«Samedan gilt als anspruchsvollster Flugplatz weltweit»

Interview

Der Jetset will im Winter nach St. Moritz. Dank dem Flugplatz Samedan geht das auch schnell. Was aber, wenn das Wetter verrückt spielt, der Pilot unerfahren ist oder gar der Gast eine unmögliche Landung durchdrückt?

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Matthias Chapman@matthiaschapman

Herr Bürgi, was wissen Sie vom gestrigen Flugunfall in Samedan? Da das Büro für Flugunfalluntersuchungen (BfU) noch keinen Vorbericht veröffentlicht hat, fehlen noch wichtige Informationen. Ich vermute allerdings, dass die Wetterlage eine Rolle gespielt hat. Die Sicht war zwar nicht so schlecht, dass eine Landung unmöglich gewesen wäre. Denkbar aber, dass der Pilot bei Bever in eine Schneefront hineingeflogen ist.

Was heisst das? Der Pilot sieht nichts mehr. Bei einer geschätzten Geschwindigkeit von 120 Knoten – also umgerechnet gut 225 km/h – wird eine schlechte Sicht zum Problem.

Gibt es in Samedan keine Instrumentenuntersützung? Nein, in Samaden fliegt man nach Sicht. Das ist nicht so, wie zum Beispiel in Kloten, wo mit dem Instrumentenlandesystem gelandet wird. Im untersten Luftraum gibt es auch keine Radarabdeckung.

Was heisst das für den Piloten? Er muss alles selber machen. Der Pilot bestimmt die jeweilige Flughöhe und den Anflugwinkel. Für einen sicheren Anflug braucht es sicher zirka drei Kilometer Sichtweite.

Die Piloten mussten gestern durchstarten. Ist das ungewöhnlich? Nein, bei jeder Landung muss ein Pilot mit einem Durchstart rechnen und sich auch darauf vorbereiten. Insbesondere in Samedan ist das von grosser Wichtigkeit. Sollten die Piloten aber Samedan nicht, oder nicht so gut gekannt haben, könnte ich mir vorstellen, dass sie zu hoch angeflogen sind.

Sie haben eine Rechtsvolte gemacht, um nochmals anzusetzen. Die Anflugkarte für Piloten zeigt aber eine Linksvolte für diesen Fall. Was lässt sich daraus schliessen? Das muss der Bericht des BfU zeigen.

Sie sind selber Pilot. Ist der Flugplatz Samedan besonders schwierig für Anflüge? Samedan gilt als einer der anspruchsvollsten Flugplätze weltweit. Das hat mit der Topografie, den Wind-Verhältnissen und der Höhe über Meer zu tun. Samedan liegt 1700 Meter hoch. Das heisst, alle Maschinen haben weniger Leistung, weil die Luft weniger Sauerstoff hat. Bei den Jets ist das weniger ein Problem, als bei den kleinen Propeller-Flugzeugen. Zudem ist die Luft dünner, das heisst, sie trägt weniger. Im Normalfall sind diese Faktoren unproblematisch. Aber bei Notfällen können sie eine entscheidende Rolle spielen. Für rasche Manöver braucht es zum Beispiel genug Leistung.

Darf jeder Pilot in Samedan landen? Das muss jeder Pilot selber entscheiden. In der Regel gibt es für mit dem Platz unerfahrene Piloten eine sogenannte Einweisung. Das heisst, man fliegt mit einem Fluglehrer diesen Flugplatz an.

Kann die Flugkontrolle in Samedan einen Anflug auch ablehnen? Grundsätzlich entscheidet der Pilot, ob er den Anflug macht oder nicht. Die Bodenkontrolle informiert ihn nur über die Verhältnisse am Boden und leitet den Verkehr am Boden.

Das heisst, ein Pilot kann auch bei prekären Verhältnissen eine Landung durchdrücken? Ja. Das geschieht auch immer mal wieder. Man muss sich vorstellen, ein Pilot fliegt mit Passagieren Samedan an. Sollte er sich gegen eine Landung im Talkessel entscheiden, müsste er nach Altenrhein, Zürich oder Lugano ausweichen. Für die Passagiere heisst das, sie erreichen ihr Ziel viel später als geplant. Hier steht der Pilot also unter einem gewissen Druck.

Das war aber gestern nicht der Fall. Die beiden Piloten waren alleine im Flugzeug. Ja, aber sie sollten offenbar Gäste abholen, um sie heute nach Rom zu fliegen. Umso erstaunlicher ist es, dass sie landen wollten. Beim fatalen Unfall vom Februar 2009, zum Beispiel, mag das eine Rolle gespielt haben. Damals waren zwei Piloten mit einem Passagier beim Landeanflug in eine Schneemauer gerast. Die Piloten kamen dabei ums Leben. Die Verhältnisse für die Landung waren, um es gelinde zu sagen, alles andere als optimal.

Gibt es Bestrebungen, in Samedan ein Instrumentenlandesystem einzuführen? Ein ILS kann in Samedan nicht installiert werden. Stellen sie sich vor, der Richtstrahl, nach dem die Maschinen anfliegen, ginge durch die Berge. Das geht nicht. Prüfenswert wäre in Samedan ein satellitengestützer An- und Abflug. Das würde einen gekrümmten Anflug um die Berge herum erlauben. Aber der Endanflug erfolgt trotzdem auf Sicht. Das geht bei diesen topografischen Verhältnissen nicht anders.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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