«Alle Passagiere wurden durcheinandergeschüttelt»

Aussergewöhnliche Reaktionen der Passagiere und Lob für die Rettungskräfte: Augenzeugen berichten vom schweren Zugunglück in Graubünden, das fünf Schwer- und sechs Leichtverletzte forderte.

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Stefan Hohler@tagesanzeiger

Kurz nach Tiefencastel fuhr am Mittwoch ein Zug der Rhätischen Bahn in einen Geröllhaufen, der nach einem Erdrutsch auf den Geleisen lag. Die schwere Lok pflügte sich durch die Erde, die drei folgenden Zugwaggons sprangen hingegen von den Schienen. Als das Unglück geschah, war die niederländische Touristin Franca Alderliesten in einem hinteren Wagen. Sie wurde vom Notstopp aufgeschreckt. «Wir blickten aus dem Fenster und sahen, wie der vorderste Wagen ganz aus den Schienen gesprungen war und über dem Abhang hing», sagt Alderliesten zu Bernerzeitung.ch/Newsnetz in Tiefencastel. Der zweite Wagen war entgleist, aber er stand noch auf dem Trassee.

Alle Leute verliessen die Zugwaggons. «Wir mussten etwa eineinhalb bis zwei Stunden warten», berichtet die Holländerin weiter. Dann wurden die Passagiere zu Fuss durch den Bahntunnel in Richtung Tiefencastel geführt. Sie mussten ziemlich weit marschieren. Schliesslich fuhren Autobusse die verunglückten, aber unverletzten Zugpassagiere zum Bahnhof in Tiefencastel. Dort wurden sie verköstigt. Auf das Careteam war Alderliesten nicht angewiesen, da sie zunächst nicht unter Schock stand. Erst später, als sie all die Helikopter sah, wurde ihr das ganze Ausmass bewusst und ihr wurde immer mulmiger.

In einem Video ist zu sehen, wie die Zugpassagiere die Rettungsaktion beobachten.

Video: Leserreporter

«Das war sehr aussergewöhnlich»

Der Schweizer John Ruhoff befand sich im zweiten Wagen nach der Lok. Dieser sprang aus den Schienen, stürzte aber nicht den Abhang hinunter wie der erste Zugwaggon. «Es gab einen riesigen Knall», sagt Ruhoff. «Alle Passagiere wurden durcheinandergeschüttelt.» Dann war es ruhig. «Es brach keine Panik aus», so Ruhoff. «Das war sehr aussergewöhnlich.»

Auch Ruhoff sagt, er habe zusammen mit den anderen unversehrten Passagieren etwa eineinhalb Stunden gewartet, bis sie schliesslich durch den Tunnel marschiert seien, an dessen Ende sie in Postautos hätten steigen und nach Tiefencastel fahren können. Polizei, Feuerwehr und Rega seien schnell am Unglücksort eingetroffen.

«Grosses Kompliment an Rettungskräfte»

Auch Edgar Rohmert war im Unglückszug, aber weiter hinten als Ruhoff. Der Lehrer aus Wangen im Allgäu berichtet von einem eigenartigen Geräusch, das er als Erstes vernommen habe. «Es war wie ein Knirschen. Jeder hat gewusst: Etwas ist passiert», erzählt Rohmert weiter. Danach sei alles gespenstisch ruhig gewesen. Schliesslich erschien der Zugführer und sagte, alle sollten aussteigen. Als sie versammelt waren, marschierten sie durch den Tunnel zu einem ersten Versorgungsplatz.

Rohmert ist froh, dass er alles heil überstanden hat. Er fand, die Hilfe sei perfekt organisiert gewesen: Er richtet «ein grosses Kompliment an die Schweizer Rettungskräfte». Schon nach einer Viertelstunde sei der erste Helikopter beim Unglücksort erschienen.

Viele Schaulustige

Eine Frau im nahe gelegenen Alvaschein berichtet vom grossen Rummel, den das Unglück ausgelöst hat. «Nach den ersten 20 Autos, darunter Ambulanzen, Reporter und Schaulustige, haben wir aufgehört zu zählen», sagt die Frau, die nicht namentlich genannt werden will. Viele hätten sie nach dem Weg gefragt. Die Helikopter der Rega landeten neben ihrem Arbeitsort. «Das ganze Treiben hat viele Schaulustige angelockt», berichtet die Frau weiter.

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