«Ich denke, wir haben jetzt schon sehr viel Zeit verloren»

Die amerikanische Historikerin Naomi Oreskes weiss, wie es ist, hart attackiert zu werden: Sie ist eine der pointiertesten Verteidigerinnen der Klimawissenschaft.

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Jürg Steiner@Guegi

Frau Oreskes, gibt es die hundertprozentige Sicherheit, dass der Klimawandel stattfindet und menschgemacht ist? Naomi Oreskes: Kein seriöser, ehrlicher Wissenschafter würde diese Frage mit Ja beantworten. Es ist ein unmöglicher Standard, von der Wissenschaft absolute Sicherheit zu erwarten. Es ist klar, dass unser Wissen nicht vollständig ist. Wissenschaftler sind sich bewusst: Sie können auf neue Informationen stossen, die sie zwingen, Dinge zu überdenken.

Dann sind Klimaskeptiker und Kritiker, die den Mainstream der Forschung hinterfragen, dass unser Ausstoss von Treibhausgasen zur Klimaerwärmung führt, wichtige Zweifler. Eben gerade nicht. Man muss unterscheiden: Neugier und Zweifel sind Triebfedern der Wissenschaft. Ohne sie würde die Forschung nicht vorankommen. Aber die Klimaskeptiker betreiben mit ihren Zweifeln ein anderes Geschäft. Sie diskreditieren die Wissenschaft, indem sie deren Stärke zur Schwäche machen – mit dem Ziel, gesellschaftliche und politische Veränderungen zu verhindern, die ihnen nicht passen.

Halten Sie die Wissenschaft für unantastbar, darf man sie überhaupt kritisieren? Natürlich darf man. Aber es ist wichtig, zu verstehen, wie die Kritik an der Klimaforschung zustande kommt und wie sie orchestriert wird. Das haben wir für unser Buch, das in den USA ziemlich Wellen geworfen hat und demnächst auch auf Deutsch erscheint, erforscht. Wir können zeigen: Es geht nicht ums Klima. Sondern um Ideologien. Und Geld.

Wie genau? Eine Handvoll altgedienter US-Wissenschaftler, von denen einige schon das Passivrauchen, den sauren Regen oder das Ozonloch verharmlost haben, predigen, die Wissenschaft wisse noch zu wenig, um daraus Massnahmen gegen den Klimawandel abzuleiten. Oft treten sie im Namen von Thinktanks auf, die früher von der Tabakindustrie, heute eher von der Ölindustrie mitfinanziert werden. Zweifel in der Öffentlichkeit zu bewirtschaften, erweist sich als sehr effiziente Strategie.

Warum? Ich denke, das ist sehr amerikanisch. Militante Klimaskeptiker sind oft noch vom Kalten Krieg geprägt. Klimaschutzmassnahmen sehen sie als neue Gefahr für den freien Markt, als drohenden Übergriff des Staats, als eine Art Neuauflage des Kommunismus. So irreal das wirkt: Ihr erbitterter Kampf ist äusserst erfolgreich. Präsident Barack Obama ist eingeschüchtert. Im Präsidentschaftswahlkampf letztes Jahr war der Klimawandel kein Thema. Herausforderer Mitt Romney, der früher einmal den Klimawandel als Tatsache bezeichnet hatte, machte höchstens noch Witze darüber.

Die USA sind dank neuer Öl- und Gasfunde gerade daran, das nächste blühende Zeitalter der fossilen Energie einzuleiten. Das macht den Klimaschutz noch chancenloser. Zweifellos. Wobei man nicht vergessen darf, dass einzelne Staaten der USA klimapolitisch vorwärtsmachen – Kalifornien etwa, wo ich lebe, und das ist nach europäischen Massstäben ein Land so gross wie Frankreich. Aber wahr ist: Der Erfolg der amerikanischen Klimaskeptiker hat globale Folgen – ihr Credo verbreitet sich auch nach Europa, und der klimapolitische Stillstand in den USA dient anderen Ländern als Vorwand, ebenfalls auf die Bremse zu treten.

Wie hart wird die Debatte zwischen Klimaskeptikern und Klimawissenschaftlern geführt? Im Moment ist es eher ruhig. Aber: Klimaskeptiker operieren strategisch sehr clever, meistens auf ein Ereignis mit grosser Ausstrahlung hin. In etwa einem Jahr werden die neusten Berichte des UNO-Klimarats erwartet. Ich gehe davon aus, dass sie ihre Aktivitäten auf diesen Zeitpunkt hin wieder intensivieren.

Seit 15 Jahren nimmt die globale Durchschnittstemperatur kaum oder gar nicht mehr zu. Ist es da nicht berechtigt, die Theorie der Klimaerwärmung infrage zu stellen? Nein, das ist Unsinn. Tausende Male haben Klimawissenschaftler erklärt, dass Stagnationsphasen in Perioden der Klimaerwärmung normal sind. In der Wissenschaft ist die Frage seit 1995 geklärt: Die Klimaerwärmung findet statt, und die Treibhausgase sind verantwortlich dafür. Über diesen Grundsatz gibt es keine wissenschaftliche Debatte mehr.

Aber der UNO-Klimarat, in dem der Berner Forscher Thomas Stocker eine wichtige Rolle spielt, heizt die Debatte über die Klimaerwärmung selber an, weil er die Politik mit übertriebenen Prognosen zu beeinflussen versucht. Wir haben an unserem Institut die Frage untersucht, wie die Prognosen früherer Klimaratberichte zu Temperatur, Meeresspiegelanstieg oder Schmelze von Poleis mit den später gemessenen Daten übereinstimmen. Unser Ergebnis: Die Voraussagen trafen ziemlich genau zu – und wenn nicht, dann unterschätzten sie die reale Entwicklung eher.

Der UNO-Klimarat repräsentiert den Mainstream der Klimaforschung, wer davon abweicht, fällt aus den Traktanden. Würde der Klimarat fundierte, aber vielleicht unangenehme Erkenntnisse systematisch eliminieren, wäre das in der Tat gravierend. Wir sind daran, zu genau dieser Frage zu forschen. Bis jetzt gibt es keine Hinweise dafür, dass unliebsames Wissen ausgemustert würde. Es ist eher so, dass der UNO-Klimarat eine ausgesprochene Kompromisskultur pflegt. Aussagen werden so stark abgeschliffen, dass sie keinesfalls zu scharf sind.

Wer bestimmt letztlich, was als gesichertes Wissen zum Klimawandel gilt und was nicht? Das ist die grosse Herausforderung. Es existiert kein elftes Gebot, das besagt, ihr wisst genug über den Klimawandel, handelt jetzt. Das müssen wir schon selber herausfinden, und dazu wurde vor gut 20 Jahren der UNO-Klimarat gegründet. Er sammelt, debattiert, bewertet und bündelt das auf der Welt von mittlerweile Tausenden von Forschern erarbeitete Wissen zum Klimawandel. Um jeden Satz wird hart gerungen. Ohne Zweifel spielen da wie in jeder Organisation auch soziale, menschliche Faktoren hinein. Aber: Es gibt keinen wissenschaftlichen Prozess, der so gründlich, umfassend und öffentlich abläuft. Trotzdem finde ich, dass der UNO-Klimarat seine Mission eigentlich nicht erfüllt.

Warum das? Der Klimarat wurde geschaffen, damit er das bestmögliche Wissen bereitstellt, das wir brauchen, um zu handeln. Das war die Intention der Gründer. Wir haben jetzt 20 Jahre solide klimatologische Wissensproduktion hinter uns mit sehr viel Debatte, Bewertung, Gewichtung. Trotzdem haben wir bisher kaum gehandelt. Ich bin im Grunde ein optimistischer Mensch, aber in dieser Frage denke ich, haben wir jetzt schon sehr viel Zeit verloren.

Müssen wir den Klimaforschern einfach vertrauen? Klimawissenschaftler sind nicht bessere Menschen. Was man aber beachten muss: Es ist ein grosser Kompetenzunterschied, ob sich ein Forscher äussert, der sich seit Jahren intensiv mit Klimafragen befasst, oder ein Wissenschaftler eines anderen Fachgebiets. Wir müssen genau hinschauen, mit welchem Hintergrund jemand seine Argumente in die Debatte wirft.

Der Berner Klimatologe Stefan Brönnimann sagte unlängst in einem «Zeitpunkt»-Interview: Die Wissensproduktion ist gross, aber es verändern sich die Fragen, die an uns Forscher gerichtet werden. Das prägt den Eindruck, wir erzielten keine Fortschritte. So ist es. Forscher stürzen sich auf offene Fragen und vergessen oft, darauf hinzuweisen, wie viel Wissen etabliert und gesichert ist.

Sie selber werden von Ihren Kritikern als «Warmist» bezeichnet, als eine, die die Klimaerwärmung für erwiesen hält und mehr Massnahmen wünscht. Ach, diese Etikettierungen sind unsinnig. In den USA äussern sich Klimatologen sehr vorsichtig, um ja nicht als «Alarmisten» dazustehen. Dabei müsste es unser grösstes Interesse sein, die Bedingungen zu schaffen, damit wir das bestmögliche Wissen zu einer zentralen globalen Frage zur Verfügung haben. Bleiben wir open-minded und nehmen wir ernst, was Leute, die etwas von Klima verstehen, zu sagen haben. In der Wirtschaftspolitik brauchen wir auch nicht hundertprozentige wissenschaftliche Sicherheit, um Entscheide zu fällen. Je länger wir zuwarten mit Klimaschutzmassnahmen, desto teurer werden sie.

Bern versteht sich mit dem Oeschger-Zentrum als wichtiger Knotenpunkt der Klimaforschung. Ist das gerechtfertigt? Die Zahl der Klimaforschungsinstitute weltweit ist so gross, dass es schwierig ist, als einzelnes Zentrum Aufmerksamkeit zu erregen. Bern ist vor allem bekannt wegen einzelner Namen, Thomas Stocker etwa. Was ich toll finde am Oeschger-Zentrum, ist die meiner Meinung nach zukunftsweisende Verbindung von Natur- mit Gesellschaftswissenschaften. Denn: Der Erde ist es egal, ob die Klimaerwärmung stattfindet. Sie betrifft uns Menschen, und deshalb ist sie vor allem ein gesellschaftlicher Challenge.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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