«Manchmal zieht es mich in den Krieg»

Junior Nzita war 12-jährig, als er in den Krieg gezwungen wurde – wie Zehntausende Kinder weltweit. Jetzt ist der 30-Jährige unterwegs, um an seinem Beispiel zu zeigen, dass ohne die Behandlung erlittener Traumata der Wiederaufbau kriegsversehrter Staaten unmöglich ist.

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Nur zu gut weiss Junior Nzita Nsuami, wie rund das Kriegsbusiness läuft, gerade jetzt. In Syrien mit dem IS etwa, im Jemen, in Zentral- oder Ostafrika, wo überall auch Kindersoldaten im Einsatz sind, von denen derzeit laut dem UNO-Kinderhilfswerk Unicef weltweit mindestens 250'000 unter Waffen stehen. Der Kongolese Junior Nzita sitzt im Redaktionsgebäude der Berner Zeitung, ruhig, konzentriert, seine Hände umfassen die Kaffeetasse, und manchmal greifen sie in die Luft, um sein afrikanisch gefärbtes Französisch zu untermalen.

Wenn er über die Logik des Krieges spricht, die sein Leben geprägt hat, bleiben die Hände ruhig auf dem Tisch. Es gebe sehr viele und sehr gute Gründe für einen Warlord oder Rebellenführer, im Krieg auf Kindersoldaten zu setzen, sagt er im abgeklärten Ton des Analytikers. Kindersoldaten seien billig, weil sie keinen Sold einforderten. Kindersoldaten seien manipulierbar, weil sie Befehle von Erwachsenen widerspruchslos ausführten. Kindersoldaten seien effizient, weil sie anders als offiziell ausgebildete Militärs kein humanitäres Kriegsrecht kennen würden. «Sie lassen sich beim Töten durch nichts bremsen», so Junior Nzita.

Es ist, was er selber erlebt hat.

Am Samstag im November Junior war 12-jährig, er wohnte in einem Internat im Nordosten der heutigen Demokratischen Republik Kongo, die damals noch Zaire hiess und von Mobutu Sese-Seko mit eiserner Hand regiert wurde. Mit seinen Kollegen machte sich Junior an einem Samstagabend im November 1996 gerade zum Abendessen bereit, als aufständische Milizen der «Alliance des Forces démocratiques pour la libération du Congo» die Schule überfielen. Sie erschossen die Lehrer «und pferchten uns in Lastwagen, die uns im Dunkeln in ein Ausbildungslager transportierten».

Dort, erzählt Junior, durchlief er mit seinen Schulkameraden eine brutale Ausbildung zum Kämpfer, die täglich morgens um drei mit Exerzieren begann, dann kam das Einüben von Schlachtrufen, das Training mit der Schusswaffe. Wer krank wurde, den schickten die Ausbildner auf einen langen Marsch, der kaum zu überleben war. Andere wurden sexuell missbraucht. Junior klammerte sich an seinen Glauben.

«C’est parti»

Wenige Monate nach ihrer Entführung wurden Junior und seine Freunde von ihren Vorgesetzten mit Rasierklingen tätowiert – als Schutz vor dem Kugelhagel. Und in den Kampf geschickt, als Kanonenfutter, bei einem Überfall auf die Regierungstruppen der Stadt Baraka. Junior mähte sein erstes Opfer nieder. «Ich habe mich immer gefragt, warum ich Menschen töten sollte, die mir nichts getan haben, aber in diesem Moment legte ich diese Fassungslosigkeit ab, als ich sah, wie der Mann wegen einer Kugel aus meinem Gewehr zu Boden sank.» Es war, erinnert sich Junior, als sei ein Schalter umgelegt: «C’est parti – es konnte losgehen.» Er tötete fortan wie im Spiel, ohne zu zögern.

Junior Nzita gehörte zu den Truppen von Laurent Kabila, der 1997 in Kinshasa einmarschierte, Mobutu stürzte und danach ein ebenso korruptes Regime installierte. «Uns erfüllte ein unglaubliches Triumphgefühl, eine Art Glück», erinnert sich Junior an seine tiefen Emotionen, die sich nach dem militärischen Sieg in seiner Seele eingegraben haben. Die Kadogos, wie Kindersoldaten auf Suaheli heissen, seien von den Befehlshabern gefeiert worden wie Helden.

«Ich sah viele meiner Freunde sterben»

Aber Erlösung war nicht in Sicht, denn schon kurz nach seinem 13. Geburtstag war Juniors Handwerk an der Front des zweiten Kongo-Kriegs wieder gefragt – und er erzählt jetzt, im geschützten Sitzungszimmer, Dinge, die einen erschauern lassen. Inzwischen ein routinierter Scharfschütze, bewährte sich Junior auch im Nahkampf.

Einer Frau, die man der Spionage verdächtigte, schnitt er mit dem Bajonett kurzerhand den Kopf ab. Später versuchte Junior einen Kameraden zu retten, indem er ihn in ein davonfahrendes Auto zog, doch dieser wurde von einem Geschoss getroffen, sein Körper zweigeteilt. Kopf, Oberarm und Brustkorb, die Junior in den Händen hielt, entsorgte er in einem Plastiksack. «Ich sah viele meiner Freunde sterben», sagt er.

Wie durch ein Wunder

Mit einigen seiner Kameraden geriet Junior Nzita in Gefangenschaft, er wurde gefoltert, aber er behielt den Kopf so klar, dass es ihm gelang, in einem Moment der Unachtsamkeit seinem Wächter die Kehle durchzutrennen und zu entkommen. «Aber ich sah keinen Weg, wie ich meinem Leben als Krieger entkommen könnte», sagt Junior. Er habe sich mit seiner Waffe umbringen wollen, doch die Kugel sei im Lauf stecken geblieben.

Was danach geschah, komme ihm heute wie ein Wunder vor. Nach dem Ende des Kongo-Kriegs kümmerten sich zuerst ein Oberst, später ein Ehepaar um ihn. Junior Nzita machte sogar die Matur. 2006, zehn Jahre nach dem Überfall auf seine Schule schied er aus der Armee aus.

Trauma des Triumphs

Sein Leben als Kadogo hielt er in einem Buch fest, das von der Schweizer Botschaft in Kinshasa unterstützt wurde und demnächst auch auf Deutsch erscheinen soll. Junior, der in Kinshasa lebt, gründete den Verein «Paix pour l’enfance», um die Öffentlichkeit für die Thematik der Kindersoldaten zu sensibilisieren. Er tritt mit seiner eindringlichen Lebensgeschichte an Schulen auf, in seiner Heimat, aber auch in Europa. Im März dieses Jahres sprach er vor dem Sicherheitsrat der UNO und traf Generalsekretär Ban Ki-moon.

«Ich will», sagt Junior Nzita und breitet jetzt seine Arme aus, «auf etwas aufmerksam machen, das noch viel zu wenig verstanden wird»: wie tief und nachhaltig ein Leben im Krieg das Innere eines Menschen verheert. Mit der Demobilisierung und der Rückkehr in die Zivilgesellschaft, sagt Junior, seien die Probleme für Kindersoldaten nicht vorbei. Sie fangen erst richtig an.

Er selber erlebt bis heute am eigenen Leib, wie lange und heftig erlittene Traumata nachwirken. Erst seitdem er sie behandeln lasse – etwa mit Akupunktur auf der körperlichen Seite, mit Singen auf der emotionalen Seite –, könne er wieder fünf Stunden am Stück schlafen. Lange Zeit versteckte er sich zum Schlafen unter die Matratze, aus Angst, er könnte in die Armee zurückgeholt werden. «Es kommt auch vor, dass es mich in den Krieg zieht, dass ich töten, dass ich diese intensiven Emotionen des Triumphs hervorholen möchte.»

Sprache der Gewalt

Er lebe zum Glück in einem Umfeld, in dem er diese Gefühle ansprechen und einordnen könne. Meist sei es in Afrika anders. Frisch rekrutierte Kindersoldaten müssten in der Regel als Erstes auf ihre eigene Zivilbevölkerung schiessen, «um die emotionale Bindung zu trennen». Wenn sie Jahre später entlassen werden, schickt man sie zurück in ihre Dörfer, wo sie als Feinde gesehen, marginalisiert und oft aus Rache umgebracht würden.

«Viele Kindersoldaten überleben den Krieg», sagt Junior Nzita, und zum einzigen Mal in diesem Gespräch treten Tränen in seine Augen, «aber nicht die Zeit danach. Sie kennen nur die Strategie und die Sprache der Gewalt.» Er sei gravierend, dass diese psychischen und sozialen Probleme bei den Demobilisationsprogrammen in Kriegsländern meist unbeachtet blieben.

Traumabewältigung zentral

Diese Einsicht hat Junior Nzita mit dem Berner Peter Aeberhard zusammengebracht. Aeberhard ist Geograf und hat langjährige Arbeitserfahrung in den Konfliktgebieten Ostafrikas, zuletzt als Leiter des politischen Fachdienstes im EDA für regionale Strategien und Themen am Horn von Afrika und im Gebiet der grossen Seen. Die ausbleibende Aufarbeitung von Kriegstraumata lasse den (oft vom Westen unterstützten) Wiederaufbau eines Staats und einer Zivilgesellschaft in kriegsversehrten Ländern häufig scheitern.

«Es reicht nicht aus», sagt Aeberhard, «die Wirtschaft anzukurbeln, damit ein Staat wieder auf die Beine kommt.» Oft seien die Leaderfiguren von unverarbeiteten Kriegserfahrungen geprägt, und ihr Handlungsrepertoire sei so eingeschränkt, dass sie ihr Land direkt in den nächsten bewaffneten Konflikt führten. «Traumabewältigung ist Prävention und unabdingbar für den Aufbau von Staat und Wirtschaft, weil sie die sozialen Beziehungen stärkt. Oder überhaupt möglich macht.»

Initiative aus Bern

Aeberhard gründet nun in Bern die private «Trauma Healing and Creative Arts Coalition». Mit dieser kleinen Sozialunternehmung will er das Wissen in diesem Bereich bündeln und für die Anwendung in Konfliktgebieten zur Verfügung stellen. Ein wichtiger Partner Aeberhards ist der afrikanische Psychiater David Niyonzima, der in seiner Heimat Burundi, das vierzig Jahre Bürgerkrieg hinter sich hat, mehrere Projekte im Bereich der Traumaheilung lanciert hat.

Er arbeitet etwa mit sogenannten «stories of healing – Geschichten der Heilung» einzelner Personen, die er online publiziert. «Wir müssen ehemaligen Kindersoldaten die Gelegenheit geben, über ihre Erfahrungen zu erzählen, damit diese zu einem realen Teil ihres persönlichen, aber auch des öffentlichen Lebens werden.

Und nicht verdrängt und versteckt bleiben», sagt er. Er selber sei einer von nur ganz wenigen Psychiatern, die in diesem Bereich arbeiteten. Und die Aufgabe, die Aeberhard, Junior Nzita und er sich vorgenommen haben, ist immens. Niyonzima lächelt. Nicht dass ihn diese Ausgangslage entmutigen würde.

Öffentlicher Anlass der «Trauma Healing and Creative Arts Coalition» in Bern: Traumatische Erfahrungen überwinden? Junior Nzita, ehemaliger Kindersoldat, und der Psychiater David Niyonzima referieren und diskutieren. Donnerstag, 4. Juni, 18.30 Uhr, Käfigturm.

Die Autobiografie «Si ma vie d’enfant soldat pouvait être racontée» ist erhältlich über die Website www.theartscoalition.org.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 31.05.2015, 10:01 Uhr

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