele Sollecito, der zurzeit in Verona studiert, wird sich der italienischen Gerichtsbarkeit laut italienischen Medien nicht entziehen. Ob jedoch Amanda Knox bei einem eventuellen Berufungsprozess zur Stelle sein wird, ist fraglich. «Das ist ein weiteres Beispiel für die Schikanen durch das Gerichtsverfahren», sagt die Familie der heute 25-Jährigen gegenüber dem Fernsehsender ABC. Würde Knox in Abwesenheit erneut wegen Mordes verurteilt, kann Italien ein Auslieferungsgesuch an die USA stellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die USA ihre Bürgerin ausliefern werden, ist aber sehr klein.

Amanda Knox und Raffaele Sollecito haben immer auf ihrer Unschuld beharrt. Am Tag ihres Freispruchs sagte Knox der «New York Times»: «Ich habe nicht getötet, ich habe nicht vergewaltigt, ich habe nicht gestohlen. Ich war nicht da.» Sie wolle sich ihr Leben und ihre Zukunft nicht für etwas rauben lassen, was sie nicht getan habe.

Buchvertrag für 4 Millionen Dollar

Inzwischen studiert Amanda Knox an der University of Washington. Laut der Zeitung «Daily Mail» hat sie einen neuen Freund, den 25-jährigen Gitarristen James Serrano. Die beiden leben in einer Wohnung im Chinatown von Seattle. Sonst ist wenig bekannt über den «Engel mit Eisaugen». Amanda Knox versucht, die Aufmerksamkeit von sich fernzuhalten – bis der Moment gekommen ist, um der Öffentlichkeit ihre Sicht auf die Ereignisse zu präsentieren. Ende April ist es so weit: Dann wird ihr Buch «Waiting to Be Heard» erscheinen. Gleichzeitig wird Knox zum ersten Mal im Fernsehen auftreten. Der Sender ABC hat für den 30. April ein Interview angekündigt.

Die berühmte Verdächtige weiss ihre Erfahrungen mit dem italienischen Justizsystem in klingende Münze zu verwandeln – mit der Hilfe von Creative-Writing-Kursen und Ghostwritern. 20 Verlagshäuser waren an den Memoiren interessiert, Harper Collins machte das Rennen. Gemäss Medienberichten war der Buchdeal dem Verlag vier Millionen Dollar wert. Amanda Knox kann das Geld brauchen: Ihre Familie hat für Gerichts- und Reisekosten bisher eine Million Dollar ausgegeben, wie CNN berichtet.

Ihre Version der Geschichte

Der Bestseller ist programmiert: «Waiting to Be Heard» verspricht Details zum Mordprozess, die vorher noch nie erzählt wurden. Ernst und nachdenklich blickt die junge Frau vom Cover. «Dieses Buch erzählt die ganze Geschichte zum ersten Mal aus ihrer Perspektive», sagt Verleger Jonathan Bunham gegenüber der «New York Times». Es habe viele Gerüchte und Mutmassungen gegeben über Knox' Persönlichkeit und die Rolle, die sie in den Ereignissen gespielt habe. Doch sie, die zentrale Person, habe bisher geschwiegen.

Tatsächlich gibt es im Prozess noch unbeantwortete Fragen. Was in der Nacht des brutalen Mordes an Meredith Kercher genau passiert ist, konnte die italienische Justiz nicht im Detail ermitteln. Die Nacht der Tat verbrachte Amanda Knox laut eigener Aussage in der Wohnung ihres italienischen Freundes. Die beiden hatten sich eine Woche vorher an einem klassischen Konzert kennen gelernt.

Raffaele Sollecito hält zu ihr

Auch Sollecito hat ein Buch über die umstrittenen Ereignisse verfasst. Es ist im Herbst 2012 unter dem Titel «Honour Bound: My Journey to Hell and Back with Amanda Knox» erschienen. Der italienische Student beteuert darin seine und Amanda Knox' Unschuld. Aber er stellt auch fest, sie hätten «kein richtiges Alibi für die Nacht des 1. November ausser einander». Weiter schreibt Sollecito: «Ich wusste, dass ich mit dem Mord an Meredith nichts zu tun hatte.» Doch er sei wütend auf sich selbst, weil seine Erinnerung an diese Nacht wegen eines Joints, den er vorher geraucht habe, so neblig sei.

Sollecito kritisiert die Verhörmethoden der italienischen Polizei: Während der Untersuchungshaft in Perugia hätte ihn die Polizei nackt ausgezogen, ihm gedroht und ihn geschlagen. Interessant ist auch die Aussage, dass der junge Italiener von seiner Familie und seinen Anwälten dazu gedrängt wurde, seine amerikanische Freundin zu verlassen und seine Aussage zu seinen Gunsten zu verändern, was Sollecito jedoch ablehnte.

Amanda Knox und ihr Ex-Freund haben heute regelmässig Kontakt via Skype. «Wir sind gute Freunde, aber es ist nichts mehr zwischen uns», sagt Sollecito gegenüber «Daily Mail». Der Albtraum, den sie gemeinsam erlebt haben, habe eine «starke Verbindung» zwischen ihnen geschaffen. Ob der Albtraum endgültig vorbei ist, entscheidet das Kassationsgericht in Rom. Das Urteil soll heute Abend verkündet werden.

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