Wenn Mami die Familie auf Facebook ausstellt

Die australische Journalistin Mia Freedman ist der Spiegel all derer, die ihr Leben öffentlich auf Facebook stellen. Sie schreibt regelmässig über den Alltag ihrer Kinder. Ihr Sohn sagt nun, wie dies sein Verhältnis zur Mutter beeinflusst hat.

Mia Freedman betreibt Internet-Voyeurismus auf professionelles Niveau.

Mia Freedman betreibt Internet-Voyeurismus auf professionelles Niveau. Bild: facebook.com

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Über Jahre schrieb die Australierin Mia Freedman über ihre Kinder: In Online-Kolumnen und Zeitschriften. Ausserdem plauderte sie über ihr nicht immer ganz einfaches Leben im Radio und im Fernsehen – so ehrlich, dass sie stets gerngesehener Gast sämtlicher Boulevardsendungen war.

Auch das Leben ihrer drei Kinder fand stets öffentlich statt. Erste ausgefallene Zähne wurden Thema auf Facebook, ebenso Urlaubsbilder, Preise in der Schule und die eine oder andere Peinlichkeit, Erziehungsmethoden oder Frechheiten, die sich die Teenager wieder erlaubt haben – Freedman hob den heutigen Internet-Voyeurismus auf professionelles Niveau. Für die Familie blieb dies nicht ohne Folgen.

Wenn das Privatleben online stattfindet

Als Freedman für ihr neuestes Buch über Work-Life-Balance ihren ältesten Sohn, den 19-jährigen Luca Lavigne, nun bat, seine Sicht der Dinge zu schildern, erlebte der 45-jährige Medienstar jedoch ein böses Erwachen. Denn heraus kam eine Standpauke, sicherlich eine liebevolle, aber auch eine, die sie zum Nachdenken anregte.

Denn so verlockend es ist, das süsse Nacktfoto des Nachwuchses auf dem Töpfchen zu posten – den Kindern wird genau das später vielleicht einmal peinlich oder unangenehm sein, egal ob es völlig öffentlich im Internet zu sehen ist oder nur im Freundeskreis der Eltern. Für Luca Lavigne wurde der öffentliche Mitteilungsdrang seiner Mutter brisanter, je älter er wurde, gestand der Jugendliche, der inzwischen Psychologie in Sydney studiert, einem Journalisten des australischen Magazins «Stellar». «Kann man jemandem ohne Filter vertrauen?», fragte der 19-Jährige. Denn was auch immer er seiner Mutter im Vertrauen berichtete, erschien irgendwann in einer ihrer Online-Kolumnen.

Arbeit bestimmt das Leben

In dem Kapitel spricht Lavigne aber nicht nur über den Vertrauensverlust zur Mutter. Er reflektiert auch ehrlich darüber, wie es war, mit einer Mutter und einem Vater aufzuwachsen, die beide eine Vollzeitkarriere hatten. Oft habe er keine Pausenbrote gehabt, Geschenke für die Partys von Freunden seien vergessen worden zu kaufen und manchmal habe er nicht einmal gewusst, wer ihn von Einladungen wieder abholen würde. «Ich habe sie deswegen nicht nicht gemocht», sagte Freedmans Sohn über seine Mutter. «Ich habe sie immer geliebt. Ich habe aber ihre Arbeit nie gemocht.»

Ihm sei immer klar gewesen, dass er dies nie hätte ändern können und er bewundere auch die Karriere, die sie aufgebaut habe, sagte er. «Aber manchmal war ich wirklich verärgert, wie sehr sie zeitlich und emotional in ihre Arbeit involviert war.» Während Luca Lavigne aufwuchs, war Freedman Chefredakteurin einer Frauenzeitschrift, arbeitete fürs Fernsehen und gründete ihr eigenes Verlagshaus Mamamia.

Schock für die Mutter

Freedman hatte ihrem Sohn freie Hand gegeben, was er in dem Kapitel für ihr neues Buch «Work Strife Balance» schreiben durfte, doch das Ergebnis war dann doch ein Schock für die Australierin. «Es war herzzerreissend für mich, das Kapitel zu lesen», gestand die Mutter dem australischen Magazin. «Wie sehr meine Fehler ihn beeinträchtigt haben, wenn ich unverantwortlich gehandelt habe, gedankenlos gewesen bin oder abgelenkt.» Das sei schlimm gewesen, auch wenn es ihr irgendwie bewusst gewesen sei.

Trotz aller Versäumnisse und dem Fakt, dass Luca Lavigne irgendwann erkannte, dass es «gefährlich» ist, seiner äusserst mitteilungsfreudigen Mutter etwas anzuvertrauen, haben die beiden es anscheinend trotzdem geschafft, ein gutes Verhältnis zu entwickeln. «Ich würde sagen, sie sind ungewöhnlich eng, in positivem Sinne», sagte eine Freundin der Familie. «Er kann in diesem Kapitel all diese Dinge sagen, weil sie so eine enge Beziehung haben.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.04.2017, 13:32 Uhr

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