Hinrichtung wird wegen Harvey verschoben

Zur Bekämpfung des Hochwassers werden rund 10'000 weitere Nationalgardisten nach Texas entsandt. Ein Todeskandidat bekommt dank der Katastrophe eine Galgenfrist.

Das Ausmass von Hurrikan Harvey: Ein Zeitraffer-Video zeigt, wie schnell das Wasser anstieg. (Video: Tamedia/Dani Roisman/Exavier Blanchard via Storyful)

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Wegen Hurrikan Harvey wird ein Todeskandidat in Texas nicht wie vorgesehen am 7. September hingerichtet. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine Verschiebung der Hinrichtung auf den 14. Dezember wegen «aussergewöhnlicher Umstände».

Einige der Verteidiger des 36-jährigen Häftlings kommen aus Harris County, das schwer von den Überschwemmungen getroffen wurde. Am Mittwoch stimmte ein Richter der Verschiebung des Hinrichtungstermins zu. Der Häftling hat laut Urteil bei einem Raubüberfall 2003 einen 19-Jährigen getötet. Er soll im Gefängnis von Huntsville mit der Giftspritze hingerichtet werden.

10 000 weitere Nationalgardisten entsandt

Zur Bekämpfung der Hochwasserfolgen werden rund 10'000 weitere Nationalgardisten nach Texas entsandt. Gouverneur Greg Abbott sagte am Mittwoch, «das Schlimmste ist noch nicht vorbei» im Südosten des Staats. Dort hielten die Überschwemmungen an, während sie im Raum Houston erstmals wieder zurückgingen.

Mit der Ankunft der zusätzlichen Nationalgardisten seien dann etwa 24 000 im Einsatz, sagte Abbott. Bereits am Wochenende hatte er alle verfügbaren Mitglieder der texanischen Nationalgarde aktiviert. Bislang habe sie mehr als 8500 Rettungseinsätze absolviert, erklärte er.

Versunkener Van mit sechs Toten entdeckt

Polizisten haben im Überschwemmungsgebiet in Texas den Van einer Familie entdeckt, der in Houston von einer Brücke in einen Sumpf gespült worden war. Das Fahrzeug, in dem die Leichen von sechs Familienmitgliedern vermutet werden, sei drei Meter tief in dem schlammigen Bayou versunken, sagte der Sheriff von Harris County, Ed Gonzalez, am Mittwoch.

Bei den Insassen handelt es sich den Angaben zufolge um zwei Erwachsene und vier Kinder. Ein weiteres Familienmitglied hatte sich nach eigenen Angaben durch ein Fenster aus dem Wagen retten können.

20 bestätigte Todesfälle

Der Sprecher eines Sheriffs nördlich von Houston hat am Mittwoch zwei weitere Todesfälle im Zusammenhang mit Hurrikan Harvey bestätigt. Die Zahl der Toten stieg damit auf mindestens 20.

Ein 33-Jähriger sei am Montag mit seinem Wagen in tiefes Wasser gefahren und mit dem Fahrzeug fortgespült worden, erklärte Bryan Carlisle vom Büro des Sheriffs im Montgomery County nördlich von Houston. Ein weiterer Mann sei umgekommen, als er eine überflutete Strasse schwimmend überqueren wollte, sagte Carlisle.

Bei einem ihrer Einsätze entdeckten Helfer in einem Kanal in Beamount ein durchnässtes kleines Mädchen, das sich an seine ertrunkene Mutter klammerte. Ein Sprecher der Feuerwehr in Beamount erklärte, die Mutter habe das 18 Monate alte Kind in Sicherheit bringen wollen und sei dann von der Strömung erfasst worden.

US-Präsident Donald Trump schrieb am Mittwoch nach seinem Besuch in der Region, seine Gedanken seien noch mehr bei den Texanern, nun, da er aus erster Hand den «Horror und die Zerstörung» durch Harvey gesehen habe.

Gigantische Zahlen der Not

Nach texanischen Behördenangaben sind von den Überschwemmungen mehr als 48'700 Wohnhäuser betroffen. Mehr als 1000 Wohnhäuser seien zerstört worden, heisst es in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht der texanischen Behörde für öffentliche Sicherheit. Weitere 17'000 seien stark beschädigt worden, 32'000 leicht.

In Harris County, einem der grössten Bezirke des Staats, in dem auch die Millionenstadt Houston liegt, wurden demnach 43'700 Wohnhäuser beschädigt und 770 zerstört. Zudem wurden in Texas fast 700 Geschäfte beschädigt. Die Behörde kündigte an, ihren Bericht täglich auf den neuesten Stand zu bringen. Es wurde daher damit gerechnet, dass die Zahlen noch steigen würden.

Mehr als 32'000 Menschen haben in Texas vor dem Hochwasser Zuflucht in Notunterkünften gesucht. Weitere 30'000 Betten stünden bei Bedarf bereit, sagte der texanische Gouverneur Greg Abbott am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Austin. Etwa 107'000 Haushalte seien noch ohne Strom, ein Rückgang gegenüber fast 140'000 am Wochenende.

Harvey zieht Richtung Norden

Nach den schwersten Regenfällen in der US-Geschichte lässt sich in Houston erstmals wieder die Sonne blicken. Doch dort und in anderen Hochwassergebieten von Texas war die Lage nach wie vor dramatisch. Die Küstenstadt Port Arthur war von der Aussenwelt fast abgeschnitten.

Die Gefahr für die Menschen in den Hochwassergebieten war damit aber noch nicht vorbei. Vielerorts sassen Menschen in ihren Häusern fest, ganze Strassenzüge standen nach wie vor unter Wasser. Zudem müssen sich nun auch andere Staaten für Harvey wappnen.

Weitere Städte bereiten sich vor

In Louisiana traf der Sturm am Mittwoch ein zweites Mal auf Land. Nach Einschätzung des Nationalen Hurrikanzentrums dürfte er auf dem Weg nach Norden weiter grosse Regenmengen mit sich bringen. Arkansas, Tennessee und auch Teile von Missouri bereiteten sich auf mögliche Überschwemmungen vor.

Doch für Houston gaben Meteorologen vorsichtige Entwarnung. «Wenn wir dieses Ding endlich ins Landesinnere bekommen, ist das das Ende vom Anfang», sagte Dennis Feltgen vom Hurrikan-Zentrum. «Texas bekommt endlich eine Gelegenheit zu trocknen, wenn dieses Sturmsystem abzieht.» Fast alle Flüsse und Kanäle im Grossraum Houston erreichten am Mittwoch ihren Scheitelpunkt, die Pegelständen gingen langsam wieder zurück, wie Behördensprecher Jeff Lindner sagte.

Doch das bedeutete nicht, dass auch die Wassermassen gleich versickerten. Denn immerhin hatte Harvey dem US-Festland so viel Regen gebracht wie noch nie ein Sturm zuvor seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. 132 Zentimeter wurden etwa in Cedar Bayou gemessen.

Grösste Ölraffinerie geschlossen

Motiva Enterprises hat den Betrieb einer Raffinerie im texanischen Port Arthur wegen der von den heftigen Regenfällen verursachten Überschwemmungen in der Region vorübergehend eingestellt. Das Management habe sich am Mittwoch zur Schliessung der grössten Raffinerie der USA entschieden, berichtete der Fernsehsender CNN.

Am Dienstag hatte das zur saudischen Saudi Aramco gehörende Unternehmen eine Produktionsverringerung um 40 Prozent bekannt gegeben. Beim Zufluss von Rohöl und dem Abtransport von Ölprodukten wie Benzin durch Pipelines und Häfen komme es zu Behinderungen, teilte Motiva mit.

Von Exxon, Shell und anderen Unternehmen betriebene Raffinerien haben Schadstoffe freigesetzt, nachdem sintflutartige Regenfälle Speichertanks und andere Einrichtungen an der texanischen Küste beschädigten.

Ausgehverbot in Houston

Teile der Küste von Texas waren am Mittwoch durch das Hochwasser von der Aussenwelt weitgehend abgeschnitten. Die Region an der Grenze zu Louisiana sei nahezu unerreichbar, da die Interstate 10 und viele andere Strassen überflutet seien, sagte ein Behördensprecher. Besonders schlimm war die Lage in der Stadt Port Arthur, an der «Harvey» vorbeigezogen war, bevor er wieder auf Land traf.

In Houston erliess Sylvester Turner ein Ausgehverbot. Er erklärte, das Verbot gelte von Mitternacht bis 5.00 Uhr am Morgen und diene der öffentlichen Sicherheit. Es gebe keinen Grund für die Menschen, zu diesen Zeiten nach draussen zu gehen. Zuvor hatte es vereinzelt Berichte über Plünderungen gegeben. (kaf/fal/dapd/sda)

Erstellt: 30.08.2017, 22:49 Uhr

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