Genfer Einsichten

Der Prozess gegen den guatemaltekischen Ex-Polizeichef offenbart Schreckliches.

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Keine Stadt der Welt ist für den Schutz der Menschenrechte wichtiger als Genf. Sondergesandte informieren am Sitz des UNO-Menschenrechtsrats über das tägliche Morden in aller Welt, auch in Guatemala. Diesen Berichten zufolge fallen in dem zentralamerikanischen Staat jährlich gegen 6000 Menschen Gewaltverbrechen zum Opfer, für ein Zehntel sollen Funktionäre des Staates verantwortlich sein.

Doch Zahlen bilden die Realität nur bedingt ab. Mit dem Mordprozess gegen Erwin Sperisen, den Ex-Chef der guatemaltekischen Polizei mit Schweizer Pass, erhält Genf nun Anschauungsunterricht, Nachhilfe sozusagen. Die brutale Realität in Guatemala überträgt sich in den Gerichtssaal – weniger wegen der zehn Morde, die Sperisen zur Last gelegt werden, als wegen der Zeugen, die gegen ihn aussagen. Wer zu viel über Verbrechen weiss und erzählt, wird in Guatemala aus der Welt geschafft. Das wissen inzwischen auch die Genfer Richter. Tag für Tag hören sie Zeugen sagen: «Mit meiner Aussage riskiere ich mein Leben und bringe meine Familie in Gefahr.» Im Gerichtssaal sind denn auch nur Anwälte und Journalisten zugelassen.

Gestern sagte ein ehemaliger Gefängniswärter aus, der mitverfolgt hatte, wie Sperisen am 25. September 2006 mit 3000 Polizisten und Soldaten im Gefängnis Pavón einmarschiert war. Er soll dort ein Blutbad angerichtet haben. Der Wärter bezeichnete sich als Überlebenden. Er hätte nach Sperisens Invasion umgebracht werden sollen, ein Freund warnte ihn, also floh der Mann und lebt heute, mutmasslich unter neuer Identität, im Exil. Auch die Hauptklägerin im Mordprozess, eine 70-jährige Guatemaltekin, deren Sohn Sperisen getötet haben soll, ist in ihrer Heimat keineswegs sicher. Menschenrechts­beauftragte sollten sie schützen. Doch diese konnten nicht verhindern, dass am Wochenende zwei Unbekannte die Dame besuchten und bedrohten.

Der Angeklagte selbst hat dem Gericht zu Prozessbeginn gesagt: «Ich habe die Situation in Guatemala erlebt.» Im friedlichen Genf könne man nicht verstehen, was da passiere. Er hat recht. Und das ist unheimlich.

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