Die Verlierer der «Schweizer Route 66»

Vier Kantone werden bei der neuen Tourismusstrecke «Grand Tour of Switzerland» umfahren. Die Gründe – und Reaktionen aus den betroffenen Gebieten.

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Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

«Mit ein wenig gutem Willen wäre das machbar gewesen» – Markus Bolliger, Geschäftsleiter von Obwalden Tourismus, fühlt sich vor den Kopf gestossen. Der Grund: die neue Touringroute «Grand Tour of Switzerland» von Schweiz Tourismus. Angelehnt an die Route 66 in den USA oder die Garden Route in Südafrika sollen Besucher der Schweiz die Höhepunkte des Landes mit dem Auto erkunden.

Die 1600 Kilometer lange Route führt durch Städte wie Zürich, St. Gallen, Luzern und Bern und zu touristischen Attraktionen wie dem Rheinfall, dem Kloster Einsiedeln oder dem Olympischen Museum. Acht bis zehn Tage soll eine Rundfahrt dauern. Gänzlich umfahren wird der Kanton Obwalden. Zu Unrecht, findet Markus Bolliger. Schweiz Tourismus habe ihm die Strecke «zur Kenntnisnahme» geschickt.

Dabei habe der Kanton Obwalden für Touristen einiges zu bieten: Die Geburts- und Wirkungsstätte des heiligen Bruder Klaus in Sachseln, den geografischen Mittelpunkt der Schweiz, die steilste Zahnradbahn der Welt auf den Pilatus. Und auch die Cabrioseilbahn auf das Stanserhorn in Nidwalden werde ausgelassen. «Ich habe versucht, bei Schweiz Tourismus zu intervenieren, aber man konnte im Januar anscheinend nichts mehr ändern», sagt Bolliger.

«Wir waren nicht involviert»

«Das Vorgehen zeigt die Dominanz von Schweiz Tourismus», sagt Urs Raschle, Leiter von Zug Tourismus. Auch er erfuhr von der Route, als diese schon fertig geplant war – und feststand, dass der Kanton Zug komplett umfahren wird. «Wir waren in den Entstehungsprozess überhaupt nicht involviert.» Die Schweiz ist in 13 Tourismusregionen unterteilt, Zug gehört zum selben Gebiet wie Zürich. Dort habe man nach Bekanntwerden der Route nachgefragt, was das solle, sagt Raschle. Ändern konnte man aber nichts mehr.

Dabei böte sich laut Raschle ein Schlenker durch den Kanton Zug an: Von Schwyz nach Arth-Goldau, bei Cham eine Schifffahrt auf dem Zugersee und danach ein Bummel durch die Zuger Altstadt. Dann durchs Aegerital bis zum Denkmal der Morgartenschlacht und zu den Tropfsteinhöhlen Höllgrotten. «Das wäre eindeutig schöner als die Schnellstrasse nach Sattel», sagt Raschle.

Insgesamt halte er die Routenführung für gelungen, da viele touristische Highlights abgedeckt seien. Für Zug bleibe aber ein schaler Beigeschmack. «Es zeigt, wie wir eingeschätzt werden.» Wenigstens – so Raschle – sieht man den Aegerisee, wenn man auf der Grand-Tour-Route von Schwyz nach Sattel fährt.

Glarus findet es «schade»

Der Kanton Solothurn wird von der neuen Touringroute nur am nördlichen Rand gestreift. Das Positive der neuen Strecke überwiege dennoch bei weitem, sagt Jürgen Hofer, Tourismusdirektor der Region Solothurn. «Wir wollen andocken und den Personen, die die Grand Tour fahren, kleinere Routen durch unsere Region anbieten.» Zudem habe Schweiz Tourismus die Route erst vorgeschlagen und zur Stellungnahme aufgefordert. «Wir hatten aber keine Einwände», sagt Hofer.

Im Kanton Glarus, der komplett umfahren wird, findet man die Streckenführung «schade». Geografisch sei es wohl nicht anders gegangen, auch weil Glarus im Winter eine Sackgasse sei, sagt Stefan Elmer, Leiter der Standortentwicklung Kanton Glarus. «Aber Braunwald, der Kerenzerberg, der Walensee und die Textil-, Bier- und Schokoladenfabriken wären sicher touristisch interessant.» Man sei bei vielen anderen Projekten involviert, der Geopark Sardona etwa gehört zum Weltnaturerbe der Unesco. Und man hoffe, ab 2016 Vorschläge für regionale Routen der Grand Tour umsetzen zu können.

«Die meisten hatten Verständnis»

Tatsächlich sind solche Abzweiger der Hauptroute schon angedacht. «Die Subrouten sind Bestandteil des Konzeptes und die Destinationen können etwas daraus machen», sagt Martin Nydegger, Geschäftsmitglied von Schweiz Tourismus. Angesprochen auf die Unzufriedenheit in den vernachlässigten Kantonen sagt Nydegger, man habe alle Tourismusverantwortlichen über die Pläne vorinformiert. «Die meisten von ihnen hatten Verständnis dafür, dass eine solche Route nicht die ganze Schweiz abdecken kann.»

Ein Jahr lang habe man die Route gemeinsam mit den 13 Tourismus-Regionaldirektoren und diversen anderen Parteien entwickelt. «Für uns stand immer die Attraktivität für den Gast im Zentrum», sagt Nydegger. Es sei von Anfang an klar gewesen, dass man nicht alle Tourismusattraktionen berücksichtigen könne, da die Route sonst viel zu lang geworden wäre.

So etwa auch bei der Region Surselva mit der spektakulären Rheinschlucht. Hier kann in einem nächsten Schritt eine Subroute Abhilfe schaffen und zu Highlights abseits der Hauptstrecke führen.

Eine Schwierigkeit ist laut Nydegger allerdings die Signalisation: «Das wird ein Langzeitprojekt.» Man stelle deshalb in einem ersten Schritt Karten und eventuell auch vorprogrammierte Navigationsgeräte zur Verfügung.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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