Was hinter den vielen Überfällen auf Geldtransporter steckt

Seit 2011 haben sich die Angriffe im Schnitt mehr als einmal pro Jahr ereignet. Wer sind die Täter, wie gehen sie vor, und was unternimmt die Schweiz dagegen?

Die Angreifer von Daillens VD zündeten nach der erfolgten Plünderung ihre zwei Fahrzeuge sowie den Geldtransporter an. Bild: Laurent Gillieron, Keystone

Die Angreifer von Daillens VD zündeten nach der erfolgten Plünderung ihre zwei Fahrzeuge sowie den Geldtransporter an. Bild: Laurent Gillieron, Keystone

Unbekannte überfielen am Montag einen Geldtransporter in der Nähe von Daillens VD und plünderten diesen. Anschliessend steckten sie ihn, wie auch zwei ihrer eigenen Fahrzeuge, in Brand und flohen mit einem Drittfahrzeug. Fälle wie diese sind keine Seltenheit in der Schweiz. In der Romandie passieren solche Überfälle in augenscheinlicher Regelmässigkeit. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Wie viele solche Fälle gab es bereits in der Schweiz?

Der aktuelle Vorfall markiert den bereits 13. Raubüberfall in der Westschweiz seit 1994, wobei sich alleine elf in den Jahren zwischen 2011 und 2019 ereigneten. Auf der folgenden Karte sind die bisherigen Fälle ohne denjenigen von Daillens aufgezeichnet.

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Wieso passieren die Überfälle immer in der Romandie?

In der Deutschschweiz sind solche Überfälle, zumindest rückblickend auf die letzten zehn Jahre, noch unbekannt. Sie ereigneten sich allesamt in Grenzkantonen zu Frankreich. Die Vermutung liegt darum nahe, dass die Nähe zum Nachbarland eine Rolle spielt.

Die Polizei vermutet französische Banden hinter den Angriffen. Ende der 1990er-Jahre ist es in unserem Nachbarland immer wieder zu brutalen, teils tödlichen Raubüberfällen gekommen. Frankreich hat bereits früh Massnahmen ergriffen: Geldtransporte zur Speisung von Geldautomaten dürfen seit dem Jahr 2000 nur noch tagsüber verkehren. Und dieses Verbot zeigt offenbar Wirkung. Seitdem seien die Überfälle zurückgegangen, sagte Kader Bengueche von Transport des Alpes du Nord (CGT) dieser Zeitung im September.

Wie gehen die Angreifer vor?

Beim Überfall in La Sarraz VD im August dieses Jahres hinderten die Täter den Geldtransporter an der Weiterfahrt. Die Angreifer hielten den Insassen Waffen vom Typ Kalaschnikow vor, zwangen sie zum Aussteigen. Vor dem Wagen wurden sie mit Schlägen traktiert, sodass die Opfer medizinisch versorgt werden mussten. Die Bande plünderte den Wagen und steckte ihn und weitere Fahrzeuge in Brand.

Ähnliches Vorgehen in La Sarraz: Die Angreifer setzten die Fahrzeuge in Brand, nachdem sie den Transporter gewaltsam geplündert hatten. Bild: Jean-Christophe Bott, Keystone

Die Angreifer operierten mehrheitlich nachts. Nur gerade 3 der 13 Überfälle zwischen 1994 und 2019 geschahen am helllichten Tag. Die Täter nutzten die Gunst der Stunde. Weniger Zeugen auf den Strassen, spärliche Polizeipatrouillen und eingeschränkte Bildqualität der Überwachungskameras – Aspekte, welche den nächtlichen Angreifern in die Karten spielten.

Augenscheinlich ist die Brutalität, mit der die Angreifer vorgehen. Und sie scheint in den letzten Jahren zugenommen zu haben. Die Banden fahren mit härterem Geschütz auf – jüngst mit Pistolen, Kalaschnikows und sogar Bomben. Im letzten Jahr überfielen Unbekannte einen Geldtransporter in Chavornay VD, indem sie im Vorfeld die Tochter des Fahrers entführt hatten. Die Täter erbeuteten zwischen 20 und 30 Millionen Franken. Ebenfalls zugenommen hat die Frequenz, mit der Überfälle geschehen; 11 alleine in den letzten 9 Jahren.

Was wird dagegen unternommen?

Kader Bengueche meinte im September in dieser Zeitung: «Auch in der Schweiz müssen die Behörden handeln. Sonst kommt es zu weiteren Angriffen.» Er empfiehlt – wie es in Frankreich bereits Alltag ist – ein Fahrverbot von Geldtransportern in der Nacht.

Ebenfalls zur Diskussion steht eine verstärkte Panzerung der Geldtransporter. Schwachstelle der heutigen Fahrzeuge ist das Heck, welches von den Angreifern immer wieder gezielt ausgenützt wird. Das Problem: Fahrzeuge mit einem Gewicht von mehr als 3,5 Tonnen dürfen aus Lärmschutzgründen in der Nacht nicht verkehren. Die Konsequenz ist dann jedoch, dass nach 22 Uhr unzureichend geschützte Geldtransporte durch die Schweiz fahren. Und das sind immerhin fünf bis zehn Transporte pro Tag.

Hier möchte der Waadtländer FDP-Nationalrat Olivier Feller ansetzen. Er hat das Thema kürzlich aufs politische Parkett gebracht. Eine Motion von ihm fordert, dass in der Nacht auch schwer gepanzerte Lastwagen als Geldtransporter fahren dürfen. Der Bundesrat hat jedoch die Ablehnung des Vorstosses beantragt. National- und Ständerat werden sich im kommenden Jahr damit auseinandersetzen.

Was ist die aktuelle Taktik der Polizei?

Die Behörden halten sich «aus polizeitaktischen Gründen» bezüglich ihrer Sicherheitsmassnahmen im Kampf gegen derartige Plünderungen weitgehend bedeckt. Die Kantonspolizei Zürich bestätigte im September gegenüber dieser Zeitung jedoch, dass es seit längerem einen intensiven Austausch mit anderen Kantonen gebe und man für derartige Ereignisse gewappnet sei. Eine Anpassung des eigenen Dispositivs sowie eine genaue Analyse der Vorfälle in der Romandie sind Massnahmen, welche die Kapo Bern verfolgt.

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