«Die Mutter als Täterin ist immer noch ein Tabu»

Im Missbrauchsfall von Freiburg im Breisgau erschüttert die Rolle der Mutter. Eine Familienforscherin erklärt, warum Täterinnen oft zu lange vertraut wird.

Die Familie ist immer noch der Tatort Nummer eins bei Kindesmissbrauch.

Die Familie ist immer noch der Tatort Nummer eins bei Kindesmissbrauch.

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Sabine Andresen ist Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität Frankfurt und leitet die erste Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindermissbrauchs in Deutschland, die Betroffene anhört und sich auch mit dem Thema Familie und der Rolle der Mutter beschäftigt.

Ein Junge wird über Jahre missbraucht und gegen Geld im Internet angeboten. Zu den mutmasslichen Tätern gehört auch die Mutter, die in mindestens einem Fall die Misshandlung ihres Sohnes mitorganisiert haben soll. Was ist mit dieser Mutter los, Frau Andersen?

Das ist aus der Ferne schwer zu sagen. Nach allem, was wir bislang wissen, hat auch sie ihren Sohn missbraucht, hat ihn schutzlos ihrem Partner und anderen Gewalttätern ausgeliefert. Das ist sehr brutal. Mich macht es aber auch nachdenklich, dass uns die Grausamkeit der Mutter so erschüttert. Die Mutter als Täterin ist immer noch ein Tabu. Wir wissen wenig darüber und vielleicht wollen wir auch gar nicht so genau wissen, dass auch Frauen Kinder sexuelle Gewalt antun können. In diesem Fall haben die Behörden der Mutter offenbar vertraut. Vielleicht hat sie gut darlegen können, dass sie ihren Jungen schützt. Die Frage ist aber, welche Bedeutung hat hier die historisch gewachsene Vorstellung der Mutter, die unter Schmerzen ihr Kind gebiert und wie eine Löwin um es kämpft? Vielleicht trägt dieses Bild mit dazu bei, dass wir bei Täterinnen zu lange brauchen, einem Kind zu helfen.

Sie haben die Rolle der Mutter bei Missbrauchsfällen untersucht. Mit welchem Ergebnis?

Die Familie ist immer noch der Tatort Nummer eins. Die grosse Mehrheit sexueller Gewalt geht nach wie vor von Männern aus, aber immerhin in zehn bis zwanzig Prozent der Fälle sind es Täterinnen. Aber dazu gibt es kaum Forschung. Ich denke, viele Mütter wollen den Missbrauch beenden, aber sie wissen oft nicht wie. Aus den Berichten der Betroffenen, die zwischen zwanzig und achtzig Jahre alt sind, lassen sich drei Gruppen unterscheiden: Betroffene berichten von Müttern, die geholfen haben, sobald sie sich ihnen anvertraut haben. In einzelnen Fällen war die Mutter (Mit-)Täterin, wie in diesem aktuellen Fall. Und dann, gar nicht so selten, gibt es die Mutter als Mitwisserin, die nicht in der Lage oder willens war zu helfen. Entweder, weil sie selbst Gewalt erlitten hat und sich ohnmächtig fühlt. Oder, und das ist das Besondere am Tatort Familie, weil die Mutter zum Täter hält.

Ihre Kommission hat zahlreiche Betroffene angehört. Ist der Breisgauer Fall wirklich so beispiellos, wie die Ermittler sagen?

Es kommt häufiger vor, dass ein Missbrauch in der Familie beginnt und ein Kind dann etwa an Freunde oder Bekannte der Eltern weitergegeben wird. Besonders schockierend am Breisgauer Fall finde ich, wie ein Kind hier im Internet angeboten wurde und welche Vereinbarungen zu regelmässigem Missbrauch in dem Netzwerk getroffen wurden. Aber ich fürchte, es gibt solche Täternetzwerke in allen sozialen Milieus.

Schockierend ist auch, dass der Junge bereits im März 2017 vier Wochen in der Obhut des Jugendamts und einer Bereitschaftspflege war. Kann es sein, dass man einem derart schwerwiegend missbrauchten Kind nichts anmerkt?

Nicht jedes missbrauchte Kind zeigt Anzeichen und nicht jedes Kind zeigt die gleichen Anzeichen. Es ist ja eine gängige Täterstrategie, das Kind einzuschüchtern und es mit starken Schuldgefühlen zu beladen. Viele Betroffene erzählen, wie sie, um beispielsweise überhaupt in die Schule gehen zu können, das Erlebte von sich abspalten. Und, das leuchtet mir am meisten ein, vier Wochen sind eine vergleichsweise kurze Zeit, um sich jemandem mitzuteilen, wenn das Vertrauen eines Kindes so massiv zerstört wurde wie in diesem Fall. Ich denke, man kann der Bereitschaftspflege hier keinen Vorwurf machen. Wir können nur hoffen, dass das Kind jetzt eine gute Betreuung bekommt, sich sicher fühlt, Vertrauen zu anderen Menschen fassen und allmählich darüber sprechen kann.

Hat eine Therapie in einem solchen Fall überhaupt Aussicht auf Erfolg?

Es wäre furchtbar, wenn einem Kind, das so Schreckliches erlebt hat, nicht geholfen werden könnte. Zunächst braucht der Junge einen Alltag, in dem er auf Erwachsene und andere Kinder stösst, die zuhören und es aushalten, wenn Erinnerungen hochkommen. Aber Betroffene brauchen manchmal auch Jahre später noch Unterstützung. Viele Menschen, die als Kind missbraucht wurden, berichten von Phasen als Erwachsene, in denen sie nicht arbeiten konnten.

Gibt es eine finanzielle Unterstützung in Deutschland?

Es gibt das Opferentschädigungsgesetz und den Fonds «Sexueller Missbrauch im familiären Bereich». Allerdings ist die Antragstellung zum Teil sehr bürokratisch, die Bearbeitungszeiten sind zu lang und beim Opferentschädigungsgesetz müssen betroffene Menschen eindeutig nachweisen, dass ihre heutigen Probleme mit dem Missbrauch in der Kindheit zusammenhängen. Das erleben viele als demütigend. Sie fühlen sie wieder ausgeliefert wie in der Kindheit. Hinzu kommt, dass es in der Gesellschaft zu wenig Sensibilität und Anerkennung für das erlebte Unrecht gibt. Viele Betroffene haben Angst, stigmatisiert zu werden, wenn sie in der Arbeit oder im Freundeskreis über die erlittene sexuelle Gewalt reden.

Weil es das gängige Klischee gibt, dass aus Opfern später Täter werden?

Diese Kausalität wird leider oft hergestellt. Dabei übersieht man, dass die grosse Mehrheit der Menschen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, eben nicht Täter werden. Das Hauptproblem ist aber, dass sich viele Menschen einfach gar nicht dem Thema auseinandersetzen wollen.

Was wäre nötig, um Kinder besser zu schützen?

Wir werden es nicht schaffen, hundertprozentige Sicherheit herzustellen. Aber wir können ein Bewusstsein für das Ausmass von sexuellem Missbrauch schaffen. Viele Menschen schauen bei Verdachtsfällen weg. Gar nicht unbedingt aus böser Absicht, sondern eher, weil sie es nicht glauben wollen, dass – wie im Breisgauer Fall – eine Mutter Täterin ist. Wir müssen sicherstellen, dass diese Menschen handeln und zwar nicht panisch, sondern mit Bedacht. Dafür braucht es das nötige Wissen.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich einen Verdacht habe?

Der Missbrauchsbeauftragte in Deutschland hat ein Portal und eine Hotline eingerichtet, wo man sich informieren kann und Hilfe bekommt. Aber das reicht nicht. Wir brauchen bessere Strukturen überall dort, wo Kinder sind, zum Beispiel in der Schule: Gar nicht so selten vertraut sich ein Kind einer Lehrkraft an, hier liegt ein enormes Potential. Lehrer und Lehrerinnen sind aber auf eine Zusammenarbeit mit Beratungsstellen angewiesen, um richtig handeln zu können. Kinder haben oft sehr viel Angst. Der Täter hat ihnen eingeredet: Wenn du etwas sagst, wird die Mama ganz krank oder die Familie bricht auseinander. Deshalb ist es wichtig, das Kind einzubeziehen, ihm die nächsten Schritte zu erklären und beispielsweise zu sagen: Ich bin froh, dass du mit mir gesprochen hast und ich möchte jemanden fragen, der sich auskennt. Um so zu reagieren, braucht es aber Wissen, Vernetzung, Kompetenzbündelung und eine verantwortungsvolle Haltung. An Schulen, in Gerichten, beim Jugendamt – auch das hat der Breisgauer Fall gezeigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2018, 10:09 Uhr

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