Hochwasser in Venedig: Markusplatz komplett gesperrt

Rom spricht 20 Millionen Euro für Soforthilfe. Die Bürger beklagen ein milliardenschweres Versagen.

Rekordhochwasser in Venedig: Das Wasser stieg auf 187 cm über dem Meeresspiegel – der höchste Wert seit der verheerenden Überschwemmung im Jahr 1966. (Video: Tamedia)

Nach dem schweren Hochwasser in Venedig hat sich die Lage am Freitag erneut angespannt. Da der Wasserstand in Venedig am Freitagvormittag wegen einer Schlechtwetterfront verbunden mit Schirokko-Wind weiter anstieg, beschloss Bürgermeister Luigi Bruganro den Markusplatz vollständig zu sperren. Ausserdem wurde der öffentliche Wasserverkehr auf dem Canal Grande eingestellt. Er rief die Bevölkerung auf, wenn möglich, zu Hause zu bleiben.

Der Markusplatz ist der tiefste Punkt der Lagunenstadt und daher vom Hochwasser am stärksten betroffen. «20 Zentimeter mehr Hochwasser haben den Unterschied gemacht und Venedig zerstört. Ich hoffe, dass uns der Heilige Markus schützt. Wir haben öfters schon Hochwasser erlebt, doch diesmal ist es anders», betonte Brugnaro im Interview mit dem TV-Sender «Canale 5».

Am späten Freitagmorgen gegen 11.20 Uhr wird mit einem Pegelhöchststand von 145 Zentimetern über dem normalen Meeresspiegel gerechnet, wie die Kommune Venedig am späten Donnerstagabend twitterte. Die Schulen sollen geschlossen bleiben, der Dogenpalast schliesst ebenfalls.

Besserung ist nicht in Sicht: Im ganzen Norden Italiens, aber auch in anderen Landesteilen werden für die nächsten Tage weiter heftige Niederschläge erwartet. Das Ausmass der Schäden ist noch nicht abzusehen. Am Freitagabend werden die Pegelstände laut italienischer Nachrichtenagentur Ansa aber zunächst einmal auf rund 100 Zentimeter zurückgehen.

Nach dem verheerenden Hochwasser in Venedig ist ein Streit über den mangelnden Flutschutz der Unesco-Welterbestadt entbrannt. Ein Milliarden-Projekt zum Hochwasserschutz sollte eigentlich schon längst fertig sein – doch Skandale und schleppende Bürokratie verzögerten den Bau immer weiter.

Hoteliers beklagte schwere Schäden an Touristenunterkünften. Viele Touristen hätten ihre Reisen storniert, sagte Laura Ferretto vom Hotelverband Federalberghi Veneto am Donnerstag. «Es gab so viele Versprechen und nichts wurde getan», sagte sie mit Bezug auf den Flutschutz.

Der Skandal um «Mose»

Das Projekt namens «Mose» – kurz für Modulo Sperimentale Elettromeccanico – sollte eigentlich schon 2014 in Betrieb gehen. Dabei sollen riesige, ausfahrbare Barrieren an drei Eingängen in die Lagune das Hochwasser abhalten.

Vor mehr als 15 Jahren begannen die Arbeiten, die knapp sechs Milliarden Euro kosten. Ein Korruptionsskandal verzögerte das umstrittene Mammutwerk allerdings. Auch gibt es seit jeher Kritik, dass ein Eingriff in das sensible Ökosystem der Lagune mehr schade als nutze. Die Skepsis ist gross. «Mose» trägt bereits den Namen «die grosse Unvollendete».

Nach den katastrophalen Bildern der Zerstörung beeilten sich Politiker zu versichern, dass das Projekt im kommenden Jahr fertig werde. «In den letzten Jahren gab es viele Skandale. Es gab schwere Verzögerungen», räumte Infrastrukturministerin Paola De Micheli in einem Radiointerview ein. Jetzt seien aber bereits 93 Prozent fertiggestellt.

Conte verhängt Notstand

Am Donnerstag verhängte die italienische Regierung den Notstand über Venedig. Damit werden Geldmittel für die Schadensbehebung freigesetzt. Ministerpräsident Giuseppe Conte kündigte nach einer Ministerratsitzung in Rom an, dass die Regierung 20 Millionen Euro für Soforthilfen locker mache.

Private können mit bis zu 5000 Euro und Geschäftsleute mit bis zu 20'000 Euro rechnen. Später werde der Staat bei grossen Schäden und nach eingehender Prüfung auch weitere Zahlungen leisten. «Wir werden Venedig nicht im Stich lassen», sagte Conte, der am Donnerstag die überschwemmte Stadt besuchte.

Auf «mehrere Hundert Millionen Euro» bezifferte der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, die Schäden in der Stadt, die jährlich Millionen Touristen anzieht. Der ehemalige EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani sprach mit EU-Kommissar Johannes Hahn, damit Venedig Hilfe aus dem europäischen Solidaritätsfonds erhalte. Laut dem Handelsverband Confesercenti haben 90 Prozent der Geschäfte und Handwerker der Innenstadt Schäden zu beklagen.

Höchster Wert seit 50 Jahren

Der Wasserstand war getrieben durch heftigen Wind in der Nacht zu Mittwoch auf 187 Zentimeter über dem normalen Meeresspiegel gestiegen – das war der höchste Wert seit einer verheerenden Flut im Jahr 1966 und bedeutet, dass mehr als 80 Prozent der historischen Stadt unter Wasser stehen. Am Donnerstag entspannte sich die Lage etwas. Vormittags wurden 113 Zentimeter gemessen, doch neue Unwetter sollten heranziehen.

Wissenschaftler führen die zunehmenden Fluten in Venedig auf den Klimawandel zurück, der den Meeresspiegel steigen lässt. «Das Hochwasser in Venedig bringt das Problem der absoluten Trägheit an die Oberfläche, mit der man in Italien das Phänomen des Meeresspiegelanstiegs angeht», erklärte Luigi Merlo vom Handelsverband Confcommercio.

Viele halten auch die grossen Kreuzfahrtschiffe, die tiefe Fahrrinnen für die Anfahrt brauchen, für eine Gefahr, dass die zudem Stadt absinkt.

Und so müssen erst Bilder wie von einem vollkommen überschwemmten Markusdom um die Welt gehen, dass sich Italien wieder des Problems bewusst wird. Kulturdenkmäler seien durch salziges und schmutziges Wasser in Mitleidenschaft gezogen worden, sagte Kulturminister Dario Franceschini und sprach von einem «Notfall». Kunstwerke in Sammlungen oder Material in Archiven und Bibliotheken seien aber nach ersten Erkenntnissen nicht beschädigt worden.

Bewohner schockiert

Während Touristen Selfies mit den Wassermassen machten, waren die Bewohner schockiert. «So was habe ich noch nicht gesehen. Es ist eine Katastrophe. Es ist wie ein Krieg. Wir haben es gewusst», sagte der Venezianer Ezio Toffolutti der Nachrichtenagentur DPA. Läden und Supermärkte seien alle im Erdgeschoss, die habe es deshalb schlimm erwischt. Gefährlich seien die elektrischen Leitungen. «Eine schreckliche Zeit», sagte der Bühnenbildner.

Auch er kritisierte das Flutschutzsystem «Mose». Das Projekt sei «dumm». «Jeder, der die Lagune kennt, weiss, dass man die Lagune nicht mir Beton zumachen kann.» Viele Venezianer werfen Politikern vor, die Stadt an Tourismus- und Kreuzfahrtunternehmen verkauft zu haben und sich nicht wirklich um den Schutz zu kümmern.

Ministerpräsident Conte traf am Donnerstag auch Kioskbesitzer Walter Mutti, der bei der Flut alles verloren hatte. Bilder hatten gezeigt, wie sein Kiosk in den braunen Wassermassen davon trieb. «Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo er sein könnte», sagte Mutti in einem Interview der Römer Zeitung «La Repubblica» (Donnerstag) auf die Frage nach dessen Verbleib.

sda/red/chk

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